Es war ein Schock am 4. Januar 1960, als der 47-jährige Camus im Sportwagen seines Verlegers Gaston Gallimard gegen einen Chausseebaum krachte. Der Interpret einer Nachkriegsgeneration starb sofort. Ein Humanist und Moralist trat ab. Der ewige Sinnsucher, der den "Menschen in der Revolte" sah (ein gleichnamiger Buchtitel), blieb fortan stumm. Der Philosoph Michel Onfray sagt heute: "Die Geschichte hat ihm recht gegeben. Er erkannte die Entmenschlichung der linken wie rechten Politik". Und: "Man kann ihn nicht vereinnahmen!"
Keine Freundschaft mit Jean-Paul Sartre
Camus wurde 1913 in eine aus Südfrankreich nach Algerien eingewanderte ärmliche Familie geboren. Er wuchs ohne Vater auf, der im 1. Weltkrieg gestorben war, machte im nordafrikanischen Mondovi sein Abitur, begann als Reporter des "Paris Soir" und ging 1940 nach Paris, wo er sich dem Widerstand um die Zeitung "Combat" anschloß. Die Absurdität des Krieges, die er in dem Büchlein "Brief an einen deutschen Freund" entwickelte, wird eines der Hauptthemen seiner Arbeit, seines Denkens, seines literarischen wie philosophischen Schaffens. Der Mensch in totaler, eigener Verantwortung, als Sucher nach Verantwortung, Ortsbestimmung, als Verteidiger der Wahrheit und Freiheit des einzelnen. Das führte zu einer Fehde mit dem Kollegen Jean-Paul Sartre, der ähnlich dachte, aber dem Schriftstellerkonkurrenten das politische Engagement nahelegte. Camus blieb bei seinen Überzeugungen. Eine Freundschaft zerbrach, als Sartre in seiner Monatsschrift "Les Temps Modernes" Camus´ Buch "Der Mensch in der Revolte" zerriss.
Oft als Sprecher einer orientierungslosen Generation vorgestellt, hat Camus ohne Zögern den Literaturnobelpreis aus Schweden angenommen. Die Auszeichnung konnte seine Position als Mahner nur stärken. Hiroshimas Atombombeninferno kritisiert er "als den größten Vernichtungsrausch der Menschheit" und als "den höchsten Grad der Verwahrlosung!". Er arbeitete weiter als Lektor des Verlages Gallimard, schrieb für das Theater und setzte sich mit Philosophen wie Husserl und Heidegger aueinander. Sein treuestes Publikum waren die jungen Deutschen, soll er einmal gesagt haben. Ein Teil der Franzosen verstand Camus nicht, als er zwischen die Räder der politischen Richungskämpfe der französischen Intellektuellen geriet und keine klare Position ergriff.
Ob der Neugefeierte ins Pantheon kommt, hängt zuerst von seinen beiden Kindern ab. Tochter Catherine Camus zögert, Sohn Jean fürchtet von Sarkozy die "politische Vereinnahmung" des Vaters. Beide wollen jede Polemik um einen Transfer vermeiden und würden den Großen der französischen Literatur lieber in dem provenzalischen Dörfchen Lourmarin ruhen lassen, wo er die letzten beiden Jahre lebte. Einer, der ihn bestens kannte, der Herausgeber des Wochenmagazins "Nouvel Observateur", Jean Daniel, wehrt die Absicht des Staatspräsidenten ab. "Laßt ihn bloß nicht umbetten!"



