Kommentar Sarrazin schafft Klarheit

von Uwe-Karsten Heye - 30.08.2010
Nun ist es auf dem Markt. Jeder kann es kaufen. Sarrazins Thesen im Buchformat. Die einstimmige Reaktion des SPD-Parteivorstandes, das Ausschlussverfahren gegen den ehemaligen Berliner Finanzsenator anzustrengen, war damit überfällig. Ein Kommentar von Uwe-Karsten Heye

Wer hätte sich in der Partei noch politisch zuhause fühlen können, wenn sein verzerrtes Menschenbild durch Stillschweigen hoffähig geworden wäre. Mit Sarrazins These, Dummheit und Klugheit seien genetisch angelegt, legt er das Fundament für eine rassistische Sicht auf ein soziales Problem. Ja, wir haben ein enormes Integrationsdefizit in Deutschland. Ebenso ein Bildungsgefälle, das auch die Kluft zwischen Arm und Reich beschreibt.  

Jahrzehntelang hat die Politik in Deutschland ausländische Arbeitnehmer ins Land geholt und gleichzeitig darauf gesetzt, dass sie das Land wieder verlassen, wenn es den Gastgebern angemessen erscheint. Gastarbeiter wurden geholt und Menschen kamen. Und zugleich wurde gebetsmühlenartig zurückgewiesen, dass Deutschland Einwanderungsland geworden ist. Auch dass wir ohne Einwanderung die umgestürzte generationenmächtige Bevölkerungspyramide nicht wieder mit der Spitze nach oben aufrichten können. Diese Ignoranz kommt das Land teuer zu stehen. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis die eklatanten sozialen Widersprüche aufbrechen würden und hermetisch abgeschlossene Lebenswelten entstehen konnten, die in den Elendsquartieren unserer Großstädte zu besichtigen sind.

Falsche Politik statt genetischer Dummheit

Nur mit genetisch bedingter Dummheit hat dies alles nichts zu tun. Aber alles mit einer fehlgeleiteten Politik, die durch stramme Thesen a la Sarrazin nun auch noch dazu beiträgt, Mehrheitsgesellschaft und Einwanderer aufeinander zu hetzen. Was wir brauchen, ist ein nationaler Plan dafür, endlich die Voraussetzungen zu schaffen, Einwanderung zu lenken und zu gestalten. Dazu bedarf es dringend eines Umdenkens in unserem Bildungssystem. Dieses System ist in seiner jetzigen inhaltlichen und materiellen Verfassung nicht in der Lage, sich den Kindern und Jugendlichen zuzuwenden, die mit und ohne Migrationshintergrund unsere Aufmerksamkeit und Förderung brauchen.

Dazu gehört auch Erwachsenenbildung, die ebenfalls unabhängig davon zu gewährleisten ist, ob jemand hier geboren wurde oder eingewandert ist. Wenn dies die Lehre aus dem erschreckenden Halbbildungsdünkel wäre, aus dem Sarrazin seine Thesen formuliert, wäre schon viel gewonnen. Dieser mediale Wirbel, der da diesem Buch zu Aufmerksamkeit und Auflage verhilft, nutzt niemandem außer denen, die erneut „Deutschland den Deutschen“ schreien. Der Schaden wird zu besichtigen sein.  

 

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Thilo schafft sich ab

Bild von Torben

Mein Fundstück aus dem Socialweb:
Circus Sarrazini - der Soundtrack zum Untergang
http://www.youtube.com/watch?v=2ayqRXxLsxI

Vulgärdarwinismus

Bild von haru

Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, (ausnahmsweise) einmal den politischen Kommentar der FAZ vom heutigen Tag zu lesen. Was "Genosse" Thilo Sarrazin da mit der Attitüde der Wissenschaftlichkeit vorbringt ist ein rassistisch - und übrigens auch antisemitisch - aufgeladener Vulgärdarwinismus, der so tut als habe es die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht gegeben - und dabei mit dem Parteibuch der großen demokratischen Volkspartei SPD kokettiert.

Und leider nein: Thilo Sarrazin schafft sich damit nicht ab. Er versucht nur eine Strategie zu kopieren, die quer durch die Europäische Union als neues Patentrezept der rechten Szene kolportiert wird: "Moslem-Bashing". Eine Strategie, mit der Ängste und Probleme bedient werden können, die im Zeitalter der Globalisierung und nach dem 11. September 2001 in unserer Gesellschaft virulent sind.

Dabei wird im Kern ein genuin faschistisches Weltbild vertreten: Eine genetisch (früher hieß der Terminus: blutsmäßig) höherwertige Volksgemeinschaft (Sarrazin-Terminus: "Staatsvolk") wird von einem genetisch (lies: blutsmäßig) minderwertigen Wirtsvolk bedroht, das semitischen Ursprungs ist. Das alles präsentiert in einer mit viel Statistik und Zahlen aufgepeppten pseudo-wissenschaftlichen Rhetorik und wie gesagt garniert ausgerechnet mit einem Parteibuch der SPD.

Nein, es hat mit mangelnder demokratischer Streitkultur nichts zu tun wenn man Faschismus als Faschismus brandmarkt. Es gab und gibt übrignes nicht nur dumme Faschisten sondern auch hochintelligente.

Es ist wichtig klarzustellen, dass dieses Gedankengut nicht aus der vielbeschworenen "Mitte der Gesellschaft" kommt sondern von ihrem rechten Rand - nur so ist eine sinnvolle Diskussion überhaupt möglich. Und dazu muss zunächst einmal das Feigenblatt des SPD-Parteibuchs entfernt werden.

Was mich nur bedrückt ist die Frage, wie so jemand wie Herr Dr. Sarrazin Mitglied einer sozialdemokratischen Landesregierung werden konnte.

Nutzen und Kosten von Bevölkerungsschichten

Bild von Frank (Frontmotor)

Danke für die klaren Worte, Herr Heye.

Es hat wenig mit politischer Korrektheit, aber viel mit Anstand zu tun, wenn man dem Genosen Sarrazin nun die Grenzen aufzeigt. Dieser pädagogische Kniff ist sozusagen "alternativlos".

Mich mutet es besonders ironisch an, dass hier ausgerechnet ein Bänker eine Kosten-Nutzen-Rechnung über einzelne Bevölkerungsschichten aufmachen will. Gehört er doch selbst zu der Schicht, die uns in den vergangenen zwei Jahren hunderte von Milliarden gekostet hat und uns noch lange belasten und schaden wird.

Aber auf diesen Aspekt kommt Sarrazin gar nicht. Er, der immer in abgesicherten Bahnen unterwegs war, kann von sich nicht abstrahieren und ist auch zu Selbstkritik anscheinend unfähig. Er will allen, die sein Buch nicht gekauft haben, die Kritik verbieten. Das ist natürlich ein Marketinggag. Politisch ernst nehmen muss man ihn nur noch, weil seine veraltete Weltsicht ansteckend wirkt auf andere einfach Gestrickte.

@Wohlfarth

Bild von Bebelfan

Warum nicht über die Thesen Sarrazins diskutieren? Aber warum ist der in der SPD und nicht in der NPD, wo er hingehört?
Na, OK, bei der SPD wundert mich nichts mehr. Als Willy Brandt Kanzler war, bin ich da eingetreten. Als Schröder Kanzler war, hab ich mein olles Parteibuch verbrannt.
Und wenn die SPD einen Neonazi als Mitglied toleriert, werden wohl noch einige ihr Parteibuch verbrennen.

Thilo Sarrazin : Nicht ausgrenzen, debattieren !

Bild von Wohlfarth

Am hysterischsten reagieren diejenigen, die das Buch von Sarrazin nicht gelesen haben. Er hat nicht leugbare Fakten vorgelegt, unterlegt mit Zahlenmaterial. Dass er eine drastische Sprache hat, mitunter zu provokant und polemisch schlussfolgert und bestimmte Themenbereiche besser ausklammern sollte, ist die andere Seite und macht ihn angreifbar. Ihn aus der Bundesbank zu entfernen und aus der SPD auszuschliessen, wäre ein Armutszeugnis für die Streitkultur in Deutschland. Warum haben die deutschen Parteien nicht die Grösse, sich mit den Denkanstössen Sarrazins auseinanderzusetzen, sondern grenzen jeden aus, der es wagt, an ihrem Weltbild zu kratzen? Die genormte politsche Korrektheit hat die Mehrheit der Wähler satt. Falls die SPD Sarrazin ausschließt, werden sehr viele Wähler verloren gehen und weitere Parteiaustritte erfolgen (mich inclusive). Die SPD wäre nicht mehr wählbar, wenn Meinungsfreiheit innerhalb der Partei verboten ist. Profitieren werden die rechtsextremen Parteien, weil die etablierten Parteien, nicht den Mut, die Courage und die Kraft haben, sich brennenden Problemen vorbehaltlos und ideologiefrei zu stellen.

Sarrazin und die Menschenwürde

Was viele (hoffentlich!) überlesen oder verdrängt haben: Mit seinen "genetischen Ausfällen" unterscheidet Sarrazin zwischen mehr und weniger fortpflanzungswürdigen Menschen, und das widerspricht fundamental der Vorstellung von Menschenwürde, wie wir sie nach 1945 entwickelt haben. Es geht nicht um die Frage, ob Intelligenz gezielt vererbt werden kann, sondern ob intelligente Menschen gezielt gezüchtet werden dürfen (z.B. mit Sarrazins Elternprämie).

Im Übrigen versorgen Sarrazin und Konsorten ihre Anhänger, die oft erstmal nur ein Gefühl der "Überfremdung" haben, mit durchaus fragwürdigen Argumentations-Figuren: Die (muslimischen) Ausländer sind nicht integrationswillig. Als meine Generation (Jahrgang 60 plus/minus) Arbeits- und Lehrstellenmärkte überschwemmte, hieß es noch recht einfach: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus": Es gab staatliche Rückkehrprämien und auch Sozialdemokraten diskutierten ernsthaft, ob es sinnvoll ist, z.B. türkische Mädchen für westdeutsche Werte zu begeistern, wenn man sie anschließend nach Anatolien in die damalige türkische Diktatur abschieben wolle.

Und auch heute ist doch jeder noch froh, wenn er sich mit seiner Bewerbung beim deutschen Handwerksmeister nicht auch noch gegen "gut integrierte" Türken durchsetzen muss. Und das zweite große Integrationsthema: Das Kopftuch ist doch für deutsche Männer nur deshalb so anstößig, weil sie sich zuhause mit emanzipierten Frauen außeinandersetzen müssen. Die türkischen Frauen selbst sind ihnen doch vollkommen egal. Das heißt jetzt nicht, dass es keine Integrationsprobleme gäbe, oder keine Menschen, die sich damit ernsthaft auseinandersetzen. Aber, wer sich wirklich mit den Menschen und ihrer persönlichen Geschichte beschäftigt, weiß es besser und redet nicht wie Sarrazin.

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