50 Jahre in der SPD

„Ich werde weiter mithelfen“

Rainer Unglehrt15. Dezember 2015
Rainer Unglehrt
Seit 50 Jahren Sozialdemokrat: Rainer Unglehrt
Vor 50 Jahren, im November 1965, trat Rainer Unglehrt in die SPD ein. In fünf Jahrzehnten hat er mit siner Partei eine Menge erlebt. Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Peter Glotz, Hans-Jochen Vogel und Willy Brandt

Vor einem halben Jahrhundert, an einem Novemberabend des Jahres 1965 habe ich etwas für meinen Lebensweg sehr Folgenreiches gewagt. Als Zuhörer bei einer Versammlung des sozialdemokratischen Hochschulbunds (SHB) in Freiburg i.Br. bin ich der SPD beigetreten. Noch konnte ich damals nicht wissen, dass hier eine der besonders stabilen Beziehungen meines Lebens begann, auch eine, der ich viel persönliches Glück verdanke.

Es waren die Jahre, in denen sich nach den Verkrustungen der späten Adenauer-Zeit Hoffnung nährte auf freies Durchatmen in der noch jungen Demokratie der Nachkriegszeit. Aber auch die missglückte Kanzlerschaft Ludwig Erhards gab allen Grund, wirklich neue Wege nach vorne zu beschreiten. Als angehender Historiker hatte ich schon verstanden, dass die SPD nicht nur die größte und bedeutendste Oppositionspartei der Bundesrepublik war,  sondern auch eine politische Gemeinschaft mit einer stolzen und verpflichtenden Vergangenheit.

Kampf für das Godesberger Programm

Letzteres Thema hat mich meine fünf Jahrzehnte in unserer Partei beständig umgetrieben. Da hatte ich schon am Anfang Glück, als ich mich in meiner Heimatstadt München im selben Ortsverein zusammen mit Peter Glotz (der später, in den achtziger Jahren, Generalsekretär der SPD mit Brandt als Vorsitzendem werden sollte) wiederfand. Er führte mich rasch den Kreisen zu, die sich nicht nur in Bayern zum Kampf für das Godesberger Programm von 1959 versammelt hatten. Seitdem bekenne ich mich bis heute als „Godesberger“, der für die Volkspartei  SPD mit ihren Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität und ihren Wurzeln der christlichen Ethik, des Humanismus und der klassischen Philosophie eintritt.

Auch mit dieser innerparteilichen Positionierung hängt es zusammen, dass ich zwischen 1969 und 1974 als Referent bei Volkmar Gabert, dem Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag und Landesvorsitzenden, mitarbeiten durfte. Welche Jahre! Alle hatte schon vor der Bundestagswahl 1969, die Willy Brandt zur Kanzlerschaft geführt hat, ungeheurer Schwung und bis dahin noch nicht gekannte Begeisterung ergriffen. Und erst recht die von Willy Brandt und Egon Bahr eingeleitete Politik, deren Früchte wir alle 1989/90 ernten durften!

Zum ersten Mal stolz, ein Deutscher zu sein

Ich erinnere diese Zeit auch deshalb als besonders glücklich, weil ich mich mit vielen anderen zum ersten Mal wirklich stolz gefühlt habe, ein junger Deutscher zu sein. Und wir durften aktiv mitarbeiten in einer Partei, die in  Gestalt ihres Vorsitzenden im Osten wie im Westen hoch respektiert wurde. Man denke: Die bayerische SPD konnte bei der Landtagswahl 1970  ein Ergebnis von 33,3 Prozent vorzeigen. In den letzten Umfragen waren es 20,6 Prozent.

Zur selben Zeit tobte in München innerparteilich der sogenannte 70er-Krieg. Hier versuchte, kurz gefasst, eine sich im Besitz der reinen (linken) Lehre dünkende Juso-Clique ihre im Unterbezirk überraschend errungene Macht zu nutzen, um dem amtierenden Oberbürgermeister mit Hilfe des sogenannten Imperativen Mandats politische Gestaltungsfähigkeit  weitgehend zu entwinden. Dieser Oberbürgermeister hieß Hans-Jochen Vogel. An dieser Stelle war für ihn das Maß voll. Er betrieb mit seinen Freunden den Sturz des linksdoktrinären Unterbezirksvorstands – und er war erfolgreich.

Mit Disziplin und Verantwortung

Zu Vogels politischen Freunden durfte (und darf) auch ich mich zählen. Er wurde zum Unterbezirksvorsitzenden gewählt und ich wurde einer seiner Stellvertreter in diesem Amt. Eine anstrengende, aber vor allem lehrreiche Zeit durfte ich da erleben, weit über die Münchner Situation hinaus. Ich habe verstanden: Mitarbeit in unserer Partei, gleich an welcher Stelle, verlangt hohe Disziplin und Verantwortung, persönlichen Anstand genauso wie Respekt vor den Grundsätzen der Partei. Da kam Vogel, um nur ein prominentes Beispiel aus späterer Zeit zu nennen,  einer wie Oskar Lafontaine gerade recht, der Vogel immer noch die Zornesröte ins Gesicht treibt, wenn er sich an dessen Verhalten 1999 erinnert.

„Wie ein dreckiges Hemd“ habe dieser den Parteivorsitz der Bundes-Partei von sich geworfen, als er überfordert aus der Regierung Schröder ausgeschieden war. Ich bin überzeugt, was für die Führungsebenen gilt, ist nicht weniger für jeden Ortsverein, jede Arbeitsgemeinschaft usw. zu fordern: Die SPD ist keine Spielwiese, auf der sich Aktivisten nach Lust und Laune und ohne Rücksicht auf die hohe staatspolitische Verantwortung unserer Partei austoben dürfen.

„Weiter arbeiten und nicht verzweifeln“

Ich selbst folgte und folge seit langen Jahren (und das nicht nur in politischen Dingen) einem Grundsatz, den Jochen Vogel von Herbert Wehner in einer krisenhaften Situation als Ratschlag auf einem Zettel bekommen hatte und den er stets bei sich trug: „Trotz alledem: weiter arbeiten und nicht verzweifeln!“

Heute, nach fünfzig Jahren als Sozialdemokrat füge ich hinzu: dank der vielen Frauen und Männer, Genossinnen und Genossen, denen ich begegnet bin und mit denen ich so viel lernen und in mein Leben mitnehmen durfte, bereue ich keinen Tag in meiner politisch aktiven Zeit. Ich fühle mich zuhause in meiner Pankower Abteilung, von der aus so viele immer noch Aktive sogleich nach der Wende die SPD in Ostberlin wieder aufgebaut haben. Und ich verspreche weiter zu tun, was ich seit meinen jungen Jahren als Mitglied unserer poltischen Gemeinschaft kontinuierlich eingehalten habe: mithelfen!

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