Fantastisch, abgründig, tragisch-komisch und bitter-humorvoll: So kommen die Erzählungen von Nikolai Gogol daher. „Alles ist Lug und Trug, ist Täuschung und Traum, ist nicht das, was es scheint. Sie meinen dieser Herr, der in dem vorzüglich geschnittenen Gehrock spazieren geht, sei sehr reich? Nichts dergleichen...“ Scharfsinnig beobachtet Gogol, neugierig und voller Abscheu. Er offenbart die brüchige Welt hinter glänzenden Fassaden und rückt seltsam traurige Helden ins Blickfeld: Zwei Hunde führen eine ausgedehnte Korrespondenz miteinander, ein Toter geistert durch Petersburg und entreißt den Passanten die Mäntel, ein alter Wucherer steigt aus dem Rahmen seines Porträts und jagt allen Angst und Schrecken ein, der Major Kowaljow verliert seine Nase und versucht sie um jeden Preis zurückzugewinnen. „Wer vor dem Elend ins Scheinwelten flüchtet, wird schon bald Opfer von Betrug und Wahnvorstellungen“ heißt es im Klappentext auf durchsichtiger Plastik, die das in Leinen gebundenen aufwändige Werk schützt.
Solch Schutz hätte wohl der Dichter selbst bitter nötig gehabt, denn so tragisch wie seine Geschichten war auch sein Leben. Gogol, ein kleiner hässlicher Mann von schiefem Wuchs versuchte sich zunächst als Hauslehrer. Von seinen Schülern wurde er verlacht. Und seine übergroße schiefe Nase war selbst „in späteren, schriftstellerisch erfolgreichen Jahren leichte Beute für Karikaturisten“, schreibt Adam Soboczynski im Nachwort „Gogol oder die Hässlichkeit des Dichters“. Schon sein Name habe zu Spott gereizt. Gogol heiße auf Ukrainisch ein Wasservogel: die Schellente. „Wie eine Schellente daherkommen“, meine soviel wie „sich geckenhaft kleiden und benehmen“.
Die, die mit ihm befreundet waren, so Soboczynski ,wussten „um seine Kränklichkeit, um die Schübe heftiger Unausgeglichenheit, Verfolgungswahn, Unruhe, die er zu bekämpfen suchte durch weite Reisen, planlos, irrlichternd durch Europa“. Und sie begriffen „seine entrückte Bigotterie, seine Selbstgeißelungsphantasien als Krankheit..., als Vorarbeit zum Selbstmord, den er schließlich 42-jährig durch Nahrungsverweigerung vollzog“. Gogol arbeitete damals am zweiten Teil seines Romans „Die toten Seelen“, denn er schließlich selbst dem Feuer preisgab. Einsicht und religiöse Offenbarung sollten den Helden Pawel Tschitschikow zum guten Menschen wandeln. Zu so einem, wie Gogol es selbst gern gewesen wäre. Er habe doch nur nicht „im Staube umkommen“ wollen, ohne seinen „Namen durch ein einzige edle Tat ausgezeichnet zu haben“. Nun, wenigstens das ist ihm gelungen. Ein verkanntes Genie war und ist Gogol ganz sicher nicht!
Nikolai Gogol: Die schönsten Erzählungen, Aufbau Verlag, Berlin 2009, 300 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-351-03266-1
Die toten Seelen
In der Reclam Bibliothek wurde Gogols einziger Roman „Die toten Seelen“ neu aufgelegt. Er erschien erstmals 1842 und zählt zu den originellsten Schöpfungen der Weltliteratur. Unvergleichlich komisch. Eigenwillig grotesk. Hauptheld Pawel Tschitschikow will verstorbene, aber in der Steuerliste noch als lebend geführte Leibeigenen auf kaufen und mit diesen „toten Seelen“ Geschäfte machen. Sprachlich brillant entführt er den Leser in die ihm eigene Gogolsche Welt voller abgründiger Typen aus dem Russland längst vergangener Zeiten.
Sie Übersetzung von „Die toten Seelen“, die Wolfgang Kasack (1927 – 2003), Professor für Slawistik an der Uni Köln, 1988 angefertigt hatte und für die er den Heinrich-Voß-Preis erhielt, ist nach wie vor aktuell. Die Slawistin und derzeitige Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Witten Herdecke Angela Martini hat ihr ausführliche Anmerkungen und ein überaus lesenswertes Nachwort über das von Gogol eigens erstellte Titelblatt, das Spektrum der Interpretationen des Werkes und die Wirkung der Kritik auf den Autor hinzugefügt.
Nikolai Gogol: Die toten Seelen. Ein Poem, aus dem Russischen übersetzt von Wolfgang Kasack, Anmerkungen und Nachwort von Angela Martini, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2009,600 Seiten, 26,90 Euro, ISBN 978-3-15-010687-7
Dagmar Günther





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Ah ja.
die hühner
Felix Krebs