Schule ist schön

von Dagmar Günther
Ulrike Kegler ist Lehrerin und Schulleiterin – 15 lange Jahre schon. Im Alleingang hatte sie an Grundschulen in Westberlin versucht, Schule zu verändern. Das war nicht zu machen. Doch als Rektorin an der Montessori-Gemeinschaftsschule in Potsdam setzt sie ihre Träume von einer schönen Schule in die Tat um. Sie erzählt die Geschichte eines „einmaligen Werdegangs“ (Klappentext), der hoffentlich nicht einmalig bleibt.

„Die Schule wird schön“ sollte ihr Buch heißen. Doch dann kam eines mit einem ähnlichen Titel auf den Markt und Ulrike Kegler musste ihrem Werk einen anderen Namen geben. Das berichtet Reinhard Kahl, der den Film „Treibhäuser der Zukunft“ unter anderem über Keglers Montessori-Gemeinschaftsschule für die Klassen 1 bis 10 in Potsdam drehte, im Vorwort. Und vielleicht sei das auch gut so, denn „Schöne Schule“ klinge so einfach, wie „Schöner wohnen“ etwa. Der Prozess, bis Ulrike Keglers Schule wirklich schön wurde, hingegen zog sich hin und war alles andere als einfach.

Fluchtgedanken
Am Anfang waren da ein graues Schulhaus aus den 1960er Jahren und ein wild bewachsener Schulhof. Die Lehrerinnen und Lehrer begegneten ihr „mit freundlicher Offenheit bis hin zu feindseliger Skepsis“, als sie ihr Montessori-Konzept vorstelle. „Ich fühlte mich einsam und hatte Fluchtgedanken“, so Kegler. Am Ende ihres Vortrags sagte einer der Lehrer unumwunden, „das könne nicht gehen, so ein Unterricht könne nicht funktionieren“.

Kraftfelder
Doch so eine wie Ulrike Kegler ließ sich nicht entmutigen, zumal viele Eltern von ihrer Montessori-Pädagogik begeistert waren. Voller Enthusiasmus überzeugte sie auch Lehrerinnen und Lehrer, dass Unterricht ohne verschlossene Türen und ohne feste Tafeln sehr wohl funktioniert, dass anstelle von Schulbüchern durchaus „richtige Bücher“ eingesetzt werden können und es auch ohne vorgefertigte Arbeitsblätter geht. Von der Begrenzung des Einschreitens und der Notwendigkeit des Eingreifens der Lehrenden ist die Rede, von deren Verantwortung gegenüber den Lernenden und davon, dass Beziehung an die Stelle von Kontrolle tritt.

Ulrike Kegler holte Eltern an die Schule, die ihre Berufserfahrungen weitergaben. Und sie suchte und fand Unterstützung von Experten: Theaterleuten, Handwerkern und einem Landwirt. Diese halfen Schülerinnen und Schülern heraus aus dem grauen Schulalltag, hatten auch für Lehrerinnen und Lehrer so manchen Tipp parat. Gemeinsam verwandelten sie zum Beispiel die verwilderte Außenanlage der Schule in ein „Kraftfeld Schulhof“. Eine Bibliothek und ein Speiseraum entstanden, Labore, Arbeitszimmer, Gruppenräume, Pausenräume: allesamt liebevoll gestaltet von den Lernenden und dekoriert mit deren Arbeiten.

Zweifellöscher
Und doch quälten Ulrike Kegler auch immer wieder Zweifel. Würden „ihre Kinder“ genug lernen und neben den anderen bestehen können. Sie ließ sich und ihre Schule von außen evaluieren, kam dabei nicht in allen Punkten gut weg. Doch die Gutachter zeigten nicht nur Schwächen auf sondern hatten auch Vorschläge, wie diese auszuräumen waren, damit alles noch besser klappte. Und schließlich waren die Prüfungsergebnisse der Schülerinnen und Schüler am Ende sogar besser als die anderer Schüler. Selbst schwächere Schüler kamen zum erfolgreichen Schulabschluss.

Die letzten Zweifel löschten die Schülerinnen und Schüler selbst aus, als sie in ihren Abschlussgesprächen am Ende der Schulzeit resümierten, dass sie „gerne in die Schule gegangen sind, das die Schule ‚schön’ war und sie viel mitnehmen“. Ulrike Kegler hat herausgefunden, dass „Schönheit“ für die Lernenden vor allen Dingen „mit Wohlbefinden, dem Luxus, für ihre persönliche Entwicklung Zeit ohne Sanktionen zu haben, und auch mit Genuss und besonderen Erlebnissen assoziiert ist“.

Nicht von ungefähr also wurde ihre Schule mit dem „Deutschen Schulpreis“ ausgezeichnet. „Schule kann schön sein, wenn wir Erwachsenen es nur wollen und es klug anstellen“, so Ulrike Kegler.

Augenleuchten
„Das Leuchten in den Augen der Jungen und Mädchen, ihre aufrechte Haltung und die friedliche Gelassenheit, mit der das Schulleben geschieht ,waren es dann auch, die Besucher der Schule faszinierten, auch wenn so mancher zunächst sprachlos vor dem grauen Betonklotz stand“, weiß Ulrike Kegler zu berichten. Und sie kamen in Strömen, nachdem der Film „Treibhäuser der Zukunft“ gezeigt worden war. Denn darauf, was drin steckt, kommt es an!

Frei von der Leber weg schreibt Ulrike über ihren und den Weg der Potsdamer Gemeinschaftsschule, wie sie zur Montessori-Pädagogik kam und wie sie andere davon überzeugte. Sie lässt auch ihre Zweifel und Sorgen nicht außen vor. Entstanden ist eine vielschichtige Geschichte, der man Fortsetzungen an zahlreichen Schulen unseres Landes und jede Menge Leserinnen und Leser wünscht. Der Autorin gebührt Dank für ihren Mut!

Dagmar Günther

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/8313
Channel: Rezensionen  
AutorIn: Dagmar Günther  

Mit Kachingle und Flattr können Sie den Online-Journalismus auf vorwaerts.de unterstützen (wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Artikel).

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising