Bildungsstreik Solidarität im Fernstudium

von Mark Förster - 12.12.2009

Unis im Umbruch
Studiengebühren, Exzellenzinitiativen, neue Abschlüsse wie Bachelor und Master – die Universitäten in Deutschland sind im Umbruch. Das Ziel einer möglichst guten Hochschulbildung für möglichst viele droht auf der Strecke zu bleiben. In dem Buch „Hochschulen im Wettbewerb“ diskutieren 18 junge Experten, die gerade ihr Studium beendet haben oder kurz vor dem Abschluss stehen, die Chancen und
Defizite der Reformvorhaben.

Anja Neundorf, Julian Zado, Joela Zeller (Hg): Hochschulen im Wettbewerb
Innenansichten über die Herausforderungen des deutschen Hochschulsystems 
Dietz Verlag Bonn 2009, 233 Seiten, 14,80 Euro, ISBN 9-783801-203-986
 

Heisser Herbst 2009: Sie gehen auf die Straße, besetzen Universitäten, protestieren gegen miserable Studienbedingungen, misslungene Reformen und Studiengebühren. Aber wie streikt man eigentlich als Fernstudent?

Wie soll das aussehen, wenn ich als Fernstudent den Bildungsstreik unterstützen will? Ich studiere auf Bachelor an einer bekannten deutschen Fernuniversität und lebe fast 600 Kilometer von meiner Uni entfernt in Berlin. Das Fernstudium hat für mich viele Vorteile: Ich kann entscheiden, wie schnell und wo ich lerne, ob in Teil- oder in Vollzeit, zu Hause oder in einer Bibliothek. In Berlin gibt es viele Mitstudenten, die sich in Lerngruppen austauschen wollen, um sich nicht alleine mit dem Stoff auseinandersetzen zu müssen. Ich habe mich für ein Vollzeitstudium entschieden und damit den üblichen Studentenstatus mit Anspruch auf BAföG.

Meine Entscheidung für ein Fernstudium hatte auch mit den Studienbedingungen in Deutschland zu tun: Ich wollte mir keine Plätze in überfüllten Vorlesungsräumen sichern müssen, um überhaupt etwas von Inhalten mit zu bekommen, und ich brauchte die Möglichkeit, parallel zum Studium arbeiten zu gehen. Allein vom BAföG kann man nicht leben, und meine Eltern können mich nicht unterstützen. Außerdem wollte ich Freiraum für Praktika, um während des Studiums Kontakte in die Arbeitswelt zu knüpfen. Beides können viele Studenten, die von morgens bis abends an einer „normalen“ Universität auf Bachelor studieren, allenfalls noch am Wochenende oder in den Semesterferien.

Misslungene Bologna-Reform

In dem Streik geht um die Folgen der Bologna-Reform. Die sollte die europäischen Studiengänge vereinheitlichen. Deshalb wurden auch in Deutschland Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt. Wir streiken nicht gegen diese Reform, sondern dagegen, wie sie umgesetzt wurde: für einen besseren Zugang zu den Stu­diengängen, gegen die schlechten Lehr- und Lernbedingungen und für eine bessere wirtschaftliche Situation von Studenten und Hochschulen. Das alles betrifft auch uns Fernstudenten.

Weil ich nebenher arbeiten muss, kann ich mein Studium nicht in der Regelstudienzeit schaffen. Problematisch ist die Menge an Lernstoff, die wir in dem sechs Semester langen Studium bewältigen müssen. Mich stört nicht die Menge. Ich liebe mein Fach. Aber ich brauche mehr Zeit. Ich will nicht, dass der Streit zwischen Forderungen nach schnellen Studienabschlüssen und dem Bedarf an gründlicher Ausbildung auf dem Rücken der Studenten ausgetragen wird. Der Bachelor muss überarbeitet werden. Damit meine ich nicht, dass die Inhalte verkürzt werden sollen, sondern dass die Regelstudienzeit verlängert werden sollte.

Die neuen Lernbedingungen nehmen auch uns Fernstudenten den Freiraum. Ein Bachelorstudium setzt sich in der Regel aus elf Modulen oder Themenbereichen und der Bachelorarbeit zusammen. Jedes Modul wird mit einer Prüfung abgeschlossen, meist schriftlich, manchmal auch mündlich. Für jedes abgeschlossene Modul gibt es eine Note. Alle Noten fließen in die Abschlussnote ein. Ist die am Ende des Studiums schlechter als 2,5, bin ich von Masterstudiengängen ausgeschlossen. Der Master entspricht etwa dem Diplom. Deshalb sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt damit besser.

Viel zu wenig Professoren

Ich erlebe auch unter Fernstudenten zeitweise eine starke Konkurrenz. Und es wird taktiert. Beispielsweise habe ich meine letzte Klausur absichtlich nicht bestanden, damit ich sie wiederholen und eine bessere Note bekommen kann. Allerdings kann man eine Klausur nicht innerhalb kurzer Zeit nachschreiben. Auch nicht wenn man krank war, sondern erst wieder am Ende des folgenden Semesters. Das erschwert das Einhalten der Regelstudienzeit. Ich finde, wenn wir Bildung stärker fördern wollen, sollte eine bestandene Bachelorprüfung für die Zulassung zum Masterstudium reichen.

An der Fernuni wird Wissen gelehrt und gelernt, aber nicht wie man praktisch an eine Forschungsarbeit herangeht. Ich versuche, dies durch Gespräche mit den Professoren in Präsenzsemina-ren und bei meiner Arbeit zu kompensieren. Allerdings führt die einseitige Ausrichtung der Hochschulen an Wirtschaftlichkeit und nicht an der Lehrnotwendigkeit dazu, dass ich als Student immer weniger Professoren als Ansprechpartner habe. Der Versuch, mit Studiengebühren dem Problem Herr zu werden, ist an den Universitäten nicht gelungen, da die Gelder nicht wirklich bei der Lehre angekommen sind.

Deshalb unterstütze ich auch als Fernstudent den Bildungsstreik – und zwar an meinem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt Berlin. Weil auch die Menge der Streikenden auf den Straßen entsprechenden Druck auf Politik, Verwaltung und Wissenschaft ausübt. Andere Fernstudenten sollten ebenfalls für ein gerechteres Bildungssystem eintreten.
 

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Channel: Bildung  
AutorIn: Mark Förster  

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