Interview mit Sebastian Krumbiegel Musik mit Ecken und Kanten

von Kai Doering - 01.02.2010

Sebastian Krumbiegel (43) wurde als Sänger der Leipziger A-capella-Band „Die Prinzen“ bekannt. Seit 1998 ist er auch solo unterwegs. Nach „Krumbiegel - Kamma mache nix“ (1998) und „Geradeaus abgebogen“ (2004) erscheint am 5. Februar sein drittes Solo-Album „Tempelhof“, das er gemeinsam mit den „Feinen Herren“ aufgenommen hat.

Für Krumbiegel ist es wichtig, als Künstler seine Meinung zu sagen. Er engagiert sich gegen rechts und setzt sich für die Schwachen der Gesellschaft ein. So hat er 2005 das Buch „Hoffnung säen“ herausgegeben, in dem Kriegsflüchtlinge ihre Lebensgeschichte erzählen.

Ab 3. März sind „Sebastian Krumbiegel und die feinen Herren“ mit „Tempelhof“ auf Deutschlandtour. Die Termine:

03.03. Hamburg – Fabrik
04.03. Hannover – Musikzentrum
08.03. Aschaffenburg – ColosSaal
09.03. Dortmund – Musiktheater Piano
10.03. Bonn – Harmonie
12.03. Gießen – Jokus
13.03. Ludwigshafen – Das Haus
16.03. Nürngberg – Hirsch
17.03. Wien – Szene
18.03. München – Schlachthof
20.03. Singwitz – Kesselhaus
23.03. Berlin – Frannz Club
24.03. Göttingen – Musa
25.03. Magdeburg – Feuerwache
26.03. Leipzig – Spiegelpalast
27.03. Gera – Comma
28.03. Uhingen – Uditorium

 

Weichspülpop ist nicht sein Ding. Sebastian Krumbiegel hat eine Meinung und mischt sich ein. Das merkt man auch seinen Liedern an. Am 5. Februar erscheint mit „Tempelhof“ sein drittes Soloalbum. Mit vorwärts.de sprach der Sänger über die Platte und erklärte, warum er sich schon jetzt auf die dazugehörige Deutschland-Tour freut.

vorwärts.de: Vor ein paar Tagen sind Sie aus Mali zurückgekehrt. Was haben Sie da gemacht?

Sebastian Krumbiegel: Da muss ich etwas ausholen. Im September 2009 bin ich in New York gewesen und habe dort einen ehemaligen Schweizer kennen gelernt, der seit längerer Zeit in der Stadt lebt und es dort buchstäblich vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft hat. Er ist im sozialen Bereich sehr aktiv und kümmert sich in Mali und in Mauretanien um die „boat people“, also Menschen, die versuchen, übers Meer aus Afrika nach Europa zu gelangen. Damals hat er mich eingeladen, mir die Situation der Flüchtlinge mal vor Ort anzugucken. Wir haben dann eine Woche im Januar ausgemacht, uns in Paris getroffen und sind nach Mali geflogen. Die Reise war extrem spannend für mich. Noch habe ich alle Ereignisse aus diesen fünf Tagen nicht richtig verarbeitet.

War das Ihre erste Reise nach Afrika?

Ja, es war für das Eintauchen in eine Welt, die ich bisher nicht kannte. Gerade Mali ist auch musikalisch extrem spannend. Der afrikanische und der europäische Kulturkreis stoßen da aufeinander. Ich habe über die Zeit dort auch ein Internettagebuch geführt, in dem jeder, den es interessiert, meine Erlebnisse nachlesen kann.

Für Ihr soziales Engagement sind Sie bekannt. Was treibt Sie an?

Ich finde einfach, man sollte sich einmischen. Meine Eltern haben mich so erzogen und ich bin durch die Zeit der Wende in Leipzig mit den Montagsdemos auf diese Weise sozialisiert worden. Damals haben wir die Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, etwas zu verändern. Viele Leute schreien nur nach Vater Staat, aber ich denke, man sollte vor allem versuchen, sich selbst politisch einzumischen. Ich sehe das gar nicht salbungsvoll und bilde mir nicht ein, die Welt retten zu können. Ich sehe es eher als Pflicht an, meine Meinung zu sagen und den Finger in die Wunde zu legen, damit sich Dinge verändern, die einem nicht passen.

Am 5. Februar erscheint Ihr neues Album „Tempelhof“. Wie würden Sie es charakterisieren?

Das Besondere ist erstmal die Aufnahme selbst. Das Album heißt deshalb „Tempelhof“, weil wir es in einem kleinen Studio auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens aufgenommen haben. Dort arbeitet ein Freak mit uraltem analogem Equipment und alten Mischpulten. Er nimmt die Musik so auf, wie man es vor vierzig, fünfzig Jahren getan hat. „Tempelhof“ ist sozusagen live aufgenommen. Wir haben die Lieder so lange gespielt, bis sie stimmten. Die Texte sind zudem sehr direkt und oftmals auch politisch.

In dem Lied „Am Limit“ singen Sie etwa „Sie hat keine Lust mehr auf eure Lügen und auf eure Käuflichkeit.“ Wen meinen Sie damit?

Schauen Sie sich doch um! All das, worüber ich da singe, gibt es ja nicht nur in Schurkenstaaten, sondern auch bei uns: Korruption, Käuflichkeit und andere Sachen, die wir als demokratische Menschen ablehnen. Ich habe da an niemand persönlich gedacht, sondern versucht, es möglichst allgemein zu halten. Am Anfang hatte ich „Wir haben keine Lust mehr“ geschrieben, das hatte so einen überambitionierten Beigeschmack, so was missionierendes. Ein Freund hat mir geraten, den Song als Rollenspiel so umzuschreiben, dass eine Frau im Mittelpunkt steht, die sich über Missstände aufregt

In einem anderen Lied mit dem Titel „Deine Meinung“ fordern Sie den Zuhörer auf, offen seine Meinung zu sagen und für diese einzutreten. Vermissen Sie da etwas in der Gesellschaft?

Das Interesse der Menschen an ihren demokratischen Grundrechten lässt nach – und das, obwohl sie zumindest im Osten hart erkämpften werden mussten. Das stört mich. Ich sage den Leuten immer: Nur rummeckern ist feige und bringt nichts. Du darfst dich nicht über die Regierung aufregen, wenn du nicht wählen gegangen bist. Oder dass im Landtag die NPD sitzt, wenn du deine Stimme nicht abgegeben hast. Andererseits kann ich es auch nachvollziehen, wenn Menschen den Politikern nicht mehr vertrauen, wenn sie immer nur von schwarzen Kassen oder Wahlkampfpropaganda hören.

Ist „Tempelhof“ ein missionarisches Album?

Nein. Auf keinen Fall. Ich möchte meine persönliche Meinung sagen, aber niemandem vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hat. Es wird sicher Leute geben, denen das Album zu politisch ist. Die müssen es sich ja nicht anhören. Aber ich denke, es gibt auch viele, die sich in dem, wie ich ticke, wieder finden.

Wie lange haben Sie an „Tempelhof“ gearbeitet?

Sehr kurz. Wir haben zwar drei Sessions gemacht: eine im Januar, eine Juli und eine im September. Unterm Strich waren wir zum Aufnehmen aber nur sieben Tage im Studio. Im Schnitt haben wir also pro Tag zwei Lieder aufgenommen. Dass wir sie live aufgenommen haben, sorgt dafür, dass es auch Ecken und Kanten gibt und nichts kaputt produziert und geglättet worden ist. Ich finde es wichtig, dass es auf einer Platte menschelt und auch ein paar Fehler drin sind. Heute, im Zeitalter der digitalen Technik, sind Lieder aus dem Studio häufig tot. Bei unserer Musik dagegen ist jede Menge Leben drin.

Zum ersten Mal haben Sie mit den „Feinen Herren“ zusammengearbeitet, die sich für „Tempelhof“ zusammengefunden haben. Wie geht es nun weiter? Machen Sie das nächste Album auch zusammen?

So weit denken wir noch nicht. Erstmal sind wir froh, dass wir jetzt Zeit haben, das Album vorzustellen und vor allem auf Tour zu gehen. Wir sind den gesamten März in ganz Deutschland unterwegs, haben sogar einen Auftritt in Wien. Eine Band gehört auf die Bühne. Ein Band muss spielen. Wir haben „Tempelhof“ zusammen arrangiert und deshalb sollten wir jetzt auch erstmal damit unterwegs sein.

Interview: Kai Doering

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Channel: Kultur  
AutorIn: Kai Doering  

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