Wer kennt Otto Hauser? Es sei erinnert, er war der letzte Regierungssprecher in der Ära Kohl, der wie kein Kanzler vor ihm einen ziemlichen Verschleiß an Sprechern hatte. Angeführt vom legendären Bild-Chefredakteur Peter Boehnisch gaben sich unter anderen die Herren Friedhelm Ost, Peter Hausmann und schließlich eben Otto Hauser die Klinke des Bundespresseamtes in die Hand. Insgesamt waren es sieben Sprecher, mit denen es Kohl versuchte. Im Kanzleramt saß mit Amtschef Bohl auch immer einer, der für seinen Kanzler zu sprechen glaubte.
Wirklich mit vertiefender Inschrift ist keiner von Kohls Sprechern im Erinnerungsbuch der Nation zu finden. Mit Ausnahme von Hauser, der das Amt als brachiales Propagandainstrument missverstand, lag das Scheitern seiner Vorgänger durchaus nicht an mangelnder Professionalität. Eher war es die Unfähigkeit des misstrauischen Kanzlers Kohl, der keinem seiner Sprecher jenes Maß an Nähe und Vertrauen zukommen ließ, die ein Sprecher braucht, um nicht alsbald als Fehlbesetzung zu gelten.
Er kennt das Handwerk
Diese Erinnerung begleitet mich an dem Tag, an dem Steffen Seibert, aus der „heute“-Redaktion des ZDF abgeworben, seinen Schreibtisch als neuer Regierungssprecher von Kanzlerin Merkel im Bundespresseamt besetzt. Als gelernter Journalist kennt Seibert jedenfalls den Teil seines Handwerks, der unmittelbar Anschluss an das Berliner Pressecorps gewährleistet.
Den anderen Teil, und das ist gleichzeitig Nähe und Distanz zur Regierungschefin, wird er sich mutmaßlich erst aneignen müssen. Es ist zugleich wichtigste Voraussetzung dafür, dass er sein Rückkehrrecht zum ZDF nicht kurzfristig in Anspruch nehmen müsste. Und wenn seine bisherige Präsenz im Nachrichtenstudio auf dem Mainzer Lerchenberg nicht trügt, dürfte er gegen propagandistische Lautmalereien ziemlich immun sein.
Diese Bundesregierung hat sich im ersten Jahr ihrer Amtszeit redlich bemüht, den Vertrauensvorschuss der WählerInnen auf Null zu fahren. Seiberts unmittelbarer Vorgänger Ulrich Wilhelm hat das trotz großer Freundlichkeit und Eloquenz nicht aufwiegen können. Auch Seibert wird sich schwer tun, das wieder aufzubauen, was die Schwergewichte innerhalb und außerhalb des Kabinetts da täglich mit grimmiger Entschlossenheit alles so einreißen.
Aus professioneller Solidarität die besten Wünsche
Wie man bei Wilhelm sieht, lässt die CSU einen der Ihren nicht im Stich. Als Intendant des bayerischen Rundfunks muss er der CSU allerdings klar machen, dass er nicht der parteiliche Zuschläger ist, sondern dass ihm der öffentlich-rechtliche Auftrag und seine journalistische Umsetzung wichtiger sind. Beide werden Stehvermögen brauchen, der Eine in Berlin, der Andere in München.
Als ich die Funktion des Regierungssprechers übernahm, bat ich in der ersten Pressekonferenz das Corps der Journalisten auch mir eine 100-Tage-Frist einzuräumen. Der damalige Vorsitzende der Bundespressekonferenz meinte nur, das setze voraus, dass ich 100 Tage im Amt bleibe. Meinem Vorgänger in der abgewählten Kohlregierung sei dies leider nicht gelungen. Daraus wurden vier Jahre. Aus professioneller Solidarität also die besten Wünsche für Steffen Seibert.
Uwe-Karsten Heye ist Chefredakteur des vorwärts und war von 1998 bis 2002 Regierungssprecher unter Gerhard Schröder.
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