Demokratie in Gefahr Politikverdrossen = Demokratieverdrossen?

von Mathias Ostertag - 10.08.2010

Link zur Repräsentativbefragung der Gesellschaft für Sozial- und Marktforschung mbH polis/sinus im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (2503 Befragte; 1750 West/753 Ost): "Persönliche Lebensumstände, Einstellungen zu Reformen, Potenziale der Demokratieentfremdung und Wahlverhalten": URL: www.fes.de/inhalt/Dokumente_2008/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf (09.08. 2010)

Eine Studie der Friedrich-Ebert Stiftung zeigt: Die sogenannten „gesellschaftlichen Verlierer“ sind besonders unzufrieden mit der Politik. Doch bedeutet diese allgemeine Politikverdrossenheit auch eine Unzufriedenheit mit der Demokratie an sich?

37 Prozent der Deutschen sind mit der Demokratie unzufrieden. Mehr als ein Drittel findet, dass die Demokratie weniger gut bzw. schlecht funktioniert. Noch verheerender jedoch die Zahlen für Ostdeutschland. Dort haben 61 Prozent der Bürger eine skeptische Haltung gegenüber der Demokratie. Diese Ergebnisse liefert eine repräsentative Umfrage der Friedrich-Ebert Stiftung (FES) aus dem Jahr 2008 zum Thema „Persönliche Lebensumstände, Einstellungen zu Reformen, Potentialen der Demokratieentfremdung und Wahlverhalten“ befragt hat. „Ich fürchte, rund ein Drittel der Menschen hat sich schon von der Demokratie verabschiedet“, so der Wissenschaftler Frank Karl von der FES bei der Vorstellung der Studie.

Bürger wollen mitentscheiden
Dennoch: Es ist ein steigendes Interesse an einer aktiveren Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in politische Entscheidungsprozesse zu beobachten. Das äußert sich in der zunehmenden Forderung verschiedener gesellschaftlicher und politischer Gruppen nach Formen direkter Demokratie. Demokratietheoretiker haben die Beteiligung an der gesellschaftlichen Gestaltung als eines der zentralen Elemente für die Demokratieentwicklung identifiziert. Daher stören sich immer mehr Menschen an der zu beobachtenden Verlagerung von Willensbildungsprozessen in Expertengremien. Dies schadet vor allem dem Ansehen der Demokratie. Dass „die da oben“ über die Köpfe von „uns hier unten“ hinweg Entscheidungen treffen und nur eingeschränkte Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger bestehen, wird nicht mehr widerspruchslos hingenommen. 

Von Arnim: „obersten Repräsentanten selbst bestimmen“
Ein gutes Zeichen, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die Demokratie noch nicht abgeschrieben hat, ist jedoch die steigende Zahl von Bürgerbegehren bzw. Bürgerentscheiden auf lokaler oder föderaler Ebene. Egal ob die Abstimmung über die Schulreform in Hamburg, oder über eine mögliche Befragung der Bevölkerung über das Großprojekt „Stuttgart 21“:  Die Menschen wollen teilhaben an der Willensbildung, wie auch Befragungen zur Wahl des Bundespräsidenten in den vergangenen Wochen gezeigt haben. Diese Forderungen muss die Politik berücksichtigen und in ihre Entscheidungen einfließen lassen. Dafür plädiert auch der Parteienforscher Hans-Herbert von Arnim in einem Interview mit der Tageszeitung „Der Westen“: „Es kann in einer Demokratie generell nicht ganz falsch sein, wenn die Bürger ihren obersten Repräsentanten selbst bestimmen. Ein so vom Volk Gewählter könnte aber vor allem mit viel mehr Aussicht auf Erfolg das Gemeinwohl vertreten und ein Widerlager bilden gegen die Übermacht der Parteien.“

Vertrauen in die Politik schwindet
Trotz aller Forderungen nach mehr Bürgerbeteiligung: Teile der Bevölkerung zweifeln daran, dass die Politik ihre persönlichen Probleme lösen kann. Heike Walk, Politikwissenschaftlerin an der Technischen Universität Berlin, sieht die Probleme in der Zukunftsangst der Bürger, einer Furcht vor dem sozialen Abstieg und verantwortlich dafür wird die Politik gemacht: „Das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik schwindet, und die Massenmedien schüren das Misstrauen mit Nachrichten, die sich in erster Linie gut verkaufen lassen. Das ist keine gute Entwicklung, denn das demokratische System ist die ‚einzige Herrschaftsform, die in ständiger erneuter Kraftanstrengung gelernt werden muss’“, so die Expertin für Bürgergesellschaft und Demokratie.

Sozial Schwache sind besonders skeptisch
Die FES-Studie offenbart, dass insbesondere Arbeitslose (71%), Hartz-IV-Empfänger (63%) und Nichtwähler (55%) demokratieskeptisch sind. Auch die Problemlösungskompetenz in einer Demokratie wird von einem Drittel der Befragten kritisch gesehen. Im Osten sprechen sogar 52% der Demokratie die Fähigkeit ab, Probleme zu lösen. Für fast jeden Vierten ist die Demokratie nicht verteidigenswert. 22% der Deutschen würden für die Demokratie nicht kämpfen, im Osten sind es sogar 38%. Noch gravierender die Zahl bei den Arbeitslosen (54%) bzw. Hartz-IV-Empfängern (52%).
Nicht allein das Misstrauen gegen die Demokratie scheint in der Bevölkerung zu wachsen, auch der Glaube an das politische System ist offenbar dramatisch zurückgegangen. So fühlen sich nur 62 Prozent der Bürger gerecht behandelt, während jeder Vierte angab, ungerecht behandelt zu werden. „Das deutet darauf hin, dass viele Menschen fürchten, demnächst abzurutschen, und sie machen das System dafür verantwortlich“, erklärt Frank Karl von der FES.
Es lässt sich also ein deutlicher Zusammenhang zwischen Demokratie und sozialer Gerechtigkeit feststellen. Trotz der Skepsis vieler Befragter an der Demokratie, hat doch die Mehrheit klare Vorstellungen von einer demokratischen Ordnung. Dennoch bleibt die Gefahr bestehen: Durch den Zerfall der Einheit von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit wird die Funktionsfähigkeit der Demokratie in Frage gestellt.

 

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kumulieren und panaschieren...

Bild von Karl-Heinz Bollmann

... auch für die Bundestagswahlen könnten die Politikverdrossenen möglicherweise aufmuntern.
Warum immer gleich eine ganze Partei wählen müssen wenn man eigentlich nur einem bestimmten Politiker oder einer Politikerin eine Chance geben will?
Muss es wirklich sein, nach jeder Bundestagswahl ggf. nur wegen wechselnder Parteifarbe ein grade eben eingespieltes Land-Führungsteam komplett auszutauschen,obwohl der einzelne Politiker mitunter eine auch von oppossitioneller Seite aus gesehen gute Arbeit macht?
Hier sollte der Wähler mehr Mitsprache erhalten.

Wahlverdrossenheit erwünscht?!

Bild von Karl-Erich Weber

Bei all dem Jubel über "Mehr Demokratie" darf nicht vergessen werden, dass eine Minderheit - wie übrigens bei allen anderen derzeitigen Wahlen - über eine passive Mehrheit bestimmt. Volksentscheide sollten zumindest eine Wahlbeteiligung von 60 Prozent haben um erfolgreich zu sein. Sonst besteht die Gefahr, dass über höhere finanzielle Mittel verfügende Gruppen die Willensbildung über Medien und kostspielige Aktionen verfälschen. Das ist keine Demokratie, sondern Lobbyismus der letztendlich zu Zuständen wie im Bundestag führt.

Andererseits - je besser die Politik im Lande, umso weniger wird ein Volksentscheid benötigt. So gesehen bräuchten wir jede Woche einen... Auch für die Versäumnisse der "großen Koali-tion" und davor.

Die beiden erwähnten Entscheide "Schulreform" und "Raucherverbot" taugen gut als Beispiel was ein Volksentscheid anrichten kann. Irgendjemand könnte die Büchse der Pandora öffnen. Wollen tun dies schon jetzt einige...

Politikverdrossen ist nicht gleich Demokratieverdrossen!

Bürgerbefragung

Bild von Charlie Driggs

Schön, dass die Parteizeitung der SPD eine Befragung der Bevölkerung über das Großprojekt Stuttgart 21 für möglich und offenbar auch für wünschenswert hält. Können Sie das auch an Ihre Genossen in Baden-Württemberg übermitteln?

wie heißt gleich nochmal

Bild von Siegfried Schlosser

wie heißt gleich nochmal die größte Partei Deutschlands?

ach ja - PdN - Partei der Nichtwähler.

Seit Jahrzehnten ist zu beobachten, daß diese Gruppe immer größer wird, und die anderen Parteien sehen dem achselzuckend zu.

Allerdings denke ich nicht, daß die alle politikverdrossen sind. Das ist eher eine Politiker-Verdrossenheit. Es ist der Eindruck, daß all diejenigen, die "da oben" über uns "wachen", keinen blassen Schimmer mehr davon haben, wie es "uns hier unten" denn so geht.

Bürgerentscheid zu Stuttgart 21

Bild von Oliver Schwarz

In Stuttgart und BW stellt sich die SPD vehement gegen einen Bürgerentscheid zu Stuttgart 21. Befragen Sie doch mal Claus Schmiedel oder Wolfgang Drexler zu diesem Thema und Sie werden denken: "die Beiden sind doch CDU Mitglieder"

"Noch verheerender jedoch die Zahlen für Stuttgart"

Bild von Anonymous

Fragen Sie doch mal die SPD in Stuttgart und BW, wie die zum Thema einer mögliche Befragung der Bevölkerung über das Großprojekt „Stuttgart 21“ stehen. Bei den Antworten von Claus Schmiedel und Wolfgang Drexler werden Sie erschrecken.

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