Ich gehöre zu der ersten Generation, die Heinrich Böll nicht mehr leibhaftig erfuhr. Mir trat der große Erzähler und Nobelpreisträger lediglich in Form lästiger Schulbuchlektüre entgegen – das wohl schlimmste, was einem politisch und sozial engagierten Schriftsteller, wie Böll es war, passieren kann: Wer in die Lesebücher gelangweilter Gymnasiasten aufgenommen wird, endet als unumstrittener Klassiker, an dem sich keine Kontroversen mehr entzünden.
Der einst unbequeme Böll wurde zur unverbindlichen Leseempfehlung, als Exponat der alten, vergangenen Bonner Republik, derart überflüssig, dass auch meine Deutschlehrerin getrost auf ihn verzichten mochte. Statt Böll lasen wir Wolfgang Borchert, statt „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zu lesen, sahen wir die Verfilmung – schwarzweiß, beklemmend und so unsäglich weit entfernt von unserer Millenniumsjugend … Böll erreichte mich nicht. Sein melancholischer Hundeblick, der aus dem Lesebuch an mir vorbeisah, war der gebrochene, ewig gestrige Blick meiner Großväter, die seit der Wiedervereinigung in Schrebergärten und vor Farbfernsehgeräten versackt waren. Ebenso wie Böll waren sie weitabgeschlagen nur in den Fünfzigern und Sechzigern eines mir fremden Landes lebendig.
Schnörkellosigkeit statt Schachtelsätze
Erst während meines Studiums entdeckte ich Böll tatsächlich – wenn auch nicht an der Universität, denn unter Literaturwissenschaftlern ist Böll ein ebenso gespenstisch Halbtoter wie etwa Stefan Zweig, dazu verdammt, als unspektakuläres Basiswissen zu keiner fachlichen Diskussion mehr ernstlich bemüht zu werden. Ihre Werke überfluten die Buchbestände von Flohmärkten und Antiquariaten; jeder Student, der etwas auf sich hält, besitzt sie und hat sie doch nie gelesen. Auch ich war mit der Zeit zufällig an zwei Böll-Ausgaben geraten, die meine wachsende Bibliothek bereicherten und dort vergilbten sie mit all den anderen Büchern, die alle irgendwann zu lesen das feste, aber immer fernere Ziel ist.
Letztendlich lernte ich Böll in den Regionalbahnen kennen, die mich allwöchentlich zu meiner Freundin brachten. Für die gemächliche Fahrt durch die südsachsen-anhaltinischen Kleinstädte mit entsprechend drögen Zwischenhalten führte ich immer etwas Lesestoff mit mir und blieb schließlich bei Böll hängen. Ich schmökerte durch einen zerfledderten Erzählband von 1988 und wusste nicht, wieso. Ich empfand bei den meisten Texten nichts, sie lösten nichts in mir aus, ich las sie teilnahmslos und doch nicht unwillig.
Erst „Wanderer, kommst du nach Spa …“ berührte mich. In diesem Text erkannte ich Bölls Stärke: Es war die Schnörkellosigkeit, die das Erzählte belebte. Keine Sprachspiele, keine Schachtelsätze oder auserlesene Adjektive, mit denen andere Autoren ihre Werke zu schmücken (und ihre Leser oft zu schinden) pflegen. Es schien Böll einzig um den Inhalt zu gehen. Er wollte nichts verschönen.
Verfechter einer pluralistischen Gesellschaft
„Billard um halb zehn“ und „Ansichten eines Clowns“ – meiner Meinung nach seine größten Romane – waren ebenfalls um keinen Deut aufgehübscht. Böll erzählte, ohne sich einer gefälligen Kunst- oder Szenesprache anzubiedern. Einige seiner Texte lassen dabei noch heute deutlich erkennen, wie aktuell seine Themen einmal waren. Die „Katharina Blum“ etwa kann als ein Spiegelbild des noch immer schwelenden Konflikts zwischen konservativen und progressiven Bundesbürgern gelten. Der kritische und zugleich nachdenklich Böll, der im Visier der Linkshetzer, der Boulevardpresse, der Katholiken und der Spießbürger stand, lugt in der „Katharina Blum“ an allen Ecken und Enden als Verfechter einer pluralistischen Gesellschaft durch. Als Gewissen einer Nation, die ihm erst posthum all die Kritik verzeiht.
Andere Texte sind mit den Jahren schwächer geworden, da Bölls Themen nicht immer noch die des heutigen Deutschlands sind. „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ beispielsweise, aber auch die meisten seiner Satiren, wirkten auf mich nicht mehr. Sie haben ihren Gehalt verloren.
Ach ja, der Böll …, möchte man anlässlich seines Todestags glatt denken und sich dabei etwas wundern, dass es erst 25 Jahre her ist. Böll ist längst vergessen worden, vielleicht, weil er zu zeitnah schrieb, sich zu sehr dem Zeitgeist verschrieben hatte. Aber sein Stil lebt fort – wer sich durch seine Texte liest, wird nicht nur einige nach wie vor gültige und lesenswerte darunter finden. Er wird auch erkennen, dass Bölls schlichte und treffende Art, Realität auszudrücken, zeitlos meisterlich und bis heute unerreicht ist – vielleicht sollte ich ihn König der realistischen Literatur nennen. Ganz sicher aber würde ihm das zu verblümt gewesen sein.
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