Ein Projekt wider kollektiver Demenz Jungredakteure füllen „weiße Flecken“

von Martin Leibrock - 20.07.2009

Über step21:

Step21 hat seit seiner Gründung vor 10 Jahren schon in rund 300 regionalen und internationalen Projekten und Wettbewerben annähernd eine Million Jungendliche und 13.000 Schulen und Jungendeinrichtungen erreichen. Weitere Informationen zu step21 finden sich unter www.step21.de.

In der von Architekt Daniel Libeskind gestalteten und 2007 fertig gestellten „Laubhütte“, dem Ehrenhof des barocken Altbaus des Jüdischen Museums Berlin, präsentierten Ende Juni zirka 70 junge Menschen aus Europa ihre neu produzierte Zeitung. Diese Veranstaltung bildete den krönenden Abschluss eines über neun Monate fortdauernden journalistischen Jugendprojekts. Mit dem Titel step21 [Weiße Flecken] erschien die Zeitung in diesem Jahr nun in ihrer 3. Ausgabe.

Die Jugendlichen waren sich bei der Präsentation einig: „Wir lesen jetzt Zeitungen ganz anders, weil wir jetzt wissen wie viel Arbeit darin steckt.“ Zustimmung erhielten sie dabei aus prominenten Kreisen. „Es ist schwierig Zeitungen mit guten Artikeln zu füllen“, kommentierte auch die Bundeskanzlerin das Projekt.

Erinnerungen an nationalsozialistisches Unrecht

Die Zeitung entstand mit step21, der Initiative für Toleranz und Verantwortung, und dem Ziel, journalistische Lücken aus der NS-Zeit zu füllen. Auch 2009 werden wieder viele Jubiläen gefeiert – etwa 60 Jahre Bundesrepublik und Grundgesetz sowie 20 Jahre Mauerfall. Für viele, insbesondere jüngere Generationen, stellen sie jedoch weitgehend abstrakte Ereignisse dar; Ereignisse, über die bestenfalls noch die Schule unterrichtet oder über die der einzelne mal etwas gelesen hat. Wie vermeintlich leblose Gedenktage unerwartet doch noch zu lebendigen Momenten werden, hat die Gruppe von 70 Jugendlichen aus Deutschland, Tschechien, Österreich und Polen erfahren können. Gemeinsam stellten sie aus eigenen Artikeln eine Zeitung mit dem Ziel zusammen, Erinnerungen an „nationalsozialistisches Unrecht“ vor dem Vergessen zu bewahren, aber auch auf Courage und Widerstand in dieser Zeit aufmerksam zu machen. Der kaum abzuschätzende Wert, der in der Zeitung steckt, haben die Autoren selbst erkannt: „Die Erinnerungen an sie [die Geschichten, die während der NS-Zeit nicht erzählt werden durften. Eingefügt durch den Verfasser] ist für immer verloren, wenn die Zeitzeugen, die von Brno bis Zabrze, von Klagenfurt bis Mainz die NS-Zeit hautnah miterlebt haben, nicht von ihnen berichten.“

Jungredakteure wurden bei ihren Tätigkeiten von Profis – Journalisten, Fotografen und Historikern, aber auch jungen Zeitungsmachern – unterstützt und erlernten das für ihre Arbeit nötige Handwerkszeug in Redaktionsworkshops in Deutschland und Polen. Die 15 Schülerteams bekamen einen Leitfaden mit Arbeitstipps zu historischen Recherchen, Zeitzeugengesprächen und journalistischem Arbeiten an die Hand. Neun Monate lang durchforsteten die Jugendlichen Archive und spürten die letzten noch lebenden Zeitzeugen auf. Sie stellten ihnen Fragen, die bislang niemand vor ihnen gestellt hatten. So gelangten sie an exklusive Informationen über bislang weitgehend unbekannt gebliebene Ereignisse aus ihren Heimatregionen. Das Ergebnis sind selbst recherchierte Antworten von Ereignissen, die in der NS-Zeit totgeschwiegen oder durch hetzerische Propaganda verzerrt oder gar völlig falsch wieder gegeben wurden.

Namhafte Unterstützung

Der Hintergrund der step21-Projekts ist es Jugendliche zu ermuntern, sich mit der Bedeutung von Menschenrechte, insbesondere dem Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit – auseinander zu setzen, sie schätzen zu lernen und zu erkennen, wie wichtig es ist, sich engagiert für die mit ihnen verbundenen humanistischen Werte einzusetzen. Zwei Unterstützer des Projekts haben die Zeitung mit eigenen Beiträgen zu diesen Themen unterstützt. Miachel Naumann, Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, unterstreicht die Bedeutung von Menschenrechten in seinem Artikel „Vom „Akt der Barbarei“ zum Akt der Menschlichkeit“. Norbert Frei gibt mit „Uniformierung des Bewusstseins – Nationalsozialistische Propaganda und ihre Wirksamkeit“ einen tieferen Einblick in die Rolle von Medien während der NS-Zeit. Weitere Persönlichkeiten konnten als Paten gewonnen werden, etwa Gesine Schwan, Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur DIE ZEIT, Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Sandra Maischberger, Journalistin und TV-Moderatorin, Lutz Mamor, Intendant des NDR und andere mehr.

Step21-Zeitung im Umlauf

Die step21 [Weiße Flecken]-Zeitung, mit der es den Jugendlichen mittels „kritischer Rückblende“ gelungen ist, ein wichtiges und bemerkenswertes Stück zur „gemeinsamen Aufklärungsarbeit“ beizutragen, wurde am Tag nach der Präsentation an Schulen, Jungendeinrichtungen und Gedenkstätten in den vier teilnehmenden Ländern in einer Auflagenstärke von 30.000 Exemplaren verteilt. Als gutes Beispiel soll sie andere junge Menschen motivieren, sich selbst auf die Suche zu machen und „weiße Flecken“ in ihren Regionen aufzudecken. Für Interessenten besteht die Möglichkeit die Zeitung kostenlos per E-Mail an: weisseflecken@step21.de zu bestellen.
 

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Channel: Kultur  
AutorIn: Martin Leibrock  

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