Sarkozy gibt im Elysee kein gutes Beispiel Kampf um Gleichstellung à la française

von Lutz Hermann - 09.03.2010
"Die Französin versucht aus ihrem Leben ein Kunstwerk zu machen". Das hat der Schriftsteller Andre Maurois einmal geschrieben. Das Kunstwerk ist ziemlich grau und unvollendet. Die Französin kämpft, wie in anderen Ländern auch, um Gleichberechtigung und um Anerkennung ihrer Arbeit, ihrer Studien und ihrer Rolle in der Gesellschaft. Obwohl 80 Prozent der Französinnen berufstätig sind, ist sie noch immer Opfer spürsamer Diskriminierung.

Als der 53-jährige Nicolas Sarkozy im Frühjahr 2007 als Staatspräsident in den Pariser Elyseepalast einzog, kam die Hoffnung auf, er werde die Rechte der Frau stärken. Hatte der konservative Politiker doch versprochen, "mit der Vergangenheit auf allen Gebieten zu brechen". Französinnen sollten stärker an der Macht teilnehmen. Die neue Regierung würde eine höhere Beteiligung schon zeigen. Aber das Versprechen erwies sich bald als eine hohle Phrase. In der Nationalversammlung sind heute nur 18 Prozent der 577 Abgeordneten weiblich, im Senat 22 Prozent. In der Regierung, eingerechnet der Minister und Staatssekretäre (39) sitzen nur 13 Frauen.

"Frauen zickig, kompliziert, streitsüchtig"

In seiner unmittelbaren Nähe wurde das Verhältnis Frau – Mann noch krasser: Unter den 50 engsten Beratern und Mitarbeitern seines Sekretariats sind nur sechs Frauen. War der frauenskeptische Chares de Gaulle sein Vorbild? Auf jeden Fall erinnert die einflußreiche Abendzeitung "Le Monde" Sarkozy, der das drittemal verheiratet ist, an den General (1958-1969). Er duldete nur wenige Frauen in seiner Umgebung:  sie seien "zickig, kompliziert, gefühlsbetont und streitsüchtig". Einer seiner Amtsnachfolger, der Sozialist Francois Mitterrand, dachte da völlig anders: Als erster gab er einer Frau, Edith Cresson, die Verantwortung einer Premierministerin. Im Umkreis von Sarkozy ist eine solche Frage noch nicht einmal angedacht worden.

In Frankreich spielt die Frau nicht  nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft und der Wirtschaft eine untergeordnete Rolle. Die Elitehochschulen, die "Grandes Ecoles", besucht nur ein Drittel der Frauen. Obwohl nachgewiesenermaßen die Frau eher das Abitur schafft (82 Prozent) als der Mann (77 Prozent), und als ehrgeiziger und tüchtiger gilt, reagieren die Spitzen der intellektuell hochgelobten Universitäten zurückhaltend. Man trifft in Frankreich viel Machogehabe. Dies gilt besonders für die Ingenieurschulen (Polytechnique), wo mancher Verantwortliche die Eignung von Frauen für technische Berufe schlichtweg bezweifelt.

Aufstieg, Einkommen, Karriere, Spitzenposten, die Französin muss sich auf allen Ebenen und Gebieten durchsetzen. Die Verdienstunterschiede zum männlichen Kollegen betragen generell 25 Prozent. Ausgerechnet wurde, dass in Leitungsfunktionen eines Unternehmens mit 250 Beschäftigten und mehr durchschnittlich nur 8,6 Prozent Frauen tätig sind. Deshalb stehen als Modell zwei Frauen im Blickpunkt, Anne Lauvergeau an der Spitze des Atomkonzerns Areva und Anne-Marie Idrac, Präsidentin der staatlichen Bahngesellschaft SNCF. Im mittleren Management in Frankreich gibt es nur jede 5. Stelle für Frauen. Allgemein wird festgestellt, dass in Spitzenpositionen der Wirtschaft in Frankreich nur 17 Prozent Frauen tätig sind.

Netzwerke knüpfen

Um sich Einfluss zu erkämpfen, gründete ein dutzend Französinnen in Paris voriges Jahr die Vereinigung "Paris-Pionnaires". Sie wollen sich gegenseitig helfen, eine Firma zu gründen, ein Netzwerk aufzubauen, Rechts-, Marketing- und Technologiefragen auszutauschen und ihre Kenntnisse zu teilen. An ihren Sitzungen dürfen keine Männer teilnehmen. Die Tendenz, dass immer mehr Frauen in Frankreich selbständig werden wolle, sei steigend, versichern Experten. "Paris-Pionnaires" kommt hier eine Schlüsselrolle zu, die Anfragen sollen enorm sein.
 
Zum Internationalen Frauentag veröffentlichten fast alle Medien Sonderbeilagen. Der "Parisien" erinnerte daran, dass am vergangenen Januar das Parlament ein Gesetz gebilligt hat, nach dem 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen sitzen müssen – in sechs Jahren! 20 Prozent sollten erst einmal nach Inkrafttreten des Gesetzes möglich sein. Die Französin hat also noch einen langen Weg vor sich, um aus ihrem Leben ein Kunstwerk zu machen. Gelingt ihr ein Werk der Gleichstellung, hat sie schon einen großen Schritt getan. Ob Sarkozy ihr dabei hilft, bleibt abzuwarten.
 

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