
vorwärts.de: Gemeinsam mit Anja Neundorf und Joela Zeller haben Sie das Buch "Hochschulen im Wettbewerb - Innenansichten über die Herausforderungen des deutschen Hochschulsystems" herausgegeben, in dem u.a. auch die Umsetzung des Bologna-Prozesses kritisch diskutiert wird. Wieso ist es wichtig, dass sich die Studierenden intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen?
Zado: Weil es sie direkt betrifft und sie unter manch missglückter Umsetzung leiden! Mit jeder Verbesserung, die die Studierendenproteste bewirken, tun sie zugleich kommenden Studierendengenerationen etwas gutes.
Viele Studierende kritiseren den Bologna-Prozess. Ist dieser Protest berechtigt?
Es ist sicherlich nicht unberechtigt, den Bologna-Prozess zu kritisieren, denn einzelne Ziele dieses Prozesses sind ziemlich fragwürdig, zum Beispiel die große Betonung der wirtschafts- und anwendungsorientierten Forschung im Vergleich zu den"klassischen" Geisteswissenschaften.
Im Großen und Ganzen sind die Ideen des Bologna-Prozesses, zum Beispiel die Schaffung von Vergleichbarkeit der Studiengänge und die Erhöhung der Mobilität der Studierenden, aber durchaus positiv zu bewerten.
Meiner Wahrnehmung nach kritisieren die Studierenden aber auch nicht wirklich den Bologna-Prozess, sondern vielmehr Dinge, die zwar im Zuge der Bologna-Umstellung eingeführt wurden, im Grunde aber nichts mit diesem Prozes zu tun haben: Die Explosion der Prüfungsdichte, die viel zu vielen verpflichtenden Wochenstunden, der krasse Leistungsdruck, die unsicheren Persepktiven, die fehlende Möglichkeit, einmal über den Tellerrand des eigenen Studienfachs hinaus zu schauen.
Kritiker behaupten, die Studierenden würden nur meckern, hätten aber keine Verbesserungsvorschläge. Ist das so?
Das halte ich für polemischen Blödsinn, der nur dazu dient, die Proteste zu diskreditieren. Natürlich kann eine Streikbewegung "von unten", wie sie zurzeit flächendeckend an den meisten Hochschulen existiert, keinen einheitlichen "offiziellen" Forderungskatalog haben.
Die einzelnen Protestplena und auch die Studierendenverbände, wie die Juso-Hochschulgruppen oder der freie zusammenschluss von studentInnenschaften, haben aber durchaus sehr konkrete Verbesserungsvorschläge: die Reduzierung der Wochenstunden, die Schaffung von Wahlmöglichkeiten, die Reduzierung der Prüfungsdichte, ein acht- statt sechssemestriger Bachelor, die Abschaffung von Studiengebühren und die Erhöhung des BAföG usw.
Was sind die wichtigsten Punkte für eine Reform der Umsetzung des Bologna-Prozesses?
Neben den bereits erwähnten Maßnahmen, denen ich mich anschließe, halte ich es für besonders wichtig, den krassen Konkurrenzdruck unter den Studierenden zu reduzieren.
Dieser entsteht, wenn nur die besten Bachelor-AbsolventInnen einen Master-Studienplatz erhalten, der Bachelor aber gleichzeitig keine angemessene Perspektive bietet. Dann sind alle Studierenden in einem Konkurrenzkampf "jeder gegen jeden" um die besten Noten und damit um die wenigsten Master-Studienplätze.
Deshalb solllten alle Bachelor-AbsolventInnen einen Rechtsanspruch auf einen Master-Studienplatz erhalten. Das würde den Druck minimieren und die Hochschulen motivieren, Bachelor-Studiengänge so stark zu verbessern, dass viele Studierende "freiwillig" mit dem Bachelor den Berufseinstieg wagen. Gleichzeitig können alle, die das wollen, ihre akademische Laufbahn fortführen.
Außerdem muss das BAföG erhöht und der Kreis der BezieherInnen ausgeweitet werden, damit nicht ein Teil der Studis dadurch belastet wird, dass er während des Studiums noch arbeiten gehen muss, um die Miete zahlen zu können.
Vielen Dank für das Gespräch.
Julian Zado, Herausgeber des Buchs "Hochschulen im Wettbewerb", erschienen im Dietz-Verlag und stellv. Landesvorsitzender der Jusos Berlin.
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