Kai Niebert ist Vorsitzender der Naturfreundejugend Deutschlands und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Naturschutzrings. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leibniz Universität Hannover und ist gerade Vater geworden.
Foto: Carlos Wulff
Es sind besonders die heute jungen, oft noch nicht einmal wahlberechtigten Menschen, die unter dem Regieren auf Kosten der Zukunft leiden. Die fossil-atomare Energieversorgung wird Kindern nicht nur eine schwere Zukunft bereiten. Sie tötet sie. Schon heute.
Wird das bisherige Nicht-Engagement fortgesetzt, werden im Jahr 2100 zwischen 165 000 und 250 000 Kinder mehr sterben als in einer Welt ohne Klimawandel, wie der Wissenschaft-liche Beirat der Bundesregierung (WGBU) in einer Studie feststellte. Sicher, in erster Linie werden versiegende Trinkwasserquellen und Ernteeinbußen aufgrund von Dürreperioden die Kinder in Bangladesh, der Subsahara und Zentralafrika treffen.
Der Klimawandel gefährdet Kinder in der Welt – und in Deutschland
Doch auch Kinder in Deutschland werden den Klimawandel direkt zu spüren bekommen. Studien zeigen, dass Migration die Konfliktwahrscheinlichkeit in den Transit- und Zielregionen der Wanderungsbewegungen zum Teil erheblich erhöhen kann. Dabei stellt Migration bereits heute eine unbewältigte Herausforderung für die nationale wie internationale Politik dar. An der Südgrenze der USA zu Mexiko werden die Grenzbefestigungen immer massiver, um den illegalen Zufluss von Arbeitsmigranten zu begrenzen. Die Hilflosigkeit der Europäi-schen Union, mit afrikanischen Flüchtlingen umzugehen und wirkungsvolle Instrumente zur Vermeidung von Migration zu entwickeln, ist offensichtlich. Stattdessen baut sie eine Armee zur Sicherung ihrer Grenze auf.
Flüchtlinge aus armen Ländern sind in den Industriestaaten ein politisch Konflikt beladenes Thema. Die hitzigen Flüchtlingsdebatten der 1990er Jahre, die in Deutschland zu einer Verschärfung des Asylrechts führten, sowie zunehmende fremdenfeindliche Bewegungen und Parteien in Europa sind hierfür Anzeichen.
Millionen Menschen in Gefahr
Vieles spricht dafür, dass mit dem Klimawandel und den damit verbundenen gesellschaftlichen Folgen auch die Migration stark zunehmen wird. Die Zahl der betroffenen Menschen wird unweigerlich steigen und die Zahl der Brennpunkte auf der Erde zunehmen. Die Konfliktpotenziale sind groß: Im Völkerrecht sind „Klimaflüchtlinge“ bisher nicht vorgesehen, sodass durch Folgen des Klimawandels vertriebene Menschen de facto rechtlos sind.
Die Industrieländer müssen sich ihrer Verantwortung nach dem Verursacherprinzip stellen. Es ist bereits heute abzusehen, dass der Streit, in welchen Ländern Klimaflüchtlinge zukünftig aufgenommen werden müssen, zu politischen Spannungen führen wird. Migration könnte mit ungebremst steigenden globalen Temperaturen zu einem der großen Konfliktfelder der künftigen internationalen Politik werden.
Verbalattacken verschiedener – nicht nur rechtskonservativer – Mandatsträger, wie „Kinder statt Inder“ oder „Das Boot ist voll“ zeigen, wie die Debatte selbst bei einer moderaten Migration in Deutschland geführt wird. Wie aber werden Rüttgers, Koch und Kollegen erst reagieren, wenn ihre unterlassene Klimapolitik das Klima so weit anheizt, dass nicht dringend benötigte Facharbeiter, sondern mittellose Bangladeshis und Suahelis in Deutschland vor der Tür stehen, weil ihr Zuhause unbewohnbar geworden ist?
Ausbildung durch Klimaschutz
Dabei könnte alles so einfach sein. Diverse Studien zur Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland belegen: Erneuerbare Energien schaffen Arbeitsplätze – brutto wie netto. Um durchschnittlich 30 Prozent pro Jahr ist die Zahl der Mitarbeiter im Bereich der nachhaltigen Stromerzeugung zwischen 2004 und 2006 gewachsen, wie eine Unternehmensbefragung der Beratungsfirma Roland Berger ergab.
Für die folgenden Jahre erwarten die Unternehmen eine Steigerung der Belegschaft um jährlich im Schnitt 22 Prozent. Das Bundesumweltministerium ermittelte, dass 2007 schon fast 250 000 Menschen in der Branche der Erneuerbaren Energie beschäftigt waren. Die Arbeitsplatzzuwächse im Bereich der Erneuerbaren Energien waren in den vergangenen Jahren so rasant, dass alle Schätzungen heute schon überholt sind: Die für 2010 erwarteten Arbeitsplatzeffekte wurden bereits 2007 erreicht. Mit der Zahl der Arbeitsplätze wächst auch die Zahl der Ausbildungsplätze – und damit die Chance, jungen Menschen eine Zukunftsperspektive zu bieten.
Herausforderung aus Fernost
Eine große Herausforderung entsteht jedoch durch die zunehmende Konkurrenz durch weniger entwickelte aber technologiestarke Länder. China beispielsweise hat bei der Solarzellenproduktion sprunghaft aufgeholt und ist 2007 zum weltweit größten Hersteller geworden. Deutschland wird auf dem Markt nur bestehen können, wenn es durch eine innovations-freundliche Umwelt- und Klimaschutzpolitik seine Technologieführerschaft behält oder diese gewinnt. Nur dann werden deutsche Unternehmen – und damit auch Auszubildende in deutschen Betrieben – langfristig eine Chance auf dem internationalen Markt haben.
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