Rezension, Barbara Beuys: „Sophie Scholl" Porträt einer jungen Frau

Hanser Verlag
von Tomas Unglaube
Sophie Scholl ist 21 Jahre alt, als sie am 22. Februar 1943 im Anschluss an einen Schauprozess hingerichtet wird. Als Mitglied der „Weißen Rose“ gehört sie bis heute zu den bekanntesten Widerstandskämpferinnen gegen den Nationalsozialismus. Barbara Beuys schreibt, gestützt auf Briefe und Tagebücher, eine eindrucksvolle Sophie-Scholl-Biographie.

Auf 460 Seiten stellt Barbara Beuys äußerst präzise, vielfach taggenau, Sophie Scholls Entwicklung dar. Diese bettet sie in die Geschichte der Familie Scholl ein. So gibt sie Einblick in das Herkunftsmilieu und zeigt Zusammenhänge auf, die für das Verständnis von Sophies Handeln wichtig sind.

Begeisterung für den Nationalsozialismus

Detailliert geht die Autorin auf das liberal-protestantische Elternhaus und die Geschwister ein. Dabei verweist sie immer wieder auf die Bedeutung des Familienzusammenhalts für Sophie Scholl. Präzise belegt die Biographin, dass Hans und Sophie Scholl sich intensiver und länger als bislang angenommen, für den Nationalsozialismus begeisterten, während die Eltern ihre Kinder von Anfang an davor warnten.

Beuys widmet sich der Bedeutung von Religion für Sophie Scholl. Sie zeigt, wie die junge Frau spätestens seit ihrem 17. Lebensjahr darum rang, ein Leben in Einklang mit Gott zu führen. Sie erläutert, dass Literatur, Kunst und Musik für Sophie Scholl mehr als nur eine willkommene Ablenkung von dem als geistlos empfundenen Alltag in Schule und Reichsarbeitsdienst waren. Und die Autorin schildert wie Sophie, verliebt in den Berufsoffizier Fritz Hartnagel, der an der Front kämpfte, eine Niederlage der Wehrmacht herbeisehnte.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus

So zeichnet Barbara Beuys das Porträt einer jungen Frau, deren Widerstand gegen den Nationalsozialismus sich aus einer Vielzahl von Quellen speist. Zugleich zeigt sie auch eine Sophie Scholl voller Widersprüche, hin- und hergerissen zwischen Gefühl und Verstand, Vernunft und Religion, Bindung und Freiheitsdrang. Ihre nüchterne Sprache trägt dazu bei Heroisierung zu vermeiden.

Die Autorin vermittelt kein grundlegend neues Bild von Sophie Scholl, wohl aber – gemessen an früheren Veröffentlichungen – ein sehr viel detaillierteres. Dies gilt insbesondere für die Informationen über das Elternhaus, Sophie Scholls zeitweise Begeisterung für den Nationalsozialismus und ihre intensive Beschäftigung mit religiösen Fragen.

Briefwechsel und Tagebücher erstmals ausgewertet

Der Autorin kam bei ihrer Arbeit zugute, dass sie nicht nur auf bereits veröffentlichte Dokumente und Darstellungen zurückgreifen und eine Vielzahl von Zeitzeugenberichten heranziehen konnte. Erstmals hat sie systematisch vor allem den im Münchner Institut für Zeitgeschichte erhaltenen Briefwechsel zwischen den Mitgliedern der Familie Scholl und ihren Freunden sowie die überlieferten Tagebücher von Sophie Scholl und ihrer älteren Schwester Inge ausgewertet. Positiv fällt ins Gewicht, dass Beuys auf Spekulationen verzichtet und Forschungslücken klar benennt.

Das Ergebnis von Barbara Beuys intensiven Recherchen – das Quellen- und Literaturverzeichnis umfasst elf Seiten – ist die anschauliche Darstellung der Entwicklung einer jungen Frau, insbesondere in den Jahren 1937 bis 1943. Wer nur etwas über die aktive Widerstandskämpferin Sophie Scholl erfahren möchte, wird vielleicht enttäuscht sein, denn die Schilderung der eigentlichen Widerstandshandlungen nimmt lediglich knapp ein Sechstel des Textes ein.

Wer sich aber für Motive und Hintergründe interessiert, erfahren möchte, warum jemand sich vom Nationalsozialismus löst und Widerstand leistet, und die notwendige Geduld für diese Lektüre aufbringt, lernt durch Barbara Beuys’ Biografie eine junge Frau in ihrer Widersprüchlichkeit kennen, die bis heute als Vorbild taugt.

Barbara Beuys: „Sophie Scholl. Biografie“, München, 2010, Carl Hanser Verlag, 496 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-446-23505-2

 

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