Filmtipp

„Land der Erleuchteten“: Kinderträume in Afghanistan

Nils Michaelis09. Dezember 2016
„Land der Erleuchteten“
Kein Spiel: Kriegsreste am Hindukusch. Aus dem Film: „Land der Erleuchteten“
Sie müssen sich früh in einer brutalen Realität zurechtfinden und sind doch voller Träume: Der poetische Dokumentarfilm „Land der Erleuchteten“ erzählt davon, wie Kinderbanden in Afghanistan ihren Platz im Leben suchen.

Ob Panzerwracks in der Wüste, herumliegende Munitionsreste oder ein Meer von Landminen: Vergangene und gegenwärtige Kämpfe haben in Afghanistan Spuren hinterlassen. Und doch scheint die monumentale Landschaft am Hindukusch mit ihren schroffen Gipfeln, klaren Bergseen und wie ferne Planeten anmutenden Hochebenen seit Jahrtausenden in sich zu ruhen. Es ist nicht nur, aber gerade dieser Widerspruch, den „Land der Erleuchteten“ in den Fokus rückt, wenn es darum geht, vom Leben im Schatten der Gewalt zu erzählen. Von einer Situation, die unter den Afghanen längst zum Mythos geworden ist, und nun, wo ein Großteil der ausländischen Truppen das Land verlassen hat und die Taliban Morgenluft wittern, erneut völlig offen ist.

Kinderträume und Gewalt

Neben der Landschaft hat Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Pieter-Jan De Pue noch zwei andere Sorten von Hauptdarstellern zu bieten. Etwa Kinder, die kein anderes Leben kennen und sich auf ihre Weise arrangieren. Kaum im Grundschulalter, schließen sie sich zusammen, um Opium über die Grenze zu bringen, Karawanen und Schmuggler auszunehmen oder unter Lebensgefahr das Edelmetall Lapis Lazuli aus dem Höhlenboden zu holen. Und da wären noch die US-Soldaten, die sich auf den Abzug aus dem Dauerkrisengebiet vorbereiten.

Manchmal wirken diese drei Realitäten jeweils wie eine abgeschlossene Welt, manchmal greift alles ineinander. Der größte Teil der Erzählung entfällt auf die Überlebensstrategien der Kinder. Und darauf, wo sie sich und ihr Leben in jener scheinbar endlosen Spirale der Gewalt verorten. Und damit auch auf ihre Träume. Einer von ihnen nimmt die gefährlichen Drogentransporte nur deswegen auf sich, um eines Tages, mit dickem Geld in der Tasche, ein ganz bestimmtes Mädchen zu heiraten. Immer wieder kehrt die Handlung zu dem vielleicht elfjährigen Jungen zurück, der wie die anderen Kinder im nordöstlichen Hochland lebt. Andere Träume ranken sich um eine Zukunft als heldenhafter Krieger oder gar als König.

Platz für Hoffnungen

Oft geht es aber vor allem ums Geschäft. Zum Beispiel, wenn Halbwüchsige Landminen ausbuddeln, um sie anschließend an die gleichaltrigen Edelmetallschürfer zu verticken, die damit den steinigen Grund sprengen. Ein kleiner Junge befreit eine Mine vom Sand und heißt sie wie einen lieben Freund willkommen: Es ist eine der stärksten und gleichsam märchenhaftesten Szenen, zumal mit tödlichem Risiko. Sie zeigt, wie die Hinterlassenschaften der Kriege zur Projektionsfläche von Hoffnungen auf einen bescheidenen Wohlstand werden.

Typisch Afghanistan, möchte man fast sagen. Doch obwohl der Film sich weitgehend auf die Ästhetik seiner Bilder verlässt und dabei stetig zwischen Dokumentation, Inszenierung und Fiktion laviert, werden Klischees nur mäßig bedient. Zwar werden die Jungen auf ihren Pferden durchaus als Teil eines uralten Kontextes aus Tradition und Natur inszeniert, doch dem belgischen Filmemacher gelingt mithilfe von Zeitraffern und Zeitlupen immer wieder ein ganz eigener, mitunter traumwandlerischer Blick auf diese Welt. Ehe das Ganze zu idyllisch wird, tauchen wir ein in die Welt der US-Soldaten und ihrer afghanischen Verbündeten, die fast schon gelangweilt Granaten auf unsichtbare Feinde abfeuern, geistig aber woanders sind.

Filmteam verhaftet

Sieben Jahre lang drehte De Pue (Jahrgang 1982) in Afghanistan, mehrfach nahm die Polizei die ausländische Crew und ihre Helfer fest, zudem griffen die Taliban an. Seinem auf sinnlicher, insbesondere visueller Ebene überragenden Langfilmdebüt, das auf vielen internationalen Festivals lief und mehrere Preisen gewann, ist diese Tour de Force nicht anzumerken. Im Schnitt entstand eine ebenso elegante wie intensive Erzählung. In all der ästhetischen Pracht kommt allerdings der dokumentarische Mehrwert zu kurz. Aus was für Familien stammen die Kinder? Und was ist aus ihnen nach den Dreharbeiten geworden?

Andererseits macht dieser insgesamt eher essayistische Film mit einer ganz eigenen Poesie deutlich, warum es so schwierig ist, die verschiedenen Realitäten in diesem ebenso schönen wie traurigen Land unter einen Hut zu bekommen.

 

Info: „Land der Erleuchteten“ (AF, BE, DE, IR, NL 2016), ein Film von Pieter-Jan De Pue, OmU, 87 Minuten. Ab sofort im Kino

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