Filmtipp

Der Ost-Komplex: Unrecht als Lebensaufgabe

Nils Michaelis11. November 2016
Ex-Häftling Mario Röllig in der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
Ex-Häftling Mario Röllig in der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
Für immer Häftling? Die Dokumentation „Der Ost-Komplex“ erzählt von traumatischen Erfahrungen in den Fängen der Stasi und vom schwierigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit.

Das Vaterland verraten, den Weltfrieden gefährdet und einen Atomkrieg provoziert: Mit diesen irren Vorwürfen wanderte Ende der 80er-Jahre ein junger Mann aus Ost-Berlin in den Stasi-Knast. Und das nur, weil er seiner Liebe in den Westen folgen wollte. Ungarische Grenzwächter stoppten Mario Rölligs Flucht nach Jugoslawien. Fast drei Jahrzehnte kommt er noch immer nicht von all den bitteren Erfahrungen los. Bitter waren nicht nur die drei Monate hinter Gitter, sondern auch die Enttäuschung, als er dem Mann, für den er die Flucht riskiert hatte, endlich in West-Berlin gegenüberstand. Als er Ende der 90er-Jahre seinem einstigen Stasi-Vernehmer begegnet, beginnt die zweite große Krise seines Lebens.

Im Visier der Stasi

Aus dem jungen Mann, der einst am Flughafen kellnerte, sich heimlich mit einem West-Berliner Politiker traf und dadurch ins Visier der DDR-Staatssicherheit geriet, ist ein Reisender in eigener Sache geworden. Der Endvierziger führt Besucher durch die Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen und spricht vor Schülern, der CDU-Basis und Studenten in den USA über sein Leben. Ein Leben, das in der Endphase der DDR aus dem Ruder lief und bis heute keinen wirklichen Halt gefunden hat. Hick zeigt, wie Mario Röllig seit Jahren versucht, sich in konservativen Unionskreisen zu etablieren, aber auch dieses Milieu nur bedingt mit seiner inneren Welt als Homosexueller vereinbaren kann.

Der Dokumentarfilmer Jochen Hick zeichnet in „Der Ost-Komplex“ aber nicht nur ein Porträt einer, wie der Titel schon suggeriert, komplexen Persönlichkeit. Er bettet es in eine Erzählung darüber ein, wie 27 Jahre nach dem Mauerfall zwar viele über die DDR reden, dies aber kaum miteinander tun. Stattdessen verharrt jeder in seiner Perspektive, ob nun die Apologeten der alten DDR-Eliten oder frühere Regimekritiker. Schlechte Zeiten für eine Annäherung der unterschiedlichen Pole. Und Mario Röllig ist bei der Konfrontation immer wieder mittendrin.

DDR: Ein Unrechtsstaat?

Der Film, der auf der Berlinale lief, versinnbildlicht den Meinungsclash unter anderem in einer von Protesten begleiteten Lesung von Egon Krenz im Haus der Zeitung „junge Welt“. Dort doziert der Honecker-Nachfolger über die viel diskutierte Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. Bei der alljährlichen Gedenkveranstaltung für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf dem Friedhof von Berlin-Friedrichsfelde kommt es zu verbalen Tumulten zwischen Anhängern der Partei Die Linke und ehemaligen Verfolgten des Stalinismus.
 
Auch Mario Röllig leistet seinen Beitrag zur Debatte. Allerdings zeigt er sich den Menschen gegenüber, die schon aus biografischen Gründen eine andere Einstellung zum real existierenden Sozialismus haben, durchaus zugewandt. Was nicht zu unterschätzen ist: Röllig ist kein Intellektueller. Er zeigt kaum Distanz zur DDR-Vergangenheit, Grautöne sind bei seinem Blick auf den SED-Staat eher die Ausnahme. Manchmal hat die Ichbezogenheit seiner Berichte fast schon etwas Theatralisches, wenn auch nicht frei von Selbstironie. Wenn er euphorisch vor seinen Parteifreunden erklärt, warum er den Kapitalismus so klasse findet möchte man ihn schütteln.

Zeitzeugen dominieren

Andererseits lebt die Perspektiven der Zeitzeugen – mithin der Opfer – gerade von dieser wenig objektiven Sucht auf die Dinge. Hick schafft ihr ganz bewusst den Raum als Gegengewicht zum Blick des Historikers. Deswegen kommt aus dieser Zukunft auch niemand zu Wort – was angesichts des antikommunistischen Sendungsbewusstseins von Mario Rölligs Gedenkstättenchef Hubertus Knabe verwundert.

Hicks eigene Position bleibt unklar. Vier Jahre lang hat er seinen Protagonisten begleitet. So entstand eine intensive Studie über eine widersprüchliche und schillernde Persönlichkeit. Und eben eines Zeitzeugen, der noch immer damit beschäftigt ist, das erlittene psychische Leid zu verarbeiten. Zum Beispiel, indem er die Schauplätze seiner Fluchtgeschichte aufsucht, um dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen, denen er seine Probleme zu verdanken hat. Zeit- und Ortsebene wechseln stetig, fügen sich aber gut in die Gesamterzählung ein. So zeigt dieser Film denn auch auf schmerzhafte, wenngleich mitunter humorvolle Weise, wie gegenwärtig das Vergangene sein kann. Mario Röllig hat noch einen langen Weg vor sich.

 

Info: Der Ost-Komplex – die Geschichte von Mario Röllig (Deutschland 2016), ein Film von Jochen Hick, mit Mario Röllig u.a.

 

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