Zeugnis des Untergangs und Plädoyer gegen Schubladendenken Mitgetrieben

von Dorle Gelbhaar
Der große Vorzug dieses Buches ist, dass nicht ideologisiert, nichts in Schubladen eingeordnet wird. Es handelt sich um ein Tagebuch, das direkten Zugang zum Denken und Erleben eines jugendlichen deutschen Soldaten 1945, in den letzten beiden Berliner Kriegsmonaten bietet.

März 1945. Zwei Tage nach seinem 17. Geburtstag wird Helmut Altner zum Wehrdienst eingezogen. Er soll Berlin gegen die heranrückenden sowjetischen Truppen verteidigen. Zwei Monate dauert dieser Wehrdienst, bis der Jugendliche im Mai in Brandenburg verwundet in sowjetische Gefangenschaft gerät und noch etwas über ein Jahr, bis auch dies überstanden ist. Das vorliegende Buch ist in der Zeit von Ende 1946 bis 1947 entstanden. Es beruht auf stichpunktartigen Tagebuchaufzeichnungen Altners aus seinem kurzen, aber traumatisierenden Soldatenleben. Schreibend versuchte er dem erlebten Alptraum zu entkommen. Minutiös hielt er fest, was geschehen war, was er selbst sah und tat. Was ihm angetan wurde mit dem, in das man ihn hineinzwang und zu dem sich ihm keine Alternativen aufzeigten.
 
Beruhigungsmittel
Amtliche Berichte leugneten die Trümmerwelt, die der junge Berliner auf seinem Weg zu den Soldaten zu Gesicht bekam. Er sah, dass nicht nur – wie gemeldet - einzelne Häuser zerstört worden waren, und er nahm Verzweiflung wie Abgestumpftheit der Berliner Bevölkerung wahr. In der Alexander-Kaserne aber herrschte zunächst einmal das Regime der Bürokratie, das den Einberufenen suggerierte sollte, alles ginge einer geregelten Ordnung nach. Essen fassen, Uniform empfangen, Impfungen erhalten, Blut abgeben, Blutgruppe in die Erkennungsmarke einstanzen. Hier hatten die Schreiber die Macht. Das Geregelte schien den Neuankommenden aufzufangen. Er durfte sogar seine Mutter noch einmal treffen und von ihr Abschied nehmen.

Hinrichtung

Am ersten Ausbildungstag nach vorherigen zermürbenden Übungen mussten die neuen Soldaten an einer Exekution teilnehmen. Erschossen wurden junge SS-Soldaten, die fliehen wollten. Altner schaute in deren „Kinderaugen“ und sah wie ehemalige Kameraden von den zum Tode Verurteilten Abschied nahmen. Er dachte, dass er so nicht sterben wollte.
Flucht schien keine mögliche Alternative zum Tod an der Front. Das sollten die jungen Männer erkennen. Und so brannte es sich dem jungen Soldaten in die Seele. Es gab nur den Unterschied zwischen dem ehrenhaften und dem unehrenhaften Tod. Die „seelische Abhärtung“ funktionierte, wie er im Nachhinein erkannte.

Kein Entkommen

Voller Skepsis gegenüber den rundum verkündeten Durchhalteparolen betrachtete der rekrutierte Berliner Junge die Welt, in die einzutauchen war und in der er sich zurechtzufinden suchte. Er bemerkte wie rechtlos die Soldaten vom Balkan waren, die er, wie auch die russischen Wlassow-Soldaten als „Kanonenfutter“ ausmachte.  (Der sowjetische Generalleutnant Wlassow hatte in deutscher Gefangenschaft die Seiten gewechselt und kämpfte mit diesen zur Armee formierten Soldaten auf Hitlers Seite). Ein Entkommen gab es weder für sie noch für ihn. Aber noch rechnete er wie viele andere mit  dem Beginn der Hitlersche Offensive.

Einer wie er
Er hegte keine Hassgefühle gegen die Russen, auch nicht gegen den, der erschossen wurde, weil er seine Leute nicht verriet. Im Gegenteil, in jener Nacht blickte er in die „gutmütigen, warmen“ Augen eines Menschen, wie er selbst einer war.
Einmal wurde Altner Zivilkleidung angeboten. Er hätte Gelegenheit gehabt unterzutauchen. Er wagte es nicht. Zu oft hatte er erlebt, was denen geschah, die desertierten und deren Flucht von anderen verraten wurde. Als Soldat bekam er außerdem noch zu essen. Die Berliner Kinder erhielten schon keine Zuteilungen mehr. Ihnen fehlte es an allem, auch an Wasser.
Das einzige, was blieb, war der Wunsch zu überleben. Selbst die Nachricht von Hitlers Tod erzeugte schlussendlich nur noch Gleichgültigkeit.

Zeitzeugen
Wenigstens bewahrte sich der Berliner Junge trotz der Unmenschlichkeit um ihn herum sein Mitgefühl für andere. Er erlag nicht der dumpfen Verrohung und war dennoch Bestandteil der Tötungsmaschinerie.
Die US-Militärregierung stimmte der Veröffentlichung des Manuskripts rasch zu und es fand sich ein Verlag (in Offenbach) für das dann schnell vergriffene Buch. Zeitzeugen helfen, dass nicht vergessen wird, wie es war, damit weder Schubladendenken noch falsche Heroisierung Vergessen und Verharmlosen  nähren können. Das wusste man schon damals. Heute ist es wichtiger denn je. Nicht von ungefähr also wurde das Buch im Berlin Story Verlag wieder aufgelegt.

Dorle Gelbhaar

Helmut Altner „Totentanz Berlin“, kommentiert und illustriert von Tony Le Tissier, Berlin Story Verlag, Berlin 2009, 384 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-86855-018-4

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