Der Himmel war blau, die Sonne brannte, es war der Mittag des 20. Juni 2004. Und es war der 2. Offizier der Cap Anamur, der das Schlauchboot zuerst entdeckte. Er brachte die Nachricht selbst dem Kapitän, Stefan Schmidt, einem Seebären wie aus dem Bilderbuch, der seit seinem 17. Lebensjahr zur See gefahren war.
Eher in Ermangelung anderer Ablenkung, als dass sie Spektakuläres erwartet hätten, versammelte sich die Mannschaft an der Reling und beobachtete das Schlauchboot. „Uns allen war klar, dass sind Arbeiter von der großen Bohrinsel, die man in der Ferne sehen konnte“, sagt Schmidt. Alles andere schien absurd. Es gab keine andere Erklärung für dieses kleine Boot mitten im Mittelmeer, mindestens drei Tage vom nächsten Land entfernt. Doch dann fiel ihnen auf: Das Boot hatte offenbar Luft verloren, die Männer saßen sehr, sehr dicht gedrängt und waren ausnahmslos schwarz. Dann hörten sie die Hilferufe.
"Das Boot sah aus wie selbstgemacht"
Es waren keine Bohr-Arbeiter. Die 37 Männer waren aus Afrika geflüchtet, vor Gewalt und Hunger. Mit wenig Wasser, ohne Lebensmittel, ohne Karte und ohne Schwimmen zu können. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben als einzigem Gepäck. „Es war unglaublich, dass sie überhaupt so weit gekommen waren, das Boot sah aus wie selbst gemacht. Sie hatten kein Motoröl und wären bald liegen geblieben. Ohne Hilfe wären sie mit hundertprozentiger Sicherheit untergegangen“, sagt Schmidt. Er sah in den Männern in erster Linie Schiffbrüchige. Doch was nun?
Eine Rückblende: Die „Cap Anamur“ war erst wenige Monate zuvor aus Lübeck ausgelaufen. Zu ihrer ersten Hilfsgüter-Fahrt. Die gleichnamige Hilfsorganisation, die seit den 80er Jahren per Schiff Hilfsgüter in Krisenregionen bringt, hatte das Schiff gerade gekauft. Für 1,8 Millionen Euro. Viel Geld, doch die Anschaffung sollte Cap Anamur die Pachtkosten ersparen. Stefan Schmidt hatte vor, fünf Jahre als Kapitän auf dem Schiff unterwegs zu sein.
Für den Cap-Anamur-Einheitslohn von 1100 Euro brutto im Monat, der zur Deckung laufender Kosten reichen soll. Der damals 63-jährige Schmidt war eigentlich schon zur Landratte geworden, doch die Sache des Vereins gefiel ihm. „In meiner Generation kannte damals jeder Cap Anamur.“ Die Geschichte der Hilfsorganisation begann 1979. Vier Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges waren immer noch hunderttausende Südvietnamesen auf der Flucht.
In winzigen Booten versuchten sie nach Hong Kong, Macau oder Singapur zu gelangen. Doch viele der so genannten Boat-People kamen auf dem Wasser um. Um ihr Leid zu lindern, initiierte eine Gruppe um den Journalisten Rupert Neudeck und den Schriftsteller Heinrich Böll die Rettungsaktion „Deutsches Komitee. Ein Schiff für Vietnam“. Sie bauten einen gecharterten Frachter – die erste „Cap Anamur“ - zum Hospitalschiff um und fuhren zum Chinesischen Meer um die Flüchtlinge zu retten. Im Laufe der Jahre konnten sie rund 10000 Vietnamesen helfen. Auch weil die Aktion auf breite Solidarität in der Bundesrepublik stieß erreichte das Komitee die Aufnahme vieler Flüchtlinge in Deutschland.
1982 wurde aus dem Komitee die Hilfsorganisation „Komitee Cap Anamur / Deutsche Notärzte e.V.“, die weltweit Hilfseinsätze absolvierte, etwa in Uganda, Somalia, Äthiopien, Sudan, Afghanistan, Nordkorea und Kosovo.
Nun sollte also ein eigenes Schiff die Fahrten übernehmen. Die zweite „Cap Anamur“ der Geschichte war mit Containern voller Medikamente auf dem Weg nach Akaba in Jordanien, als sie auf das Schlauchboot traf.
Die Helfer wurden wie Verbrecher behandelt
Nächstgelegen war Lampedusa. Doch die Cap Anamur war zu groß für den Hafen. Nach Rücksprache mit dem Vereinshauptsitz in Köln fuhr Schmidt Richtung Agrigent in Sizilien. „Ich wollte die Afrikaner so schnell wie möglich loswerden.“ Denn die wurden auch immer nervöser, insbesondere bei jedem Richtungswechsel gen Süden hatten sie Angst, Schmidt würde wieder nach Afrika fahren. Langsam wurde auch das Trinkwasser knapp. Und als Kapitän sorgte sich Schmidt insgesamt um die Stimmung.
Sein Team, die zehn Mannschaftsmitgliedern und vier Cap-Anamur-Leute, bemühten sich, die Flüchtlinge bei Laune zu halten, es gab Andachten, Gitarrenspiel, Tichtennis-Matchs. Doch nichts konnte über die prekäre Situation hinweg täuschen. Die Einfahrt nach Agrigent wurde als unproblematisch angekündigt, das übliche Prozedere am Hafen schien glatt zu laufen.
Doch dann kam die Order der Küstenwache: nicht einlaufen. „Kriegsschiffe und ein Hubschrauber tauchten auf. Schnellboote der Zollbehörde fuhren regelrechte Scheinangriffe, zu sehen waren schwarz Vermummte mit Maschinenpistolen im Anschlag.“ Schmidt ist noch heute fassungslos. „Wir waren doch ein Hilfsschiff mit deutscher Flagge. Und das ließen sie nicht in einen europäischen Hafen.“ Knapp zwei Wochen lang schipperte die Cap Anamur nun vor Italien.
An Bord war nun viel los, Journalisten, Vertreter von NGO´s, Kirchenvertreter besuchten Mannschaft und Passagiere. Am zehnten Tag eskalierte die Situation an Bord. Die Afrikaner drohten, ins Wasser zu springen, einer griff einen Journalisten an. Die Verhandlungen hatten kein Ergebnis gebracht. Gemeinsam mit seinen Offizieren entschloss sich Schmidt selbst zum Handeln. Er schickte ein Telegramm an die italienischen Behörden: Er habe nicht mehr die volle Kontrolle über das Geschehen an Bord und Angst um die Sicherheit. Er verlangte eine Einfuhrgenehmigung nach Agrigent und werde sich ansonsten auf einen internationalen Notfall berufen – und trotzdem einlaufen.
Angeklagt wegen Schlepperei
So kam es auch, allerdings mit einem Nachspiel: Schmidt, ein weiterer Offizier und der Cap-Anamur-Vorsitzende Elias Bierdel wurden verhaftet und eine Woche festgehalten. Der Verein musste zwei Millionen Euro Kaution zahlen. Und die drei Männer sind angeklagt wegen „bandenmäßiger Begünstigung illegaler Einwanderung“, also Schlepperei. Ende 2006 begann der Prozess. In diesem Frühjahr sollen die Plädoyers gehalten werden. Im schlimmsten Fall drohen Schmidt und den anderen je zwölf Jahre Gefängnis. Schmidt findet die Anklage absurd. „Aber Angst habe ich schon, ich kann nicht mehr ruhig schlafen.“
Die Cap Anamur ist er nicht mehr gefahren, die Behörden hatten das Schiff monatelang festgehalten, nun durchquert es als normales Containerschiff „Baltic Bettina“ die Ostsee.
Stefan Schmidt lebt nun wieder an Land, in Lübeck, und unterrichtet angehende Seemänner. Der Juni 2004 hat trotzdem sein Leben verändert. Nicht nur wegen des Prozesses. In all den Jahren als Kapitän war ihm die Flüchtlingsproblematik quasi nicht untergekommen. Nun ließ sie ihn nicht mehr los. „Mir fiel plötzlich ein, dass ich ja selbst ein Flüchtlingskind war“, sagt der 1942 in Stettin Geborene.
„Ich sage nicht, Europa soll alle Grenzen öffnen und jeden herein lassen. Aber mich ärgert die Doppelzüngigkeit Europas.“ Immer sei von Menschenrechten die Rede, aber „eigentlich gelten sie nur für reiche Weiße.“ Italien habe seinen Fischern verboten, Flüchtlinge auf ihr Boot zu lassen. Ein Notruf solle gewählt werden. „Wir haben diese Nummer mal angerufen, keiner ist rangegangen.“ Ein Mensch in Not bleibe für ihn in erster Linie das: in Not. Ihm müsse geholfen werden. Acht Tage nach dem Vorfall mit der Cap Anamur, hatte ein anderes Schiff ein weiteres Schlauchboot mit Afrikanern geborgen. Die Hälfte der Menschen war schon tot. „Die Überlebenden berichteten von acht Schiffen, die an ihnen vorbei fuhren. Eigentlich müsste jeder dieser Kapitäne angeklagt werden“, so Schmidt.
Tausende Menschen ertrinken jedes Jahr vor den Küsten Europas
Er weiß nun auch mehr über die widrigen Umstände, die viele Afrikaner erst zur Flucht treiben. „Da sind wir Europäer auch nicht unschuldig. So fischen die großen Fischereiflotten das Meer vor Marokko einfach leer.“ Für die einheimischen Fischer bleibe nichts mehr. „Und dann nehmen eben viele ihre Boote, die zu sonst nichts mehr nütze sind und versuchen, die Kanaren zu erreichen.“ Tausende sterben in diesen Gewässern jedes Jahr.
Mit seinem ehemaligen Mitstreiter Elias Bierdel hat Stefan Schmidt den Verein Borderline gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Informationen über die Situation an den europäischen Außengrenzen zu sammeln und möglichst breit zu streuen. „Dann kann jeder selbst etwas tun“, sagt Schmidt. Und macht sich auf, in die Seemannsschule. Heute ist er außerhalb des Unterrichts dort. Ein neuer Jahrgang hat ihn gebeten, von seinen Erlebnissen und Erfahrungen auf der Cap Anamur zu erzählen. „Klar mache ich das, gerne.“
Weitere Informationen:
Kontakt: borderline-europe, Menschenrechte ohne Grenzen e.V., R.-Breitscheid-Str. 164, 14482 Potsdam
Buchtipp: "Das Sterben an den EU-Außengrenzen - Abschottung mit Todesfolge: Die Festung Europa macht die Schotten dicht. ", 65 Seiten, Text-und Bildband; 17,95 Euro; ISBN 978-3 935-221-955
Fotografie Dirk Bleicker
Quelle: vorwärts 04/2009. Die Aprilausgabe des vorwärts erscheint am 28. März am Kiosk.
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