Manfred Quiring: Pulverfass Kaukasus. Kaukasus: Eine Lektion in Gewalt

von Nils Michaelis
Vor fünf Jahren schockierte das Blutbad im nordossetischen Beslan die Weltöffentlichkeit. Über viele immer noch offene Fragen rund um den Terroranschlag und warum die russische Teilrepublik nur eine von vielen Brandherden im Kaukasus ist, informiert das spannende und fundierte Buch des Journalisten Manfred Quiring.

„Pulverfass Kaukasus“ - die Katastrophen-Attribute für Russland im Allgemeinen und seinen unruhigen Südrand im Besonderen nehmen in letzter Zeit inflationäre Ausmaße an.

Dazu noch der Versuch, auf gerade mal 186 Seiten die Situation einer Region zu analysieren, in der 46 verschiedene Völker in willkürlich gezogenen Grenzen leben: Kann das gut gehen?

Quirings reportageähnliches Werk zeigt, dass ein tiefgründiger Blick und ein knapper Seitenumfang einander nicht ausschließen. Und die Materie, der sich der Moskauer „Welt“-Korrespondent widmet, könnte dem Titel kaum gerechter werden.

Im April verkündete Russland das Ende der zehnjährigen „Anti-Terror-Operation“ in Tschetschenien. Seitdem reißt die Anschlagserie in dieser und in benachbarten Kaukasusrepubliken nicht ab. Allein Mitte September wurde in Dagestan ein hochrangiger Staatsanwalt ermordet, zündete eine Selbstmordattentäterin mitten in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny eine Bombe. Und auch der jüngste Schlagabtausch zwischen Russland und Georgien hat tiefe Spuren in der Region hinterlassen.

Es ist Quirings Verdienst, Ordnung in die verworrenen Strukturen der politischen, ethnischen und religiösen Gemengelagen zu bringen, die seit dem Zerfall der Sowjetunion immer wieder in Kriege und Kämpfe mündeten. Seit Anfang der 80er-Jahre hat der 61-Jährige die Region zwischen der kommenden Olympiastadt Sotschi und der boomenden Öl-Metropole Baku immer wieder bereist. Persönliche Gespräche, teilweise unter lebensgefährlichen Bedingungen, wie im von russischen Truppen eingeschlossenen Grosny geführt, fließen in seine Beschreibung historisch gewachsener Feindseligkeiten ein, die immer wieder von den Interessen rivalisierender Großmächte überlagert werden.

Interviews mit Politikern und Forschern machen die Struktur der Konflikte plastisch, wie die  Ausführungen über das gegen seinen Zerfall ankämpfende Georgien zeigen. Positiv fällt auf, dass neben all den politischen Betrachtungen auch die Kultur und Lebensart der betroffenen Volksgruppen Erwähnung findet.

Es ist überhaupt der Fokus auf die einfachen Menschen im Kaukasus, die seit den 90er-Jahren ein nie gekanntes Ausmaß der Gewalt erleben und dennoch ihren Alltag meistern, die Quirings engagierte Haltung zum Vorschein bringt, während er bei der Betrachtung der politischen Akteure größtenteils um Ausgewogenheit bemüht ist. Das offenbart sich auf erschütternde Weise am Beispiel Beslan, wo die Angehörigen von mehr als 330 Menschen, die bei der Stürmung einer von Terroristen besetzten Schule starben, über eine schlampige Aufarbeitung des Infernos klagen.

Indem Quiring die Geschichten der hinterbliebenen Eltern, Geschwister und Lehrer erzählt, gibt er dem Leiden ein Gesicht. Gleichzeitig spart er nicht mit der Kritik an den unfähigen Behörden vor Ort und dem Zynismus der Moskauer Zentrale. Dem Kreml wirft er vor, nicht nur Nordossetien gezielt in Armut und Abhängigkeit zu belassen, um der Bevölkerung die materielle Grundlage – nämlich einen bescheidenen Wohlstand – für Gelüste nach mehr Autonomie vorzuenthalten. Doch gerade in der kollektiven Erfahrung von Perspektivlosigkeit und Gewalt sieht Quiring den Stoff für weitere Konflikte. Beslan wird kaum die einzige „Wunde“ bleiben, „die nicht verheilt“.
 

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