Südafrika Ruhiger Regenbogen

von Jerome Cholet - 15.04.2010

Mehr Informationen zum Thema finden Sie u.a. in der aktuellen Ausgabe des Amnesty Journals, April/Mai 2010:

Ein Kick für Afrika. Südafrika vor der Fussball-WM und nach der Apartheid

Eine jubelnde Menge begrüßte Nelson Mandela in der Freiheit. Das war 1990 und der Beginn einer radikalen Veränderung. Südafrika entwickelte sich von einem Symbol der Unterdrückung zu einem Vorbild für ganz Afrika.

Als Gastgeber der Fussball-Weltmeisterschaft möchte das Land wieder zum Stolz des Kontinents werden. Ob aber die armen Südafrikaner von dem Großereignis profitieren, ob die Polizei nur die reichen WM-Touristen schützt oder auch Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten, das muss sich erst noch erweisen.

 

Rassenunruhen, Racheaktionen, Gewaltwellen – die Befürchtungen in Südafrika waren groß, dass der Mord an dem Anführer einer weißen Extremistengruppe das Land entflammen könnte. Doch die Regenbogennation blieb ruhig.

Der Anführer der Burenorganisation Afrikaner Widerstandsbewegung (AWB), Eugène Terreblanche, hatte sich immer wieder zum Sprachrohr der weißen, südafrikanischen Bevölkerung erklärt und die Übernahme der Macht durch die schwarze Bevölkerungsmehrheit abgelehnt. Erst suchte seine Widerstandsbewegung das Ende der Apartheid zu verhindern, heute strebt sie nach einem eigenen Staat in der Nordwest-Provinz.

Am 3. April ist Terreblanche von zwei schwarzen Farmarbeitern ermordet worden. Sie sollen ihn wegen ausbleibender Löhne überfallen und erstochen haben, später hieß es, wegen sexueller Belästigung. Zwar scheint die Tat keinen politischen Hintergrund gehabt zu haben, Terreblanches Nachfolger erklärte allerdings sogleich Rache.

Versöhnung oder Rache?

Andre Visagie, AWB-Generalsekretär, bezeichnete die Tat als „Kriegserklärung“ der Schwarzen an die weißen Farmern. Gleichzeitig warnte er medienwirksam Sportler, Fans und Touristen aus aller Welt vor einem Besuch in Südafrika zur Fußball-Weltmeisterschaft in zwei Monaten und nannte den Kapstaat ein „Land der Mörder.“ Die schwarze Regierung des Landes unter Präsident Jacob Zuma bezeichnete er als korrupt, unzuverlässig und den Rechtsstaat aushebelnd. Parolen, denen die umstrittene Jugendorganisation der Regierungspartei, African National Congress Youth League, mit alten Liedern aus der Zeit des Befreiungskampfes begegnete, die zum Mord an den Buren aufriefen.

Die Stimmung in Südafrika war aufgeladen. Südafrikanische und internationale Medien befürchteten eine Spirale von Racheaktionen, Gewaltwellen, Rassenunruhen. Denn der einzigartige, friedliche Übergang zur Demokratie in Südafrika wird noch immer mit Skepsis begleitet. Kann die jahrhundertelange Diskriminierung der Bevölkerungsmehrheit der Schwarzen, können Jahrzehnte der Apartheid ungesühnt bleiben? Kann sich die Strategie von „Versöhnung statt Rache“ auch langfristig durchsetzen?
 
„Die parallel ablaufenden Prozesse der Abschaffung der Apartheid und des Aufbaus eines neuen demokratischen Systems sind bemerkenswert,“ sagt Siegmar Schmidt, Südafrika-Experte der Universität Landau, „zudem kam es nicht zum häufig vorhergesagten, gelegentlich schon fast beschworenem Bürgerkrieg. Die Südafrikaner erteilten radikalen Kräften eine Abfuhr.“ Doch kann dies auch langfristig gelingen?

Mehrheit der Schwarzen lebt noch immer in Armut

Der Mord an dem Extremisten Terreblanche polarisierte die Südafrikaner, für einen Moment hielt die Nation den Atem an. Denn noch immer lebt die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung in Armut, der Kapstaat führt die weltweiten Kriminalitätsstatistiken an und die weiße Bevölkerung traut der schwarzen Regierung nur mit Vorbehalten in Bezug auf Rechtstaatlichkeit, Minderheitenschutz und Demokratie.

Präsident Jacob Zuma schaltete sich in die Spannungen ein. „Ich mahne alle Südafrikaner, egal ob schwarz oder weiß, zur Ruhe. Die Nation muss an erster Stelle stehen,” sagte er in einer Fernsehansprache, “Südafrika ist ein Rechtsstaat, niemand darf das Gesetz in die eigene Hand nehmen.“ Den Angehörigen Terreblanches sprach er sein Mitleid aus und rief auch die eigene Jugendorganisation zur Besonnenheit auf. Polizeiminister Nathi Mthethwa pflichtete ihm bei: “Wir fordern von allen Südafrikanern aufrührerische Stellungnahmen zu unterlassen.“

Die Afrikaner Widerstandsbewegung schlug darauf hin sanftere Töne an. Sie entschuldigte sich für die Androhung von Racheaktionen gegen die schwarze Bevölkerung und relativierte die Warnung vor einem Besuch in Südafrika. "In der Hitze des Augenblicks ist es von unserer Seite zu bestimmten Aussagen gekommen, die wir zurücknehmen möchten,“ sagte Pieter Steyn von der AWB, „wir schwören der Gewalt, der Einschüchterung und der Rassenverleumdung ab.“

Ob diese Entwicklung in Terreblanches Interesse gewesen ist, bleibt Spekulation. Sicher ist nur, dass es sich bei der Afrikaner Widerstandsbewegung um eine extremistische Organisation handelt, die lediglich ein paar hundert Anhänger hat und deren Flagge an die der Nationalsozialisten angelehnt ist und. Weder ihre Parolen noch die überzogenen Gegenreaktionen der ANC-Jugendliga werden von der Bevölkerungsmehrheit in Südafrika geteilt. Der Oberste Gerichtshof entschied zudem, rassistische Lieder gegen die Buren zu verbieten.

Fußball verbindet?

So brachte der Mord an Terreblanche zwar viel Wirbel und großen Schlagzeilen, die Regenbogennation hat jedoch ein weiteres Mal bewiesen, dass sie trotz ihrer gewaltvollen Geschichte und der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu einem friedlichen Miteinander steht. Und auch die Weltmeisterschaft ist sicher. “So tragisch der Mord auch sein mag, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Sicherheit der Fans oder der Spieler bei der Weltmeisterschaft gefährdet ist,” sagt Lawrence Schlemmer vom Südafrikanischen Institut für Rassenbeziehungen (South African Institut for Race Relations), „darüber hinaus schafft Sport ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ist ein gutes Mittel der Versöhnung.“ Dies hat bereits die Rugby-Weltmeisterschaft 1996 gezeigt.

Die südafrikanische Regierung versprach, den Mord an Terreblanche lückenlos aufklären zu wollen. Die beiden Tatverdächtigen sind bereits festgenommen. Insgesamt ist es in Südafrika ruhig geblieben, alle politischen Parteien haben zur Besonnenheit aufgerufen. Die Mehrheit aller Bevölkerungsgruppen wird Terreblanche nicht nachtrauern und hofft auf eine erfolgreiche, verbindende Weltmeisterschaft.
 

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