Inklusion

Raúl Krauthausen: „Die Behinderung taucht erst auf, wenn der Aufzug kaputt ist“

Marisa Strobel10. November 2015
Setzt sich für Inklusion ein: der Sozialunternehmer und Aktivist Raúl Krauthausen.
Setzt sich für Inklusion ein: der Sozialunternehmer und Aktivist Raúl Krauthausen.
Der Aktivist und Buchautor Raúl Krauthausen setzt sich seit Jahren für Inklusion ein – und zeigt dabei immer auch eine erfrischende Portion Selbstironie. Was eine Behinderung mit der Haarfarbe zu tun hat, erzählt der 35-Jährige im Interview.

Herr Krauthausen, ich muss gestehen: In Vorbereitung auf dieses Interview hatte ich Sorge, eine falsche Wortwahl zu treffen. Erleben Sie diese Unsicherheit häufig?
Ja, natürlich. Das ist ja mein Alltag. Diese Unsicherheiten entstehen dadurch, dass Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag wenig Kontakt haben. Das findet sich wieder in Formulierungen wie „trotz deiner Behinderung“. Dabei mache ich ja nicht etwas trotz meiner Behinderung, sondern mit ihr. In solchen Situationen gebe ich dann immer den Tipp: Betrachten Sie eine Behinderung wie eine Haarfarbe. Man macht ja auch nicht etwas trotz seiner braunen Haare.

Gerade Kinder stellen sehr direkte Fragen oder zeigen mit dem Finger auf Menschen, die anders sind, als sie es gewohnt sind. Sie ärgert häufig aber nicht das neugierige Kind, sondern die Reaktion der Eltern – inwiefern?
Kinder sehen die Welt ja zum ersten Mal. Ihnen kann man keinen Vorwurf machen, wenn sie nicht dem Verhaltenskodex entsprechen. Ich beobachte häufig, dass Eltern ihre eigene Unsicherheit auf ihre Kinder übertragen. Wenn man Kindern aber beibringt, dass man über Behinderung nicht reden, lachen oder darauf zeigen darf, bleibt die Andersartigkeit für sie eine Art Mysterium. Dabei muss man gerade Kindern klar machen: Das gehört zu einer bunten Gesellschaft dazu und ist genauso normal wie braune Haare. Deshalb ist Inklusion als Thema so wichtig und muss bereits im Kindergarten ansetzen.

2004 haben Sie zusammen mit Ihrem Cousin den Verein Sozialhelden gegründet, Ihr erstes Projekt war die Suche nach einem „Super-Zivi“ für sich selbst.
Das war eher eine lustige Sache. Ich suchte damals einen Zivildienstleistenden für mich – aufgrund meiner Glasknochen bin ich auf Assistenz angewiesen. Parallel hatte ein Privatsender gerade seine ersten Castingshows im deutschen Fernsehen. Wir fragten uns, ob man nicht auch etwas Sinnvolles casten könnte – das war die Geburtsstunde von Sozialhelden. Wir wollten soziales Handeln moderner und innovativer machen und dabei Kanäle wie Social Media nutzen, auf denen Hilfsorganisationen eher seltener unterwegs sind. Und wir wollten in den Medien anders präsent sein, nämlich mit einem Funken Ironie und ohne gleich eine Charity-Aktion daraus zu machen.

Mit den Sozialhelden haben Sie unter anderem das Online-Magazin Leidmedien initiiert. Die Website rechnet mit Stereotypen in den Medien ab. Welche Floskeln nerven Sie am meisten?
Die Annahme, dass Menschen mit Behinderung zwangsläufig leiden, oder dass sie, wenn sie ganz normal am Leben teilhaben, eine totale Inspiration sind. Menschen mit Behinderung können genauso unsympathische Menschen sein wie Nichtbehinderte auch. Die eigene Behinderung steht in den seltensten Fällen immer im Mittelpunkt.

Auch eigentlich gut gemeinte Sprüche wie „Manchmal vergesse ich, dass du im Rollstuhl sitzt“ ärgern Sie. Warum?
Die Behinderung ist ein Teil von mir. Und auch wenn die Leute es gut meinen, es geht ja darum, den Menschen als Ganzes zu sehen. Wird die Behinderung ausgeblendet, bleibt kein Raum für Rücksichtnahme.

Sie sind viel in sozialen Medien unterwegs. Inwieweit kann die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft beim Thema Inklusion helfen? 
Gerade über das Internet ist Behinderung erst einmal ausgeschaltet. Es geht in erster Linie um die Inhalte, die jemand kommuniziert, und erst auf dem zweiten Blick um die Person dahinter. Darüber hinaus kann man über das Internet versuchen, Begegnungen zu organisieren zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung, um einander besser kennenzulernen. Aber das Internet allein macht die Welt noch nicht besser. Es ist nur eine Art Kommunikationsmittel, keine Lösung.

In Ihren Blogbeiträgen unterscheiden Sie ganz deutlich zwischen „behindert sein“ und „behindert werden“. Wie bedingen sich die beiden?
Ich habe mir einen Alltag geschaffen – in meiner Wohnung und auch bei uns im Büro –, in dem meine Behinderung nur in seltenen Fällen zu Tage kommt. Die Behinderung taucht erst auf, wenn beispielsweise der Aufzug kaputt ist. Sie entsteht also erst im Zusammenspiel aus meiner eigenen Einschränkung und der Umwelt um mich herum.

Jeder Zehnte in Deutschland gilt offiziell als behindert. Dennoch liegt die Quote unter Kollegen häufig weit darunter. Woran liegt das?
Das ist wieder eine Frage der Begegnung. Wenn Menschen in ihrem Alltag nicht gelernt haben, dass es Behinderung gibt, dann meiden sie das Thema. Das zieht sich hoch bis zur Personalabteilung und Chefetage. Menschen mit Behinderung sind doppelt so oft arbeitslos als Menschen ohne Behinderung, und das, obwohl sie in der Lage wären zu arbeiten. Das ist eine ganz klare Form von Diskriminierung. Firmen kaufen sich lieber frei, als sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, wie sie Menschen mit Behinderung beschäftigen können. Ich habe Absagen auf Stellenbewerbungen bekommen mit der Aussage: Wir würden sie ja nehmen, aber wir haben keine rollstuhlgerechte Toilette. Eine Ausrede, wenn Sie mich fragen. 

Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit unsere Gesellschaft Inklusion lebt?
Inklusion ist kein Ziel. Man kann nicht sagen: 2020, wenn wir folgende Punkte abgearbeitet haben, dann haben wir das erledigt. Selbst Schweden, das diesbezüglich sehr viel weiter ist als Deutschland, wird in vielen Punkten kritisiert. Inklusion ist ein sich immer wieder aufs Neue Einstellen auf eine vielfältige Gesellschaft. Das ist eine Haltungsfrage. Erst wenn wir verstanden haben, dass Inklusion nicht darauf abzielt, eine Minderheit in eine Mehrheit zu integrieren, sondern die Gesellschaft so zu gestalten ist, dass alle ihre Potenziale so entfalten können, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihren Eigenschaften und ihrer Herkunft, erst dann haben wir einen großen Schritt geschafft.

Zur Person:

Raúl Krauthausen ist studierter Kommunikationswirt und Design Thinker. Sein Leben hat der Vorsitzende von Sozialhelden e.V. in der 2014 erschienenen Biografie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“ niedergeschrieben. 

Warum wir Inklusion brauchen

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Kommentare

Diversity-Denken als Grundlage für die inklusiven Prozesse

Nach Lisa Reimann sagt nun auch Raul das Entscheidende, es geht um die gesellschaftliche Haltungsfrage.
Basierend auf das allgemeine Diversity-Denken, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte schon im Jahr 2001 (5 Jahre vor der Verabschiedung der UN Konvention für Menschen mit Behinderung)

„Jede Form körperlicher, seelischer, geistiger oder Sinnesbeeinträchtigung wird als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht und darüber hinaus als Quelle
kultureller Bereicherung wertgeschätzt.“

Von dieser Aussage aus müssen wir auch sagen und auch tief in uns denken, es gibt keine Behinderte, sondern wir haben es mit Menschen zu tun, die behindert werden und sie bereichern uns, wenn wir es zulassen.
Die Bereicherung wird am grössten, wenn wir alle sie alle auch wollen!