Modellstudiengang an der Uni Oldenburg Studium für Flüchtlinge

von Reinhold Friedl - 02.09.2010

Weitere Informationen:

Zum Studiengang unter http://www.ibkm.uni-oldenburg.de/19186.html oder unter: Dr. Anwar Hadeed: anwar.hadeed@uni-oldenburg.de

 

Mehrdad Razi ist Flüchtling, stammt aus dem Iran, war dort Lehrer und übersiedelte nach Oldenburg. Da seine qualifizierte Ausbildung aus dem Herkunftsland in Deutschland nicht anerkannt wird, bewarb er sich als Student im Modellstudiengang für hoch qualifizierte Flüchtlinge und Migranten an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Ein bisher in Europa einmaliger Studiengang.

Für höher qualifizierte Flüchtlinge und Migranten gab es bisher keine speziellen Angebote, die ihre mitgebrachten Kompetenzen und Qualifikationen hinreichend berücksichtigen und zum Erhalt und Ausbau vorhandener Humanressourcen durch eine adäquate Weiterbildung beitrugen. Ausnahme: Der weiterbildende Studiengang „Interkulturelle Bildung und Beratung“ (Bachelor of Arts) am „Interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen“ (IBKM) der Universität Oldenburg. Hier können sich seit dem Wintersemester 2006/07 Migrantinnen und Migranten mit pädagogischer, sozialpädagogischer oder sozialwissenschaftlicher Grundausbildung auf universitärem Bachelor-Niveau weiterbilden.

Weiterbildung verhindert beruflichen Abstieg

Erste Studien zeigen, dass durch den Erwerb eines international anerkannten Studienabschlusses, nach einem aufgrund der Vorqualifikationen auf 4 Semester verkürzten Studium, die Arbeitsmarktchancen für diese Zielgruppe nachhaltig verbessert werden können.

Trotz vielfacher Bemühungen, in Deutschland eine Arbeitsstelle im erlernten Beruf zu finden, ist bei einem Großteil der hoch qualifizierten Flüchtlinge und Migranten ein deutlicher Abstieg in ihrer beruflichen Stellung zu konstatieren. Sie arbeiten, wenn überhaupt, überproportional häufig in geringfügig bezahlten und instabilen Beschäftigungsverhältnissen. Damit können sie den notwendigen Lebensunterhalt oft nicht selbst aufbringen. Häufig sind sie auch von der Bafög-Förderung – nicht zuletzt wegen der Altersgrenze – ausgeschlossen. Eine Eigenfinanzierung des Studiums ist bei vielen Studierenden nicht möglich. Dadurch geraten diese Studierenden, die überwiegend verheiratet sind und Kinder haben, immer wieder in Notsituationen mit der Gefahr, den Studiengang nicht zu Ende führen zu können.

Dieser Studiengang stellt für sie allerdings die einzige Chance dar, ein Studium zu absolvieren und ihre berufliche Perspektive in Deutschland zu verbessern. Was auch für eine mögliche Rückkehr gilt.

Aus diesem Grunde unterstützt die UNO-Flüchtlingshilfe, die deutsche Partnerorganisation des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR), diesen Studiengang mit Finanzmitteln, die für einen Nothilfefonds bereit gestellt wurden. Diese stehen u.a. zur Überbrückung von Notlagen von studierenden Flüchtlingen zur Verfügung. Dazu gehören u.a. auch Beschaffung von Fachliteratur, wissenschaftliche Recherchen bei Wohlfahrtsverbänden und Psychosozialen Zentren für traumatisierte Flüchtlinge, Teilnahme an Fachtagungen und wissenschaftlichen Exkursionen sowie andere Notsituationen, die den Studienerfolg gefährden. Etliche der studierenden Flüchtlinge berichten von vorheriger hilfreicher Unterstützung durch UNHCR bei ihren vielfältigen Fluchtschicksalen, ohne die sie gar nicht bis zu dieser hoffnungsvollen Perspektive gelangt wären.

Erfolgreicher Modellstudiengang

Im ersten Durchgang dieses einzigartigen Modellstudiengang befanden sich 24 Studierende, davon 17 Frauen und 7 Männer, aus 13 Ländern in Afrika, Lateinamerika, Asien und Osteuropa, die qualifizierte Abschlüsse aus ihrem Herkunftsland haben, die in Deutschland nicht anerkannt werden. Sie wurden aus einem Vielfachen an Bewerbern ausgewählt. Zu den Auswahlkriterien gehörten u.a. auch entsprechende deutsche Sprachkenntnisse. Allerdings hat es sich als notwendig erwiesen, dass die Studierenden zur erfolgreichen Absolvierung des Studienganges zusätzlich einen studienbegleitenden Kursus „Deutsch als Fach-/Wissenschaftssprache“ erhalten. In diesem Kursus werden insbesondere folgende Punkte vertieft: Verstehen und Interpretieren von wissenschaftlichen Texten, Übungen für Klausuren, Hausarbeiten und universitäre Prüfungen.

Inzwischen haben fast alle ihr Bachelor-Studium erfolgreich abgeschlossen, die anderen stehen kurz vor Abschluss ihrer Bachelor-Arbeiten. Das Thema von Mehrdad Razis Bachelor-Arbeit lautete „Islam-Unterricht an niedersächsischen Schulen“ und strebte somit einen Beitrag zur Interkulturellen Pädagogik und zum Interreligiösen Dialog aus berufener Quelle an. Alle Studierenden haben mittlerweile eine entsprechende Beschäftigung gefunden bzw. eine konkrete Berufsperspektive in Aussicht.

Der leider kürzlich verstorbene Prof. Dr. Rolf Meinhardt, der den Modellstudiengang mit Dr. Anwar Hadeed und Dipl.Päd. Winfried Schulz-Kaempf entwickelte, hat in der Folge  andere Fakultäten und Hochschulen über die Einführung eines Studienganges für hochqualifizierte Flüchtlinge und Migranten beraten, da dies Erfolgsmodell auf breites Interesse weit über die Universität Oldenburg hinaus gestoßen ist. An der Universität Oldenburg wird der Studiengang unter Leitung von Prof. Dr. Rudolph Leiprecht und dem Koordinator Dr. Anwar Hadeed erfolgreich fortgeführt.

Das Ziel dieses Studienganges ist der erfolgreiche Abschluss, damit die Lebensbedingungen der Studierenden verbessert werden und sie zu wirtschaftlicher Selbständigkeit und Unabhängigkeit gelangen und hierdurch einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung ihrer Aufnahme- oder Herkunftsländer leisten können. Dies entspricht übrigens auch einem wichtigen Ziel der UNHCR Richtlinien für die Bildung und Ausbildung von Flüchtlingen (UNHCR: Education Field Guidelines, Geneva, February 2003, p.4, para. 1.1.4).

 
 

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Channel: Bildung  
AutorIn: Reinhold Friedl  

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