Studentenproteste Schwan warnt vor „Entgeistigung“ der Gesellschaft

von Kai Doering - 04.12.2009
Die ehemalige Präsidentin der Viadrina-Universität, Gesine Schwan, hat die Ökonomisierung der Bildung im Zuge des Bologna-Prozesses scharf kritisiert. In einer emotionalen Rede zum 20-jährigen Jubiläum des Wissenschaftsforums der Sozialdemokratie am Donnerstag geißelte sie die „Entgeistigung“ der Gesellschaft – und warnte vor ernsten Folgen.

Es war eine Abrechung mit Ankündigung. Es tue ihr leid, aber sie müsse „rabiate Sachen“ sagen, entschuldigte sich Gesine Schwan zu Beginn ihrer Rede. Eigentlich sollte es darin um „Fortschritt für eine soziale Gesellschaft“ gehen, doch sie geriet zur Abrechung mit den Bologna-Reformen der Universitäten. Diese hätten zwar gute Ziele – Schwan begrüßte ausdrücklich die Aufteilung in Bachelor und Master –, sie seien aber in einem falschen, marktorientierten Umfeld erfolgt. „Der Bologna-Prozess hat ein Janus-Gesicht“, kritisierte Schwan.

Besonders verhängnisvoll sei es, dass die Bologna-Reformen in eine Zeit der allgemeinen Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche fielen. „Der kulturelle Prozess spielt eine immer kleinere Rolle, die Effizienz wird immer wichtiger“, schimpfte die frühere SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten.

Freude über Studentenproteste

An den Universitäten habe ein schleichender Wandel stattgefunden. Zwischen Stundenten und Professoren bestehe mittlerweile ein Kundenverhältnis. „Die Professoren verstehen sich mehr und mehr als Manager.“ Wie eine Welle sei eine „Entgeistigung“ über alle gekommen. Diese zeige mittlerweile auch Folgen in der Gesellschaft. „Den jungen Menschen wird ihr Verantwortungsbewusstsein seit Jahren abtrainiert“, da nur noch Lernziele abgearbeitet würden, statt das eigenen Denken zu fördern. Selbstkritisch räumte die emeritierte Hochschullehrerin ein, dass auch die Wissenschaftler selbst eher über die Folgen „hätten nachdenken müssen“.

„Heilfroh“ sei sie daher, dass die Studenten nun auf die Straßen gingen, so Schwan. „Wir müssen neu erörtern, was Leistung heißt“, forderte sie. Hinter der Beantwortung dieser Frage stehe auch ein bestimmtes Menschenbild. Die jungen Uni-Absoventen würden in einer Welt gebraucht, „in der sie sich auf nichts mehr verlassen können. Deshalb müssen wir Fortschritt neu und anders definieren.“

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