Gerade hat Birgit Fischer im Frühstücksfernsehen über die steigenden Beiträge der Krankenkassen gesprochen. Jetzt ist es 9 Uhr, und sie steht am Frühstücksbuffet ihres Hotels in Berlin-Mitte. Einige Gäste drehen sich nach ihr um. Es scheint, als erkenne man sie wieder. Im Fernsehen ist sie jetzt öfter zu sehen. Seit Januar ist sie als Chefin der größten deutschen Krankenkasse, der fusionierten „Barmer GEK“, die mächtigste Frau im deutschen Gesundheitssystem.
„Der Blickwinkel im Gesundheitswesen muss sich ändern“, sagt Birgit Fischer mit ihrer leisen, tiefen Stimme. Hart geht sie mit dem Lobbyismus in der Gesundheitspolitik ins Gericht. Ihre klaren Worte unterstreicht sie mit ruhigen Handbewegungen. „In vielen Diskussionen kommen die Interessen der Ärzte, Apotheken oder die der Pharmaindustrie vor. Sehr selten sind es die Interessen der Versicherten.“
Fischer will das ändern und als Krankenkassenchefin „die Stimme der Versicherten“ sein. Ihr geht es um eine bessere Vernetzung von Ärzten, Kliniken und Patienten sowie um mehr Prävention „statt um Scheingefechte allein über Beiträge“, so die 56-Jährige, die Zeitungen als „mediengewandt, ausgesprochen sympathisch und uneitel“ beschreiben.
Wichtige Werte
Als erste Frau hat sie es an die Spitze einer Krankenkasse geschafft. Mit 8,5 Millionen Versicherten, einem Marktanteil von etwa 12 Prozent und einem Investitionsvolumen von 22 Milliarden Euro ist die fusionierte Barmer GEK die größte deutsche Krankenkasse. Den Amtsantritt hat Fischer genutzt. Sie gibt Interviews, ist politisch präsent. „Bundesgesundheitsminister Rösler will das Gesundheitssystem umstellen. Das heißt nichts anderes als Ausstieg aus dem solidarischen System“, erklärt die Ex-Politikerin und studierte Erziehungswissenschaftlerin. Die Finanzierungspläne der schwarz-gelben Koalition – eine Kopfpauschale für alle und einen Zuschuss aus Steuern für Bedürftige – bezeichnet sie als „Milchmädchenrechnung“. „Zwei von drei Versicherten geraten dadurch in die staatliche Abhängigkeit“, sagt Fischer.
Die politische Auseinandersetzung kennt sie gut. Vier Jahre war die Sozialdemokratin Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen. Angriffen Philipp Röslers, sie argumentiere parteipolitisch, stellt sie sich mit der professionellen Ruhe der Diplompädagogin. „Das ist ein Ablenkungsmanöver“, sagt Birgit Fischer. „Parteipolitisches Machtkalkül verbietet sich in so einem Unternehmen“. Sie wird nicht jeden Vorschlag der SPD gut finden und ebenso deutlich sagen, wenn CDU und FDP gute Vorschläge machen. „Für die Menschen ist es auch wichtig, zu wissen, welche Werthaltung jemand hat.“ Die Aufgabe, eine gesetzliche Krankenkasse zu führen, kann nur jemand gut machen, der auch ein politischer Mensch ist“, sagt sie.
Mit Charme ans Ziel
So wie Birgit Fischer. 15 Jahre lang war sie Abgeordnete im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Während des Studiums in Münster lernt sie ihren Mann Klaus kennen. Sie arbeitet in der Erwachsenenbildung und bemerkt, dass andere die Entscheidungen treffen – sie will mitreden. Sie tritt 1981 in die SPD ein, wird Mutter eines Sohnes und 1986 in ihrer Heimatstadt Bochum Gleichstellungsbeauftragte. Bei den Genossen im Ruhrgebiet setzt sie sich durch – auch mit Charme und Freundlichkeit.
1990 wird sie Landtagsabgeordnete. Ein Jahr später ist sie parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Fraktion. 1998 holt sie Ministerpräsident Wolfgang Clement als Ministerin für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit ins Kabinett. Das bleibt sie auch unter Ministerpräsident Peer Steinbrück und wird zur wichtigen Gesprächspartnerin für Ärzte, Krankenhäuser und Verbände. Sie ist beliebt, erlebt aber auch den Zorn der Bevölkerung und persönliche Angriffe nach der Entscheidung über Klinikstandorte für psychisch kranke Straftäter. Ihr Landtags-Mandat 2005 gewinnt sie im Wahlkreis „Bochum Mitte und Wattenscheid/Herne-Eickel“ mit einer Stimme Vorsprung. Doch die NRWSPD verliert 2005 die Regierungsmacht. 2007 wird Fischer stellvertretende Vorsitzende der Barmer Ersatzkasse und legt ihr Landtagsmandat nieder.
Bochum-Berlin
Als Kassenchefin sitzt sie nun am Verhandlungstisch. Sie wird häufiger in Berlin sein, überlegt, eine kleine Wohnung zu mieten. Für den stellvertretenden Landesvorsitz in NRW kandidiert sie nicht mehr, bleibt aber Mitglied im SPD-Bundesvorstand. „Die SPD muss Wirtschaft und Arbeit verbinden“, rät sie ihrer Partei.
Später, beim Fototermin in den Berliner Museumshallen des früheren Hamburger Bahnhofs, gewährt sie Einblicke in ihre Persönlichkeit. Sie erzählt von ihrer Leidenschaft für das Bauhaus, für klare Formen: „Ich mag große, symmetrische Räume, viel Licht.“ Nicht nur die Politikerin oder Kassenchefin, auch der Mensch Birgit Fischer sucht die Klarheit, den Ausgleich und die Harmonie.
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