Der Eine hat Geschichte als Bundeskanzler mitgestaltet und geprägt, der Andere hat sie aufgeschrieben und ist so zu einer Koryphäe der Geschichtswissenschaft geworden. Helmut Schmidt und Fritz Stern – zwei Persönlichkeiten, deren Meinung heute wahrscheinlich mehr denn je gefragt ist. Wenn diese „Weisen“ zusammenkommen und über Geschichte reden, lohnt es sich auch andere an ihrem Gespräch teilhaben zu lassen.
Erfrischend unvorbereitet
„Fangen Sie an Fritz!“, mit dieser Aufforderung Helmut Schmidts beginnt das Gespräch, das beide im Juni 2009 im Hause Schmidt in Hamburg-Langenhorn geführt haben. Sie streifen mit ihrem Dialog durch „ihr“ Jahrhundert und diskutieren Pro und Contra, stets auf eine pointierte Darlegung der eigenen Position bedacht.
Die Unterhaltung wirkt dabei erfrischend unvorbereitet: Schmidt und Stern lassen sich treiben, was eine sprunghafte Unordnung der Themen zur Folge hat. „Alles, was ein lebendiges Gespräch ausmacht - das Kursorische, Mäandernde, Improvisierte - wurde so weit wie möglich beibehalten“, betonen die Autoren im Vorwort.
Über den Russland-Feldzug zur amerikanischen Ostküstenelite, von den Brüdern Humboldt über die Federalist Papers zum Versailler Vertrag. Auch wenn es an einigen Stellen so wirkt, als ob sich zwei Klassenstreber mit ihrem Geschichtswissen duellieren. Die fehlende Chronologie der Themen sorgt dafür, dass das Gespräch nie langweilig wird. Im Gegenteil, der Politiker und der Historiker spielen sich die Bälle zu, was im Ergebnis sehr lebendig und zuweilen witzig ist.
"Wie heißt der noch?"
Auch aktuelle Bezüge fehlen dabei nicht. Die Autoren geißeln die „Gier der Finanzmanager in New York und London, die das Desaster der Krise verursacht haben“. Sie betonen aber auch die Verantwortung der Politik, die ebenfalls „ihre Pflichten vernachlässigt hat.“
Dabei setzen die Gesprächspartner die Probleme und Debatten von heute zwangsläufig in Relation zu bedeutenden Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Hier wird deutlich, dass heutige mediale Aufmerksamkeit nicht unbedingt der Wichtigkeit eines Ereignisses entsprechen muss. Das gilt auch für Personen. Beispielhaft ist Schmidts Frage nach dem Vorsitzenden der FDP: „Wie heißt der noch?“
In Bezug auf die aktuelle Lage in Deutschland sind sich die beiden Autoren jedenfalls einig in der Umkehrung des beliebten Alt-Männer-Spruchs „Früher war alles besser“. Zumindest fast. So sagt der Altkanzler: „Die heutige deutsche Gesellschaft ist mir tausendmal lieber als die Gesellschaft des Jahres 1945.“ Woraufhin ihn der Historiker nur bei der Jahreszahl korrigieren muss: „Mir ist die heutige Gesellschaft lieber als die von 1933.“
Helmut Schmidt und Fritz Stern: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch. Verlag C.H.Beck, München 2010, 287 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-3-406-60123-3



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Auch als Hörbuch super
Für mich das beste politische Sachbuch seit Jahren. Auch in der Hörbuchversion mit Hanns Zischelr und Hans Peter Wallwachs sehr zu empfehlen.