Geboren wurde Samuel Fischer 1859 in einem kleinen ungarischen Ort mit überwiegend deutsch-jüdischer Bevölkerung. Mit 14 Jahren absolvierte er eine Buchhandelslehre in Wien. Vier Jahre später übersiedelte er nach Berlin, wo er 1886 den S. Fischer Verlag gründete. Amtliche Kursbücher und technische Zeitschriften bildeten das Fundament; bald folgten zeitgenössische ausländische Autoren, Ibsen vor allem, Zola, Tolstoi und Dostojewski.
Mit dem Verein „Freie Bühne“, zu dessen Gründung der Publizist Maximilian Harden, die Kritiker Otto Brahm und Paul Schlenther und S. Fischer als Schatzmeister aufriefen, um durch geschlossene, nur Mitgliedern vorbehaltene Theateraufführungen die Zensur zu umgehen, begann der Siegeszug des Naturalismus. Einen ersten, heftig befehdeten Höhepunkt bildete die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns sozialem Drama „Vor Sonnenaufgang“ am 20. Oktober 1889 im Berliner Lessing-Theater.
Der Autorenstamm vergrößert sich
Der Autorenstamm des S. Fischer-Verlags vergrößerte sich zunehmend. Gerhard Hauptmann wurde Verlagsautor und blieb es trotz seiner gewaltigen Honorarforderungen. Richard Dehmel, Hermann Stehr, Thomas Mann und Hermann Hesse kamen dazu, aus Österreich Peter Altenberg, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Die Geschichte der deutschen Literatur wird über Jahrzehnte von den Verlagsautoren bestimmt. Samuel Fischer entdeckte und förderte Autoren. Mit den meisten war er befreundet, wechselte zahllose Briefe mit ihnen. Ihre Werke setze er mit innovativen Ideen auf dem Buchmarkt durch: mit Gesamtausgaben zu Lebzeiten, billigen Reihen und Volksausgaben.
Samuel Fischer ging in der Verlagsarbeit auf, überlieferte aber wenig über sich selbst und macht es der Biographin damit nicht leicht. Wenn persönliche Zeugnisse fehlen – dies gilt besonders für die Anfangsjahre – bleiben ihr nur Mutmaßungen („Fischer müsste... in der Sonntagsmatinee gesessen haben“) und Verweise auf vielleicht Vergleichbares. Zahlreiche andere Autoren werde als Kronzeugen zitiert, um das Umfeld abzustecken und die Atmosphäre der Zeit zu charakterisieren. Das ist nicht immer hilfreich und erhellend. Mitunter führt es – wie die sehr ausführliche Darlegung des Konfliktes zwischen Heinrich und Thomas Mann – auf Nebenwege.
Von Kronzeugen und dem Umfeld
Für die spätere Lebensphase des Verlagsleiters ist die Überlieferung besser. Besonders gelungen ist deshalb Barbara Hoffmeisters komprimierte Darstellung der Weimarer Jahre bis zu Fischer Tod am 15. Oktober 1934. Hier wird auch deutlich, in welchem kulturellen Klima der Verlag nach dem verlorenen Krieg agierte.
Beispielhaft dafür ist die Feier zu Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstag am 15. November 1922 in der Berliner Universität. Die Studenten blieben ihr fern, weil Hauptmann sich zur Republik bekannt hatte. Professor Julius Petersen, einer der Festredner und als Germanist eine Leuchte seines Fachs, bat Fischer – so hat es Harry Graf Kessler überliefert – den Reichspräsidenten Friedrich Ebert wieder auszuladen, „da es der Universität nicht angenehm sein werde, wenn das republikanische Reichsoberhaupt bei ihr erscheine.“ Fischer lehnte ab, worauf Petersen – wieder vergeblich – darum bat, dann doch wenigstens den ebenfalls als Festredner vorgesehenen Reichstagspräsidenten Paul Löbe auszuladen", denn zwei Sozialdemokraten auf einem Male sei doch etwas viel“.
Die Biographie, und das ist ein Gewinn, wertet die heute erreichbaren Quellen aus. Doch die überaus anschaulichen, 1978 erschienenen Erinnerungen von Brigitte Bermann Fischer an ihr Elternhaus („Sie schrieben mir oder was aus meinem Poesiealbum wurde“) und den dokumentarisch dichten Ausstellungskatalog des Deutschen Literaturarchivs in Marbach von 1985 zum Verlagsjubiläum („S. Fischer, Verlag, Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil“), macht sie indes nicht überflüssig.
Barbara Hoffmeister: „S. Fischer, der Verleger, Eine Lebensbeschreibung“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2009, 494 Seiten, 22,95 Euro



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.
Ah ja.
die hühner
Felix Krebs