Folglich bemühten sich Elysee und Bundeskanzleramt, den Vorfall herunterzuspielen. Auch jene Fachleute der deutsch-französischen Zusammenarbeit, die erstaunt aufblickten, zogen das Schweigen vor. Monologe statt Dialoge, schon gehabt und oft beklagt, weil Koooperation und Freundschaft der beiden Länder seit geraumer Zeit „kein langer ruhiger Fluss“ mehr sind, wie die Pariser Wochenzeitschrift „Le Point“ in einer Deutschlandnummer festhielt.
Es geht auf beiden Seiten des Rheins um politische Führung in Europa. In Paris weiss man, dass Nicolas Sarkozy gern in den Vordergrund drängt, allein schon deshalb, um sein Ansehen innenpolitisch aufzupolieren. Sein Image ist zur Zeit so schlecht (nur ein Drittel der Franzosen äußert Vertrauen), dass er auf europapolitischem Feld punkten möchte. Der Fall Griechenland bot einen guten Anlass: Paris zögerte nicht, Milliardenhilfe für Athen anzubieten.
Berlin fiel unangenehm auf, als erst einmal Bedingungen gestellt wurden. Der Ton der Deutschen mußte verstören, vor allem die Meinung, ein bankrottreifes EU-Mitglied wie Griechenland müsse notfalls die Euro-Zone verlassen. Die kühle Sachlichkeit prallte gegen die politisch-kulturelle Sympathie der Franzosen für den Südstaat. „Arrogante egoistische Deutsche!“ schimpften denn auch einige Gazetten in Frankreich und Griechenland.
Welche Vorschläge aus Paris oder Berlin?
Ein weiterer Streitpunkt sorgt gleichfalls für ein neues Kräftemessen hinter den Kulissen. Frankreichs Präsident schlägt eine “europäische Wirtschaftsregierung“ mit eigenem Sekretariat vor, die die 16 Länder mit Eurowährung bilden sollten. Die Kanzlerin führt dagegen zwei Gründe ins Feld: Erstens fürchtet Merkel um die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB), zweitens sollte ein solches Gebilde von den 27 EU-Mitgliedern insgesamt gebilligt werden. Interessant ist, daß EU-Ratspräsident Hermann Van Rompuy beiden Kontrahenten nahelegt, ihre Vorstellungen doch einmal zu präzisieren. Zur „Süddeutschen Zeitung“: „Welcher Vorschlag aus Paris? Welches deutsche Konzept?“
Dritte Divergenz: Die Verteidigung der Eurowährung. Für die Deutschen hat der Euro so hart zu sein wie die Deutsche Mark, für die Franzosen ist der Euro nur ein Franc-Ersatz, nicht mehr. Schon immer haben sie ein lockeres Verhältnis zu ihrer Währung gehabt. Zur
Inflation haben die Franzosen eine wenig dezidierte Meinung. Den internationalen Wertverlust des Euro aufzuhalten sei eher eine Sache der Deutschen, sagen viele Franzosen, weil sie ja Weltmeister des Exports seien. Und in der Tat müssen die Erfolgszahlen in Paris erschrecken, wenn der Partner einen Außenhandelsüberschuss von 135 Milliarden Euro einfährt und die Grande Nation sich mit einem Defizit von 53 Milliarden Euro zufrieden geben muss.
Lektionen für die Deutschen
Wenn Sarkozy einen Augenblick lang geglaubt hat, dass seine Klage über Merkel bei den politischen Freunden ein positives Echo findet, hat er sich geirrt. Er mag recht haben, dass die schwarz-gelbe Koalition in Berlin ihre europäischen Interessen entschlossener durchsetzt als die Regierung von Francois Fillon. Im eigenen Lager aber nehmen prominente Parteifreunde Sarkozy in die Mangel.
Zum Beispiel Ex-Premier Dominique de Villepin: Es herrsche kein Vertrauen mehr zwischen Berlin und Paris, und Sarkozy, so Villepin, sei zu sehr damit beschäftigt, den Deutschen Lektionen zu erteilen. Ein Plädoyer auch des früheren Außenministers von Francois Mitterrand, Hubert Védrine: Nehmt Rücksicht auf die Überzeugungen der Deutschen, „sie sitzen im gleichen Boot wie wir, vergessen wir das nicht!“
Ohne sie läuft in Europa nichts
Das Magazin „Le Point“ gibt zu bedenken, der Nachbar lasse sich heute nicht mehr so leicht in die Pflicht des „big spenders“ nehmen. Deutschland versuche, sein Haus in Ordnung zu halten. Das Land habe sich schon lange „normalisiert“. Es möchte wie andere Staaten behandelt werden. Und, so der „Point“, lange habe Sarkozy die deutsch-französische Achse missachtet, heute wissen beide, der Präsident wie die Kanzlerin, dass in Europa nichts läuft, „wenn sie nicht auf gleicher Wellenlänge sind“.
So ist auch ihr gemeinsamer Brief an EU-Kommissionspräsident Barroso zu verstehen, zu erwägen, wie „ungedeckte Leerkäufe aller oder bestimmter Aktien und Staatsanleihen“ EU-weit verboten werden können. Beiden geht es um „ein Ende der Turbulenzen an den Finanzmärkten“. Doch Kritik an der Berliner Wirtschaftspolitik will Sarkozy nicht aufgeben. Laut der Zeitung „Le Parisien“ soll er auf der letzten Kabinettssitzung in Paris geklagt haben: „Sparplan auf Sparplan, wir werden noch in der Rezession landen!“ Am 14. Juni wird das abgesagte Treffen in Berlin nachgeholt. Die Drehpause ist dann vorbei. Die Akteure haben die Chance, den Motor für Fortschritte in Europa wieder zum Brummen zu bringen.
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