Ortsvereine zwischen Ost und West Partner im Umbruch

von Birgit Güll - 05.06.2010
Zwei Hansestädte, zwei Ortsvereine: einer aus dem Osten, der andere aus dem Westen. Seit 1990 verbindet den OV Rostock Kröpeliner Tor-Vorstadt eine Partnerschaft mit Bremen-Grolland. Zukunft gestalten, heißt das ­erklärte Ziel. Ein Besuch in Rostock.

Er ist jung, der Ortsverein Rostock Kröpeliner Tor-Vorstadt (KTV). „Die Masse stellen die 25- bis 28-Jährigen“, sagt Detlef Bathel, der Vorsitzende des Ortsvereins. Gerade mal 16 Jahre alt ist das jüngste Mitglied, 91 das älteste. Bathel spricht von einem „Generationswechsel“. In der Universitätsstadt Rostock begeistern sich viele Studenten für die Parteiarbeit. Frauen finden seltener den Weg in den Ortsverein. Deshalb hat sich der KTV bei seinem „Weltcafé“, einer Diskussionsveranstaltung Anfang des Jahres, Gedanken darüber gemacht, wie man sie für die Mitarbeit gewinnen kann. Gesetzt wird auf eine Vielzahl von Initiativen.

Einmal im Monat ist Ortsvereinstreffen, bei Bedarf auch häufiger. „Unsere Mitglieder sind unglaublich aktiv in der Stadt“, betont Bathel stolz. Gerade rief der KTV zu einer öffentlichen Sitzung auf, um über Hartz IV zu diskutieren: „Soziale Sicherung bei Arbeitslosigkeit“ lautete das Thema. Den DGB hat der Ortsverein mit ins Boot geholt. Zwei Tage später haben sie wieder Flagge gezeigt: Als Teil von „KTV macht blau“, einem Stadtteilfest, an dem der SPD-Ortsverein seit mehr als zehn Jahren teilnimmt, genau wie die im Umfeld der Jusos Mecklenburg-Vorpommern gegründete Initiative „Endstation Rechts“. So gelingt es, auf dem Fest alljährlich ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus und die NPD zu setzen.

Plötzlich waren wir auch Westen

„Man muss im Kleinen was machen, dann wirkt man auch im Großen“, ist Detlef Bathel sicher. Seit fünf Jahren ist er der Vorsitzende des Ortsvereins Rostock KTV. Vor ihm hatte Erika Drecoll das Amt 16 Jahre lang inne. Bei einem Treffen mit Bathel erinnert sie sich an die Gründungszeit des Ortsvereins, und damit an die Jahre von Mauerfall und Deutscher Einheit. „Mit fliegenden Fahnen“ sei sie damals in die SPD eingetreten. Ohne Parteierfahrung begann sie sich im Ortsverein KTV zu engagieren, bald war sie Vorsitzende.

1990 wurde der Grundstein für eine Ost-West-Partnerschaft gelegt, die bis heute besteht: jene zwischen dem Ortsverein Rostock KTV und dem Ortsverein Bremen-Grolland. „Partnerschaft, keine Bevormundung“, betont Erika Drecoll. Neben ihr liegt ein dicker Ordner, voll mit Dokumentationsmaterial und Fotos – „nur eine Auswahl“, wie sie sagt. Von Anfang an ging es darum, sich kennenzulernen, Positionen auszuloten und gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Doch dann kam alles anders: Die DDR trat der Bundesrepublik bei. „Plötzlich waren wir auch Westen“, formuliert Erika Drecoll. Das westdeutsche System, mit allen Fehlern und Schwächen, sei auf sämtliche Lebensbereiche des Ostens übertragen worden.

Gelebte Einheit

Umso stärker setzte die Ost-West-Partnerschaft zwischen Rostock und Bremen darauf, „Gegensätze abzubauen“, sagt Reinhold Stiering vom Ortsverein Bremen-Grolland. Gefördert von der Friedrich-Ebert-Stiftung widmen Rostock und Bremen sich in dreitägigen Seminaren jährlich einem anderen Thema: Wirtschaftspolitik, Juden in Deutschland oder Rechtsextremismus, um nur einige zu nennen. Im letzten Jahr lautete die Frage „Ist zusammengewachsen, was zusammengehört?“

Als „gelebte Einheit, die Ausdauer beweist“, bezeichnet Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen die Städtepartnerschaft. Rostock-Bremen ist eine der wenigen aktiven Ost-West-Verbindungen. Die jungen Mitglieder beteiligen sich allerdings kaum an den Begegnungen der „Aktiven der ersten Stunde“, so Erika Drecoll. Sie lebt inzwischen in einem anderen Stadtteil, gehört zu einem anderen Ortsverein. Doch die Städtepartnerschaft liegt ihr am Herzen und so pflegt sie sie weiterhin.

Detlef Bathel kommt gerne mit zu den Zusammenkünften, wird auch im Oktober dieses Jahres beim 20. Jubiläumstreffen dabei sein. Und vielleicht überzeugt er auch noch die neueren OV-Mitglieder. Er freut sich darüber, dass sich im Ortsverein KTV so viele junge Leute engagieren. „Wichtig ist, dass die Zahl der Mitglieder stabil bleibt“, erklärt Erika Drecoll. Und in diesem Moment sind die ehemalige Vorsitzende und ihr Nachfolger erstmals uneinig. „Nee“, sagt Detlef Bathel, „wichtig ist, dass sie zunimmt. Wir sind ja die Guten.“

 

 

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Channel: Inland  Sozialdemokratie  
Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern  

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