Kolumne Schnelle Zeitung tiefes Netz

von Thierry Chervel - 27.02.2009
Die Verfechter der gedruckten Zeitung preisen sie als Hort des seriösen Journalismus. Dabei merken sie nicht, so Thierry Chervel, dass heute alle Medien Internetmedien sind.

Zu den Flachheiten des Geredes über die Zukunft der Medien und das Internet gehört die Behauptung, das Internet sei schnell, die Zeitung langsam. Die Zeitung könne nicht das Tempo toppen, mit der das Internet auf ein Ereignis reagiert. Dafür aber füge sie Tiefendimension hinzu, schaffe Reflexion.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel verkaufte diesen Gegensatz von schnellem Netz und tiefem Print in der „FAZ“ als medientheore­tische Expertise: „Für einen Überblick über die Tagesaktualität, die kurze Einordnung der Welt... braucht es erst mal keine Edelfedern... Eine andere Art des Journalismus wird weiter mit dem gedruckten Wort arbeiten, am Kiosk zu kaufen oder per Abo im Briefkasten zu finden sein. Das sind die Geschichten, die nicht in Häppchen als Schnäppchen im Sekundentakt im Netz platziert werden.“

Medien verlieren Torwächterfunktion

Und Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“, schrieb: „Die Institution Journalismus ist an Zeitungen gebunden: In ihnen wird nicht nur gemeldet, sondern auch mit notwendiger Verspätung nachgedacht.“

Hier trifft eine alte journalistische Weisheit zu: Je bedeutender der Augenaufschlag, desto banaler die Erkenntnis. Ausgerechnet der Journalismus, der Inbegriff zynischer Rasanz, rühmt sich seiner Langsamkeit. Dahinter steckt weniger die Suche nach Erkenntnis als der Phantomschmerz der verlorenen Torwächterfunktion: Seit es das Netz gibt, braucht die Öffentlichkeit nicht mehr die Filter der Medien, um sich zu artikulieren – für die Demokratie eine Bereicherung, für die Journalisten ein Verlust der Priesterfunktion.

Immer mehr Bücher nur noch im Netz

Wer argumentiert wie Meckel oder Steinfeld, verhält sich wie ein Autofahrer, der den linken Rückspiegel fixiert, während er von rechts längst überholt wurde. Auf einmal leben sie in einer Welt, in der das Internet immer zuerst da ist. Zwar tippen Meckel und Steinfeld ihre Verteidigung des Papiers zunächst einmal in  einen Computer, und von dort aus wird sie in eine Datenbank gestellt und dann eventuell in einer Zeitung ausgedruckt. Aber diese Datenbank – das ist das Internet.

Mag sein, dass Meckels und Steinfelds Artikel nicht online frei zugänglich sind: Dann muss man eben 3,21 Euro (mehr als für die Zeitung selbst) be­rappen, wenn man an ihrer Meinung interessiert ist, aber die Datei steht doch im Netz, passwortbewehrt oder nicht. Sämtliche Medieninhalte sind heute digital und somit in den allermeisten Fällen Online-Inhalte: Print ist ein Online-Inhalt, den man auf Zeitungspapier ausdruckt. Fernsehen ist eine Datei, die man sendet. Das Buch ist eine Website, die man bindet.

Gerade das Buch zeigt, dass sich die Öffentlichkeit des Ausmaßes der Revolution immer noch nicht bewusst ist. Auch in zehn Jahren wird man am Strand seinen Krimi auf Papier lesen. Aber das  E-Book, über das man sich beim ersten Anlauf noch amüsierte, wird als Kindle oder Iphone schon ernster genommen. Inzwischen sind Millionen von Büchern, von Verlagen und Bibliotheken zur Verfügung gestellt und von Google digitalisiert, als Internetdateien lesbar.

Wer über den Buchmarkt spricht, sollte einen Blick auf die „Professional Information“-Verlage werfen: Konzerne wie Thomson verkaufen ihre Fachpublikationen nur ausnahmsweise noch zwischen Pappdeckeln. Was sie eigentlich verkaufen, ist Zugang.

Der Buchmarktexperte Rüdiger Wischenbart hat ausgerechnet, dass achtzig Prozent aller von diesen Verlagen produzierten Inhalte heute ausschließlich per Internet vertrieben werden. Wer nachdenkt, dem fällt's wie Schuppen von den Augen. Bestimmte Arten von Büchern werden immer seltener benutzt: Stadtpläne, Wörterbücher, Lexika. Wer hat noch Loseblattsammlungen im Regal?

Urheberrecht  als Auslaufmodell

Zugleich toben natürlich Kriege um Schutz und Wert von Medieninhalten. Das Dumme am Urheberrecht ist, dass es ein Copyright ist. Solange es an physische Kopien gebunden ist, lässt es sich schützen. In Zeiten, da digitale Kopien ohne Qualitätsverlust zirkulieren, lässt sich dieser Schutz bestenfalls künstlich erhalten. Die Ökonomie der Information gerät ins Wanken. Die Open source und Creative Commons-Bewegungen suchen nach Antworten auf diese Fragen.

Thomas Steinfeld ist also ein Online-Journalist. Er weiß es nur nicht. Noch wird er ja besser bezahlt als das Prekariat aus der Online-Abteilung. Aber Print teilt mit allen Online-Inhalten die Probleme der Refinanzierung. Das heißt nicht, dass die Zeitungen verschwinden. Schon ruft man nach Artenschutz.

Wer weiß, ob nicht demnächst dem mit acht Milliarden Euro versorgten öffentlich-rechtlichen System von Fernsehen und Radio eine staatlich subventionierte Presse gegenübersteht, zwei Horte verwalteten Tiefsinns und „notwen­diger Verspätung“, während sich im übrigen Netz die freie – unbezahlte und misstrauisch beäugte – Öffentlichkeit tummelt.

Übrigens können Zeitungen bis heute schneller sein als jedes andere Me­dium. Journalistische Schnelligkeit bemisst sich ja nicht nach der Spanne zwischen dem Ticker und seiner Verwurstung. Die eigentliche Schnelligkeit liegt im Erspüren von Themen. Keine Verspätung tut hier not.

Thierry Chervel, 1957 geboren, hat Musikwissenschaften studiert. Er war Redakteur bei der „taz“ (Film, Musik, Tagesthemen), und  Kulturkorrespondent für die „Süddeutsche  Zeitung“ in Paris. Er ist Mitbegründer und fester Mitarbeiter des online-Kulturmagazins „Perlentaucher“. www.perlentaucher.de
 

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Channel: Kultur  
AutorIn: Thierry Chervel  

Schöner Artikel. Und

Bild von RalphSchneider1

Schöner Artikel. Und natürlich hat er Recht - alles ist digital. Eigentlich meinen die Zeitungsmacher aber etwas anderes: Die Herangehensweise bei Online- und Print-Journalismus ist (noch) eine andere. Bei Online regiert das Diktum der Geschwindigkeit. Die großen, mit viel Aufwand recherchierten Reportagen und Hintergrundgeschichte kommen aus der Print-Ausgabe (und, klar, sind dann auch online). Ich würde behaupten, dass sie online auch weniger geklickt werden als Breaking News, Paris Hilton und Obama-Bilderstrecken (sie werden auch in der Zeitung weniger gelesen als der Sportteil - aber die Zeitung funktioniert anders, sie bringt sie trotzdem wegen des Gesamtbildes; In der Online-Ausgabe sieht keiner, dass die Reportagen fehlen - hier gibt der - möglichst attraktive - Mix and Headlines den Ton an).

Und darum glaube ich, dass diese Geschichten mit der zunehmenden Verlagerung des Schwerpunkts auf die Online Publikation aussterben werden. Wenn die Zeitung irgendwann einmal nur noch für ein paar Ewig-Gestrige auf Papier gedruckt erscheint und die Redaktion in erster Linie für die Online-Ausgabe produziert, werden auch die Inhalte andere sein. Die Themenauswahl wird sich stark an der Nachfrage und potenziellen Klicks orientieren. Und: Man wird versuchen, die Preise und Honorare zu drücken, weil Online-Ausgaben nie so viel Geld einbringen werden wie die Print-Ausgaben in ihren besseren Tagen. Ich bin mir sicher, dass das Berufsbild eines Online-Redakteurs nicht mehr dem eines heutigen Print-Journalisten entsprechen wird.

Schöner Artikel. Und

Bild von RalphSchneider1

Schöner Artikel. Und natürlich hat er Recht - alles ist digital. Eigentlich meinen die Zeitungsmacher aber etwas anderes: Die Herangehensweise bei Online- und Print-Journalismus ist (noch) eine andere. Bei Online regiert das Diktum der Geschwindigkeit. Die großen, mit viel Aufwand recherchierten Reportagen und Hintergrundgeschichte kommen aus der Print-Ausgabe (und, klar, sind dann auch online). Ich würde behaupten, dass sie online auch weniger geklickt werden als Breaking News, Paris Hilton und Obama-Bilderstrecken (sie werden auch in der Zeitung weniger gelesen als der Sportteil - aber die Zeitung funktioniert anders, sie bringt sie trotzdem wegen des Gesamtbildes; In der Online-Ausgabe sieht keiner, dass die Reportagen fehlen - hier gibt der - möglichst attraktive - Mix and Headlines den Ton an).

Und darum glaube ich, dass diese Geschichten mit der zunehmenden Verlagerung des Schwerpunkts auf die Online Publikation aussterben werden. Wenn die Zeitung irgendwann einmal nur noch für ein paar Ewig-Gestrige auf Papier gedruckt erscheint und die Redaktion in erster Linie für die Online-Ausgabe produziert, werden auch die Inhalte andere sein. Die Themenauswahl wird sich stark an der Nachfrage und potenziellen Klicks orientieren. Und: Man wird versuchen, die Preise und Honorare zu drücken, weil Online-Ausgaben nie so viel Geld einbringen werden wie die Print-Ausgaben in ihren besseren Tagen. Ich bin mir sicher, dass das Berufsbild eines Online-Redakteurs nicht mehr dem eines heutigen Print-Journalisten entsprechen wird.

Schnelle Zeitung tiefes Netz

Bild von Jmat

(off topic) Unter dem Artikel steht:

"Unsere Internetseite soll eine Plattform für ernsthafte Diskussionen sein, bei dem Toleranz, Offenheit und Fairness zu den Grundprinzipien gehören. Wir begrüßen sachliche und konstruktive Inhalte, die zu einer angeregten Diskussion beitragen und der Meinung anderer Kommentatoren tolerant und unvoreingenommen begegnen. Teilnehmer, die gegen diese Regeln verstoßen, können von der Teilnahme ausgeschlossen werden."
Das sollte sich wohl doch von selbst verstehen- ist also eigentlich keiner Erwähnung wert und ziemlich moralinsauer.

Der Artikel von Thierry Chervel triftt eigentlich den Nagel auf dem Kopf. Jedoch fehlt mir die Begründung der "Print"-Journalisten, die sich damit brüsten, dass sie besser ausgebildet sind als die Blogger und oder auch als viele "freie" Journalisten. Sie glauben nämlich, dass Ihre Ausbildung sie befähigt, besser zu recherchieren und zu schreiben. Diese "High-Potentials" bleiben meist auf dem "Potential" sitzen. Aber Wörterbücher und Lexika (besonders Fachlexika) können noch nicht - auch nicht durch Wikipedia - ersetzt werden. Deshalb ist das Beispiel mit der Loseblattsammlung ein Kategorie-Fehler.
Wichtiger und passender wäre der Hinweis auf das beliebte Copy&Paste-Verfahren der Print-Journalisten, die sich ohne irgendein Unrechtsbewußtsein bei den "freien" Medien bedienen und über diese dann noch ihre Häme ausgießen.

online/print

Bild von lokalreporter

cooler artikel!

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