Filmtipp

„Null Motivation“: Entlarvende Satire über Israels Militär

Nils Michaelis25. November 2016
Szene aus „Null Motivation“
Nicht ganz bei der Sache: Zohar (Dana Igvy)
So befreiend kann Respektlosigkeit sein: „Null Motivation“ nimmt aus der Sicht von drei Soldatinnen den Alltag bei der israelischen Armee aufs Korn.

Frauen gehören bei Israels Militär seit Jahrzehnten wie selbstverständlich dazu, doch das Thema Gleichberechtigung steht auf einem anderen Blatt. Wie Frauen das Armeedasein, zumal als Wehrpflichtige, erleben, wurde filmisch lange kaum beleuchtet. Auch das erklärt den unglaublichen Erfolg von Talya Lavies Debütfilm „Null Motivation“ (Originaltitel: Efes bbe Jachasej Enosch, auf Deutsch: „Eine Null in zwischenmenschlichen Beziehungen“).Lavie wählte ein satirisches Format, um von kasernentypischen Erfahrungen wie Monotonie, Machismo, Selbstherrlichkeit und Bürokratengeist zu erzählen. Die 38-jährige Regisseurin, Drehbuchautorin und Comickünstlerin verarbeitet darin auch eigene Erlebnisse. „Wie die meisten Frauen dort mussten wir nie unser Leben riskieren“, berichtet Lavie. „Aber wir liefen auf jeden Fall Gefahr, an Langeweile zu sterben.“

„Null Motivation“: zynisch und antriebslos

Genauso ergeht es auch Daffi und Zohar. In ihrer Militärbasis irgendwo in der Wüste kämpfen die jungen Wehrpflichtigen nicht etwa gegen die Hamas, sondern mit Aktenbergen. Anstatt von Orden träumen sie von der Verlegung ins hippe Tel Aviv (Daffi) beziehungsweise von der ersten Liebe (Zohar). Weil beides auf sich warten lässt, schlagen sie die Zeit im Büro der Camp-Administration mit Computerspielen und Tackerattacken tot. Der Alltag macht sie zynisch und antriebslos, die alkoholfreien Abende am Wochenende in der Kantine zählen zu den wenigen Höhepunkten. Als beider Sehnsüchte sich zu erfüllen scheinen, bricht Chaos aus. Ihre Vorgesetzte, die Offizierin Rama, ist das genaue Gegenteil. Sie reibt sich für die ersehnte große Militärkarriere auf und schikaniert die jungen Frauen unter ihrem Kommando, wo es nur geht. Und doch spricht sie die meisten Befehle in den Wüstenwind. Alle drei schlagen bis zum Ende des Films Pfade ein, die manch einen Traum wahr werden lassen, nur eben anders als gedacht.

Raum für das Absurde und Groteske

In drei Kapiteln wird die Entwicklung der Hauptfiguren, die meist gemeinsam in dem engen Bürotrakt hocken, miteinander verknüpft. Die Szenen leben von schnellen Dialogen und überraschenden Wendungen, in denen nicht nur das Absurde und Groteske dieser abgeschotteten Welt zum Tragen kommt, sondern auch dramatische, wenn nicht gar tragische Situationen Raum finden. Wer mit dem  lakonischen und bösen Humor von israelischen Komödien und Tragikomödien vertraut ist, wird hier mit einer weitaus drastischeren, derberen und groteskeren Variante bedient. Zwischentöne fallen dabei häufig unter den Tisch. Bildsprache und Dialoggestaltung halten das Komische und das Ernste geschickt zusammen.

Manch einer mag sich an einigen Klischees stören oder eine tiefere Botschaft vermissen, jedoch hat diese Komik, die gerade vom weiblichen Blick auf eine von Männern kontrollierte Welt lebt, durchaus etwas Entlarvendes. Zugleich beschreibt Lavie einige Widersprüche innerhalb der israelischen Gesellschaft, die sich im Zeichen von Einwanderung und demografischem Wandel gerade radikal verändert. Etwa, wenn in der Camp-Schlafkammer eine stolze Kibbuz-Bewohnerin auf eine aus Russland stammende Jüdin trifft.

Letztendlich zeigt der Film – dessen Handlung ist um das Jahr 2004 angesiedelt – aber auch, wie sich die Streitkräfte des jüdischen Staates während der letzten Jahre verändert haben. Wenn Zohar und Daffi vor allem damit beschäftigt sind, den Stabsoffizieren widerwillig Kaffee zu servieren, motzend Akten zu sortieren oder vor klobigen Desktops zu hocken, sind dies Metaphern für eine, auch technologisch gesehen, andere Zeit, die freilich noch nicht allzu lange zurückliegt. Heute übernehmen Frauen in Israels Armee zunehmend auch militärische Aufgaben.

Riesenerfolg in Israel

Angesichts dieser befreienden Respektlosigkeit gegenüber einer von weiten Teilen der Gesellschaft glorifizierten Institution verwundert es kaum, dass dieser Film, der übers Militärische hinaus pointiert auf weibliche Werdejahre schaut, in Israel ein Riesenerfolg war. 2014 sahen ihn rund 600.000 Menschen im Kino, so viele wie bei keiner anderen Produktion. Beim israelischen Pendant der Oscar-Verleihung räumten die Macherinnen und Macher sechs Trophäen ab. Derzeit wird eine Adaption als Fernsehserie vorbereitet.

Info:

„Null Motivation“ (Israel 2014), ein Film von Talya Lavie, mit Dana Igvy, Nelly Tagar, Shani Klein u.a., OmU, 100 Minuten

Ab sofort im Kino

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