Kommentar von Ismail Ertug Sarrazin schafft Muslime ab

von Ismail Ertug - 06.09.2010

Ismail Ertug ist Mitglied des Europäischen Parlaments. Mehr Informationen unter www.ertug.eu

Der Sarrazin-Mythos: Kaum einer hat ihn gelesen, aber eine Mehrheit gibt ihm Recht. Womit er Recht haben soll, würde ich gerne wissen. Ein verlegenes Schulterzucken ist die häufigste Reaktion auf die Frage, auf welche Thesen des promovierten Volkswirts aus Gera sich die Zustimmung bezieht.

Die Vermutung, dass es nicht Sarrazins Argumente sind, die eine Mehrheit der Deutschen überzeugen, wird bestätigt durch Beobachtungen der hysterischen Mediendebatte der letzten Tage. Da sitzt der Bundesbankvorstand wie ein Häuflein Elend in der Wohlfühlsendung von Starmoderator Reinhold Beckmann und kommt gegen die wortgewaltigen Gäste Ranga Yogeshwar (Wissenschaftsjournalist), Aygül Özkan (CDU-Integrationsministerin in Niedersachsen),  Renate Künast (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen) und Thomas Sonnenburg (Sozialpädagoge und Streetworker) kaum zu Wort – nicht etwa, weil ihn die Kontrahenten niedergeschrien hätten, sondern weil seine Thesen nicht stand hielten.

Viel Bauch, wenig Hirn
Dennoch war die Zustimmung für das SPD-Mitglied auf Abruf überwältigend – etwa 70 Prozent fanden das Stottern des Bundesbankers triftiger als die freundlich und mit Quellenangaben formulierte Gegenposition der Praktiker aus Politik, Wissenschaft und Sozialarbeit. Die Schlussfolgerung, dass es nicht am überzeugenden Auftritt des frisch gebackenen Bestseller-Autors gelegen haben kann, sei erlaubt. Sarrazin trifft natürlich ein Bauchgefühl, dass gar nicht widerlegt werden möchte. Nur: Mit einem Bauchgefühl lässt sich keine verantwortungsvolle Politik für ein ganzes Land gestalten.

Deshalb an dieser Stelle einige Gegenthesen zu den Behauptungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, die im Kern lauten: Muslimische Mitbürger sind genetisch bedingt dümmer, aus kulturellen Gründen nicht integrierbar und aufgrund ihrer vermuteten höheren Geburtenrate dabei, die  „deutsche“ Ur-Bevölkerung zu verdrängen.

Zur Kompetenz eines Bankers
Thilo Sarrazin ist promovierter Volkswirt und kein Evolutionsbiologe. Wäre er wie Yogeshwar Wissenschaftsjournalist, würde er zumindest über Methoden verfügen, sich einer fachfremden Materie objektiv zu nähern und den aktuellen Forschungsstand objektiv zu reflektieren. Sarrazin kann und will dies nicht. Er bedient sich wie jeder Laie wahllos in der historischen Fundgrube des Wissenschaftsbetriebs und pickt sich passende Fragmente heraus – von Darwin bis zur höchst umstrittenen Zwillingsforschung von Charles Murray und Richard Herrnstein. Gemein haben seine Quellen: Sie sind überholt, mitnichten common sense und zusammen dann ungefähr so wissenschaftlich wie die nationalsozialistische Rassenideologie.

Biologie aus der Klamottenkiste
Leitmotiv des Buches ist das Auslesepostulat des Biologen Harry Laughlin (1880-1943): „Die Gesellschaft muss Erbgut als etwas betrachten, das der Gesellschaft gehört und nicht allein dem einzelnen.“ Die Konsequenz formulierte Irving Fisher 1912, als er eine neue Einwanderungsgesetzgebung in Amerika forderte – nach den Maßstäben einer sozialdarwinistischen Auswahl der Besten. Jenseits der moralischen Fragwürdigkeit dieser Position sprechen schon die Jahreszahlen für sich. Die Vorstellung eines von Genen determinierten Menschen ist längst widerlegt.

Nahezu alle angeblichen Entdeckungen vom „Methusalem-Gen“ über das „Kettenraucher-Gen“ bis zu diversen Krankheitsgenen erwiesen sich bisher als Fälschungen oder Fehler. Es bleibt lediglich eine Hand voll bereits bekannter Erbkrankheiten. Die Neuro-Wissenschaftler Michael Meaney und der Pharmakologe Moshe Szyf (McGill University in Montreal/Kanada) wiesen nach, dass Erfahrungen, Gefühle, Umwelteinflüsse, Schadstoffe und der Lebensstil die Arbeitsweise von Genen in wenigen Monaten verändern können – mit anderen Worten: Gene sind weit lern- und anpassungsfähiger als Thilo Sarrazins überkommene Gedankenwelt.

Die Mär von der vererbten Intelligenz
Wie beim Schachern auf dem von ihm so gering geschätzten Basar geht es bei Sarrazin zu, wenn er versucht den Grad des erblichen Anteils der Intelligenz festzulegen. Bei Beckmann sprach er von einem Mischungsverhältnis zwischen vererbt und gelernt von fünfzig bis achtzig Prozent, im Buch von sechzig Prozent, in einer Fußnote heißt es, eine „Erblichkeitsannahme von 80 Prozent“ sei „grundsätzlich schlüssig“. Das sind Unterschiede! Würde der IQ nur zu fünfzig Prozent vom Genpool abhängen, bestünde eine exakt gleich große Wahrscheinlichkeit, ihn durch Bildung zu verbessern. Bei achtzig Prozent wäre der Bildungsweg nahezu vorbestimmt.

Verschiedene Studien von Intelligenzforschern wie dem Psychologen Eric Turkheimer (University of Virginia in Charlottesville/USA) oder den französischen Psychologen Christiane Capron und Michel Duyme führen zu dem Schluss, dass Intelligenzunterschiede zwischen Kindern reicher und armer Familien nicht erblich bedingt sind – von Mittelschichtseltern adoptierte Kinder haben im Schnitt einen um 12 Punkte höheren IQ als die in ihren armen Familien verbliebenen Geschwister. Daraus folgt: Die These von der Verdummung der deutschen Gesellschaft durch die angebliche höhere Fertilität muslimischer Mitbürger ist nicht nur eine rassistische Unverschämtheit, sie ist eine peinliche Dummheit.

Die Legende von den nicht integrierbaren Muslimen
Über die Feststellung, dass die Integration muslimischer, also vor allem türkischer Einwanderer, nicht vollständig geglückt ist, herrscht weitgehend Einigkeit. Nicht allerdings über die Ursachen. Während Sarrazin drei Millionen Menschen pauschal Integrationswillen und Intelligenz abspricht, sprechen Integrationserfolge in Kanada und den skandinavischen Ländern eine ganz andere Sprache – eine exzellente Betreuung etwa durch Paten und konsequenten Sprachunterricht haben dort zu einer raschen Identifikation mit der neuen Heimat geführt. Sarrazin lädt die Folgen der verfehlten deutschen Anwerbungspolitik der 1960er Jahre allein auf den Schultern von Menschen ab, die mit ihrem Fleiß den deutschen Wohlstand mit aufgebaut haben.

Angeworben wurden damals Bauern und Hilfsarbeiter aus Anatolien, die vielleicht eine zwei jährige Volkschulbildung genossen. Kann man ihnen, denen deutlich gemacht wurde, dass sie nur Gäste auf Zeit seien, vorwerfen, dass sie zuhause mit ihren Kindern nicht deutsch kommunizierten oder froh waren, dass nebenan Menschen einzogen, die dieselbe Geschichte erlebten? Dass diese Menschen trotz ihrer Herkunft nicht dümmer sind, zeigen die zahlreichen Karrieren, die sie selbst und ihre Kinder dennoch trotz widriger Umstände hingelegt haben: Türkische Unternehmer haben in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland mehr als 75 000 Unternehmen aufgebaut und beschäftigen heute fast 330 000 Arbeitskräfte. Übrigens: Trotz aller Unkenrufe passen sich Muslime auch bei der rapide sinkenden Geburtenrate deutschen Gepflogenheiten an.

Nur ein toter Muslim ist ein integrierter Muslim
Am Ende der Lektüre, die eine Ansammlung von pseudowissenschaftlichen Fundstücken aneinanderreiht, bleibt die Frage: Was will uns Herr Sarrazin damit sagen? Denn seine abschließende Forderung nach mehr Bildung klingt doch außerordentlich seltsam, nachdem er sich redlich bemüht hat, die Unbelehrbarkeit von Muslimen genetisch abzuleiten. Ich muss deshalb ein Zitat bemühen, das der selbst ernannte Tabubrecher im „Lettre“-Interview im letzten Herbst abgesondert hat: Araber und Türken, die keine andere produktive Funktion außer dem Gemüsehandel hätten oder gar von Hartz IV und Transfereinkommen lebten, müssten sich „auswachsen“. Die Nachfrage bestätigte die Befürchtung des Lettre-Redakteurs, Sarrazin könne mit dieser Aussage wirklich meinen, Muslime in unserem Land ließen sich nur integrieren, sofern sie aussterben.

Fazit
Fassen wir zusammen: Thilo Sarrazins Weltsicht beruht auf von der aktuellen Forschung längst überholten sozialdarwinistischen Annahmen. Insofern könnte man sein Buch als absurd ignorieren. Nur: Der Mann ist ein notorischer Spalter, der durch sein mediales Mitteilungsbedürfnis den inneren Frieden in Deutschland und das Ansehen der Bundesrepublik gefährdet. Kann so ein Mann als Vorstand der Bundesbank unser Land international vertreten? Wir hören die Bedenken, dass es juristisch keinen Weg gebe, ihn von seinem Posten zu entbinden. Eine ketzerische Frage: Ist es vorstellbar, dass ein Bundesbankvorstand auch den Holocaust leugnet und im Amt bleibt, weil er sich fachlich nichts zuschulden kommen ließ?
 

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Sarrazin

Bild von Wolfgang Wenisch

Frei nach dem Operettenlied
Komm mit nach Varazdin ! *
(aus Gräfin Mariza von Emmerich Kalman)

Lass sein diesen Sarrazin !

Lies nur nach bei Sarrazin !
so lange seine Thesen blüh`n
dort wirst Du findig sein,
mit Dir ganz allein !
Du erkennst die Gen-Idee,
von Judäa bis Plattensee
Lies Dich dumm bis Ende hin,
mit dem Sarrazin !
Denn sein statistischer Taft,
schmeckt bitterer
noch als Gallensaft
und im Bauch tanzt Dir
die Übelkeit her und hin !
Lass sein diesen Sarrazin,
solange Verstand tut blüh`n,
ohne ihn macht Debatte bessren Sinn

Wolfang Wenisch

friedhof

Bild von hans77

wie kommen sie darauf das ein toter moslem integriert ist?
selbst auf dem friedhof gibt es sonderrechte!
es wurde sogar schon erde auf friedhöfen ausgetauscht,angeblich war die erde schlecht(es darf gelacht werden).
aber jeder weiss kein moslem will in erde liegen die vorher von ungläubigen "beschmutzt" wurde.

Europa- u. Levanteschulen müssen her!

Bild von Vendula Strube

Sofern Sie in die Arbeitsmarktblättchen gucken, werden Sie feststellen, wie oft inzwischen Türkische oder Arabische Muttersprachler gewünscht sind. Arbeitnehmer in festen Arbeitsverhältnissen spüren davon sicherlich kaum etwas, aber sollten sie ihre Arbeit verlieren, gehören sie spätestens in ca. 10 Jahren zu den Verlierern. Dann wird es kaum mehr einen Arbeitsplatz ohne Kenntnisse aus dem Levantinischen- oder Europäischen Sprachraum geben. Daher sollten wir doch möglichst dafür sorgen, dass unsere Deutschen Kinder ebenfalls wettbewerbsfähig gemacht werden und mehr als nur Englisch lernen. Denn dass alle Englisch lernen, setze ich voraus. Darum muss selbst das eingefleischteste Rumpelstilzchen begreifen, dass wir Europa- und Levanteschulen benötigen.

Schreiben Sie,

Bild von David

Genosse Ertug, doch lieber mal etwas über die wahren Beweggründe Ihrer wirklich beklagenswert unsachlichen Polemik. Ich glaube Ihnen, dass Sie zornig sind, das kann ich kaum übersehen.

Definieren Sie mal Sachlichkeit

Bild von Jürgen Herda

Sehr geehrter David,

nach Lektüre der Thesen von Herrn Ertug überrascht mich Ihre nicht weiter begründete Behauptung doch sehr. Ich habe selbst Beckmanns Sendung gesehen und kann deshalb die wenigen polemischen Bemerkungen im Vorspann gut nachvollziehen: Sarrazin argumentierte nicht, hatte nichts entgegenzusetzen und taugt deshalb ja noch nicht einmal als Populist.

Ansonsten sind die vorgetragenen Argumente sachlich, stichhaltig und entsprechen dem Stand der aktuellen internationalen (Intelligenz-) Forschung.

Zornig dürfte alle Diskutanten unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund vielmehr der Umstand machen, dass es bei dieser Debatte nicht etwa um den Austausch von Argumenten geht, sondern um den Wunsch, das eigene Bauchgefühl bestätigt zu bekommen.

Da es sich der mediengeile Politiker Sarrazin herausnimmt, vom Hartz-IV-Empfänger bis zu Muslimen ganze Bevölkerungsgruppen pauschal zu diffamieren, muss er es auch aushalten, wenn man seine offensichtlichen Defizite bei öffentlichen Auftritten aufs Korn nimmt - da er nicht über die geistige Tiefe verfügt, sich etwa über Gründe schlau zu machen, warum Menschen unverschuldet in einen Kreislauf von Arbeitslosigkeit und Armut geraten können, kann er auch nicht für sich in Anspruch nehmen, dass man ihm seine Gesichtsoperation als Grund für seine mangehaften rhetorischen Fähigkeiten zu Gute hält. Im Sinne seiner "Survival of the fittest"-Ideologie hätte er dann eben im Fernsehen nichts verloren.

Mit seiner sozialdarwinistischen Haltung macht er ein Fass auf, das in letzter Konsequenz - unabhängig von der Richtigkeit seiner krummen Thesen - wieder zu der Fragestellung führt: Gelten Menschen- und Bürgerrechte nur für bestimmte Eliten, die nach seiner Auffassung einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten? Will die angebliche Mehrheit der SPD-Mitglieder, die Sarrazin recht geben, dann ein Zensuswahlrecht einführen, das die Stimmen der Manager höher bewertet als die der einfachen Arbeiter? Möchte die Sarrazin-SPD behinderte Menschen ganz aus der gesellschaftlichen und politischen Mitbestimmung ausschließen - und vielleicht dann als "unproduktive Volksschädlinge" auch "auswachsen" lassen, wie er es für Muslime gefordert hat?

Mit der SPD von Lasalle (Migrationshintergrund!) und Brandt (norwegischer Spion gegen die Nazis!) hätte das alles nichts mehr zu tun. Da ging es um einen internationalen Gerechtigkeitsanspruch, nicht um an den Haaren herbeigezogene Argumente, um einen neuen Sündenbock für die Ängste in Zeiten der Globalisierung zu schlachten.

Ich würde allen, die jetzt fröhlich mit Steinen auf Muslime werfen, dringend empfehlen, sich mal umzusehen: Ihr sitzt in einem Glashaus und wenn ihr nicht in der Definition eines "Rechts des Stärkeren" ohne Solidarität auskommt, könnt ihr die nächsten sein, die Sarrazin anpisst. Viel Spaß dabei!

Nichts für Ungut aus Bayern, Jürgen Herda

Genau das meine ich, wenn

Bild von Dennis Müller

Genau das meine ich, wenn ich zuvor schrieb, dass diese Debatte durch und durch ideologisiert ist: wenn Ihnen jemand erklärt, es würde DEN Forschungsstand geben, der ganz klar in DIESE EINE Richtung zeigt, dann sollten Sie sich grundsätzlich sagen: MOMENT - ist das wirklich so einfach?

In diesem Sinne: Es gibt nicht DEN "Stand der aktuellen internationalen (Intelligenz-) Forschung", wie Sie schreiben. Es gibt sehr, sehr viele verschieden Meinungen - weder Sarrazin noch Ertug liefern ein objektives Bild dieses, zum Teil sehr paradoxalen, Forschungsstandes.

Schreiben Sie mir doch eine Mail - ich lasse ihnen gerne eine umfangreiche, aktuelle Bibliographie zum Thema Intelligenz (zum Beispiels in der Anlage-Umwelt-Diskussion) zukommen.- Bilden Sie sich ein eigenes Bild, bevor Sie Menschen glauben, die für sich die wissenschaftliche Wahrheiten proklamieren und dabei anderen auch noch pauschal Laienhaftigkeit unterstellen!

Bibliographie

Bild von Richard Detzer

Das würde mich interessieren. Wie kann ich dieses bekommen?

Mitglied seit 01-11-2009.

Oh. Entschuldigung! Ich

Bild von Dennis Müller

Oh. Entschuldigung!

Ich dachte, meine Mailadresse, die ich oben eingebe, wird ebenfalls veröffentlicht - ist wohl nicht so.

Nachtrag: deko15@web.de

Eintrag in Sachen "Sarrazin"

Bild von I. Ertug

Lieber Genosse David,

vielen Dank für deinen Beitrag. Ich habe mich darüber gefreut, weil es zeigt, dass die Diskussion dringend erforderlich ist.

Es wäre schön gewesen, wenn du die "Polemik" näher ausgeführt hättest. So stehe ich vor deinem Eintrag und habe keine Ahnung, was du genau meinst.

Aber du hast selbstverständlich die Möglichkeit dies nachzuholen, sofern gewünscht. Unter www.ertug.eu kannst du meine Kontaktdaten einsehen.

Alles Gute und solidarische Grüße.
Ismail

Noch ist Zeit

Bild von Richard Detzer

Es geht in der Debatte weniger um Glauben, vielmehr um Richtigkeit.

Wer zu den Kritikpunkten von Herrn Sarrazin erzählt, das wissen wir bereits alles. Wir haben trotzdem Recht. Wer behauptet Sarrazin ist unseriös. Wir aber sind seriös. Wer behauptet Sarrazin ist böse, muß ausgeschlossen werden. Der vergißt, sich selbst mit seinem eigenen Verhalten einzurechnen.

Wir im Allgemeinen müssen zu dem Problem leider sagen. Warum wissen wir das nicht bisher, warum wurde das nicht bekannt gemacht. Warum darf man nicht darüber reden. Warum darf man die heilige Erhabenheit der politischen Fehlstellung nicht durch ein anstössiges Buch aufmuntern.

Endlich können wir feststellen. Die "guten" Politiker liegen nicht richtig. Sarrazin liegt mit seinen Argumenten (nicht: Beweise) nicht direkt richtig, aber bewegt sich dorthin.

An der Richtigkeit der Debatte sieht man, nicht wie T. Sarrazin entlarvt wird, sondern wie sich die Lügner selbst entlarven. Wir sollten in der Art und Weise, wie mit dem Problem und dem Thema und der Person umgegangen wird, schnell einen anderen Weg wählen.

Mitglied seit 01-11-2009.

Sie, HerrErtug, schreiben: "

Bild von Daniel Müller

Sie, HerrErtug, schreiben: " Da sitzt der Bundesbankvorstand wie ein Häuflein Elend in der Wohlfühlsendung von Starmoderator Reinhold Beckmann und kommt gegen die wortgewaltigen Gäste Ranga Yogeshwar (Wissenschaftsjournalist), Aygül Özkan (CDU-Integrationsministerin in Niedersachsen), Renate Künast (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen) und Thomas Sonnenburg (Sozialpädagoge und Streetworker) kaum zu Wort – nicht etwa, weil ihn die Kontrahenten niedergeschrien hätten, sondern weil seine Thesen nicht stand hielten." Und weiter unten: „Dennoch war die Zustimmung für das SPD-Mitglied auf Abruf überwältigend – etwa 70 Prozent fanden das Stottern des Bundesbankers triftiger als die freundlich und mit Quellenangaben formulierte Gegenposition der Praktiker aus Politik, Wissenschaft und Sozialarbeit.“

Ja, Beckmann entpuppt sich - sehr überraschend, wie ich finde – als knallharter und inverstigativer Journalist.

Und der gute Rangar Yogeshwar hält es für die große Kunst der Argumentation, ausgesprochen sympathisch und unablässig süffisant seinen Gesprächspartner argumentativ niederzulächeln und mehr oder weniger direkt zu proklamieren, die „etablierte wissenschaftliche Meinung“, wie es seinerseits heißt, absolut verinnerlicht zu haben. Deshalb ist es wahrscheinlich auch eher anmaßend, von ihm im weiteren Verlauf seiner soliden Argumentation zu verlangen, nur eine einzige Quelle zu nennen; schließlich ist Sarrazin der entlarvte Pseudowissenschaftler, der sich, im Gegensatz zum Dipl. Physiker Rangar, unzulässiger Weise in der „Arena von Fachleuten“ (Biologen, Soziologen etc.) – eine für Außenstehende wohl hermetisch verriegelt Welt - bewegt. Rangar kann aber noch viel mehr – er ist auch ein großartiger Psychologe (natürlich nach den Maßstäben der „etablierten wissenschaftlichen Meinung“, versteht sich): der „Topos der Heimat“ sei in diesen „Zeiten der Verunsicherung“ etwas, worin Sarrazin (und auch alle seine Fürsprecher) „Halt“ suche. Ja, das ist doch mal ein solider Befund: Sarrazin, der Bundesbanker, hat natürlich große Angst, dass die Migranten - wohlgemerkt in diesen „Zeiten der Verunsicherung“ - seinen persönlichen Wohlstand, seine Existenz bedrohen. – Klingt zwar zunächst sehr einfach, entspricht aber der „etablierten wissenschaftlichen Meinung“.

Und die Integrationsministerin, Aygül Özkan? - Die hat ihre profunden Kenntnisse über Sarrazins Machwerk aus „Auszügen“ erworben, wie sie, fast schon naiv, zu Protokoll gibt. Damit ist sie aber in wissenschaftlich abgesicherter Gesellschaft: Rangar, immer noch unablässig sympathisch grinsend, erklärt den Einfältigen - natürlich unter streng wissenschaftlichen Maßstäben - die Welt auch in „pars pro toto“-Analogieschlüssen. Besser könnte es wohl nur Pippi Langstrumpf, Nobelpreisträgerin für Physik - vielleicht sogar eine von Rangas verborgenen Expertinnen?- ausdrücken: 2 x 3 macht 4 / Widdewiddewitt und Drei macht Neune!! / Ich mach' mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt.

Jaja, und die gute Frau Künast ist auch im Bunde. Naja, sie fällt in der illustren Runde etwas aus der Reihe, ist wie erwartet einfach nur unglaublich empört. Ansonsten profitiert der Zuschauer aber von ihrem direkten Draht zu Gott: „Wenn der liebe Gott gewollt hätte“, sagt sie, „dass sich die Welt alleine über die Addition von Zahlen erklärt, dann hätte er am ersten Tag die Zahlen geschaffen.“ - Naja, Gott hat wohl vergessen, ihr zu sagen, dass er die Welt dezidiert nach Zahlen geordnet geschaffen hat, nämlich in der Abfolge von Tagen. Aber Gott und Die Grünen ist ja auch so eine Sache...

Ja, nun haben wir noch die gute Frau Foroutan, die über eine Direktschalte an der Diskussion beteiligt war: Dass sie im Besitz der wissenschaftlichen, für sie statistischen „Wahrheit“ ist, erläutert sie einige Tage später auch bei Illner (über ihre zahlreichen Zahlenpatzer und einseitig gedeuteten Studien kann sich jeder selbst informieren – schade nur, wenn man sich im eigenen Denkgebäude nicht auskennt…). Somit widerlegt sie erfolgreich, was ich bereits im Rahmen des kleinen Statistikscheins gelernt habe: Es gibt keine statistischen Wahrheiten. (Überhaupt, ein sehr interessantes Bild der Wissenschaft: es würde schon das einfache Nachschlagen in einer Enzyklopädie genügen, um zu der schlichten Erkenntnis zu gelangen, dass zumindest die deutsche Wissenschaft nicht an Wahrheiten interessiert ist und schon gar nicht Wahrheiten proklamiert!)

Naja, und über die anderen Gäste braucht man gar nicht reden: sie haben nichts Inhaltliches beigetragen - zumidest ist mir nichts aufgefallen - und waren auch nicht so amüsant wie die wandelnde Wissenschaftslegende und lebende -autorität Rangar oder die Telefonistin Künast.

Übrigens, die betreffende Beckmann-Sendung steht noch online: jeder kann nochmals schauen, wie fundiert gerade Rangar argumentiert…

Ach ja, wo wir gerade bei wissenschaftlichen Methoden waren: Was meinen Sie eigentlich, warum es ab einem bestimmtem akademischen Grad (Sarrazins Doktor ist so einer) in Deutschland möglich ist, auch fachfremd - ohne im entsprechendem Fach vorher ein Fachstudium absolviert zu haben - einen weiteren Doktor zu erwerben? Meinen Sie wirklich, dass liegt daran, dass diese Fachfremden pauschal nicht über, wie Sie schreiben, „Methoden verfügen, sich einer fachfremden Materie objektiv zu nähern und den aktuellen Forschungsstand objektiv zu reflektieren“? - Oder gilt das so pauschal nur für Doktoren der Volkswirtschaft?

Mein Fazit: Insgesamt eine allseits schlechte Argumentation – die hier beworbene Sendung ebenso wie der obige Artikel. Zudem lese ich hier nichts anderes als bei Sarrazin – nur von der anderen Seite. Eine objektive – zumal, worauf Sie ja so pochen, wissenschaftliche - Darstellung müsste sich wenigstens bemühen, (wissenschaftliche) Diskurse hinreichend, d.h. in all ihren Paradoxien aufzuzeigen. Zudem wäre es schön, wenn Sie nicht nur Sarrazins „sozialdarwinistische Weltsicht“ marktschreierisch verkünden, sondern auch anhand der Quelle (ist Ihnen doch so wichtig) belegen. – Oh Gott, ich höre lieber auf, sonst verfalle ich auch noch in die üblichen Ressentiments zu einer politische Klasse…

Ich, den dieses Thema wirklich - und zwar jeden Tag! - betrifft, fühle mich in der öffentlichen Debatte fast durchgängig von allen Seiten verarscht: von Sarrazin, dessen Befürwortern und Kontrahenten. - Diese ideologische Diskussion und Meinungsmache hat nichts mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun...

Was mich aber doch

Bild von Markus

Was mich aber doch überrascht, ist, daß offenbar auch in der SPD die unbelehrbaren(?) "Sarrazin-Fans" keineswegs nur eine unbedeutende Minderheit sind. Oder schreien sie nur so laut?

Vielleicht können einige Zahlen und Fakten zur Aufklärung beitragen und so diesen Spuk - wenn nicht beenden - versachlichen helfen:

http://www.jjahnke.net/rundbr75.html#2128

Es ist ziemlich wichtig,

Bild von Omar

Es ist ziemlich wichtig, darauf hinzuweisen, dass Sarrazin unrecht hat. Das ist ganz eindeutig der Fall im Falle seiner Genetikkenntnisse, aber auch in anderem Rahmen - etwa diverse Statistiken, die er sehr 'liberal' interpretiert. Danke für den guten Artikel. "70 Prozent fanden das Stottern des Bundesbankers triftiger..." ;-)

Sarrazins Weltsicht beruht

Bild von Ein SPD-Mitglied aus Berlin

Sarrazins Weltsicht beruht mitnichten auf überholten Annahmen der Forschung. Tatsache ist, dass die Intelligenzforschung vielfach zu deutlich abweichenden Ergebnissen kommt: http://www.udel.edu/educ/gottfredson/reprints/2005suppressingintelligenc...

Fakt ist allerdings auch, dass Sarrazins Analyse recht eindimensional und ungewichtet ist und die schwerer wiegenden Ursachen überhaupt nicht beim Namen nennt. Der Vorwurf des Sozialdarwinismus ist zudem einerseits berechtigt, die Leugnung dessen jedoch vollkommen blödsinnig.

Wer Sozialdarwinismus konsequent leugnet, müsste im Mindesten zum halben Lohn arbeiten gehen oder permanent die Frage stellen, weshalb es sowenig behinderte Politiker (vor allem in Führungspositionen) gibt.

Die Gegenmeinung der SPD-Führung überzeugt derweil genauso wenig und lässt auch sachlich nicht auf ein fundiertes Wissen sondern eher eine schwache Ahnung des "common sense" in dieser Hinsicht schließen.

Sarrazin nun aus der Partei ausschließen zu wollen ist für mich inakzetabel, wird selbstverständlich aber toleriert. Heute ist ja nicht aller Tage Abend.

http://www.welt.de/politik/de

Bild von Andreas

http://www.welt.de/politik/deutschland/article9437659/Eine-Entlassung-Sa...

ich kann nur hoffen das Klaus von Dohnanyi recht behält
ansonsten verzweifele ich an meinem Glauben an die SPD

Zu Ihrer abschließenden

Bild von Michael S.

Zu Ihrer abschließenden Frage: Ich schätze, solange die Sachverhalte so sind, wird es darauf hinaus laufen... Seine Äußerungen sollten zudem - nicht unterbunden - aber zumindest in einen angemessenen, diplomatischen Rahmen gepackt werden.

Sarrazin hat Recht

Bild von Anonymous

Sarrazin hat Recht, es muss endlich fuer eine wertvolle Einwanderung gesorgt werden, Kriminelle, Hassprediger oder Integrationsunwillige koennte man z.b. zurueckfuehren.

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