Als „Parteiengezänk“ verunglimpft „Spiegel-online“ die Auseinandersetzung um den Deutschland-Plan von Frank-Walter Steinmeier. „Der macht ja nur Wahlkampf“, heißt es verächtlich in den Medien. Wie weit ist es gekommen, wenn der Kanzlerkandidat – bevor er seine Pläne vorstellt – erst einmal klar stellen muss: „Wahlkämpfe sind weder lästig noch unanständig.“ Denn schließlich erteilen die Bürger den Regierungsauftrag. „Das können sie nur, wenn im Wahlkampf über die wichtigen Themen geredet und gestritten wird.“ Wie steht es um unsere Republik, wenn den Medien erst die Spielregeln der Demokratie erklärt werden müssen?
Menschen, die sich einmischen
Doch es gibt auch eine andere Realität: Menschen, denen man die demokratischen Grundregeln nicht erklären muss. Menschen, die sich einmischen, sich engagieren, die mitdiskutieren. Katharina Saalfrank ist eine von ihnen. Die Diplompädagogin wurde bekannt als Erziehungsratgeberin „Die Super Nanny“ bei RTL. 2007 erhielt die vierfache Mutter dafür den Deutschen Fernsehpreis. Seit Juli diskutiert sie auf Veranstaltungen der SPD über „Bildung und Familie: Was brauchen unsere Kinder?“
Warum? „Ich will die Politik mit zu den Menschen zu nehmen und dort die Themen diskutieren, die Familien tagtäglich beschäftigen.“ Im direkten Gespräch entstünden so spannende Diskussionen. Von einer bloßen Zuschauerdemokratie hält sie nichts. „Wir alle sollten uns verantwortlich fühlen und die Verantwortung nicht allein an politische Amtsinhaber abgeben, sondern aktiv in unserer Umgebung mitgestalten.“ Kritisch sieht sie „in Deutschland eine Tradition der Politikferne“. Ihre Vermutung: „Immer weniger Menschen haben das Gefühl, Politik aktiv gestalten zu können.“ Was müsste geschehen, damit sich wieder mehr Menschen beteiligen? „Hoffentlich keine gravierende Krise, die den Menschen den Wert der Demokratie erst wieder deutlich macht.“
Katharina Saalfrank wünscht sich, „dass die SPD offensiv nach vorne geht und ihre Inhalte vorstellt.“ Sie ist seit Jahren aktives Mitglied der Partei. „Deshalb ist es für mich selbstverständlich, dass ich mich wenn, dann für die SPD engagiere.“ Dafür hat sie in der Presse viel Beachtung erfahren, aber auch Kritik und bisweilen Spott. „Ich bin etwas verwundert, wie berichtet wird“, sagt sie über das Medienecho.
Die ersten 100 Tage als Kanzler
Der Schriftsteller Sten Nadolny unterstützt den SPD-Kanzlerkandidaten mit einem Internet-Blog. Unter steinmeier-blog.net führt er zusammen mit seinem Schriftstellerkollegen Tilmann Spengler und anderen Autoren ein fiktives Tagebuch. Der Inhalt: „Geschichten aus den ersten hundert Tagen des Bundeskanzlers Frank-Walter Steinmeier“. Berichtet wird hier etwa vom Rücktritt deutscher Demoskopen wegen dramatischer Fehlprognosen vor der Bundestagswahl.
Berühmt wurde Nadolny vor allem durch seinen Bestseller „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Er wurde unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, einem der wichtigsten deutschen Literaturpreise. „Ich engagiere mich für Frank-Walter Steinmeier, weil ich ihn für den bestmöglichen Bundeskanzler halte“, erklärt er sein Engagement. „Ich schätze ihn als jemanden, der keine wortreichen Pirouetten dreht, sondern deutlich macht, wohin es gehen soll. Ein Kapitän, kein Bordunterhalter.“ Die SPD ist für Nadolny „die Partei, die am ehesten den leider vorherrschenden Wunschträumen widerstehen kann. Erstens: Die Krise wird schon wieder weggehen, machen wir also weiter wie gehabt. Und zweitens: Als Feuerwehr war der Staat leider nicht zu verhindern, aber jetzt bitte wieder weg mit ihm.“
Für Debatten mit Inhalten
Die häufigste Reaktion, die Nadolny auf sein Engagement erlebt, ist: „Steinmeier als Kanzler wäre nicht schlecht. Aber er wird es ja doch nicht. Und es folgt der Verweis auf Umfragen.“ Er sei ja so höflich, bescheiden, ruhig und sachlich – kein Machtmensch, daher werde er wohl nicht Kanzler. Nadolny kritisiert: „Die Leute beschäftigen sich zu sehr damit, ob etwas ‚ankommen’ wird und zu wenig damit, was sie selbst für richtig halten.“
Als Grund für Desinteresse an Politik sieht der Schriftsteller „eine unter anderem durch die Institution Fernsehen jahrzehntelang eingefleischte Passivität“. Eine große Rolle spiele auch „die Ökonomisierung des ganzen Lebens“, selbst des Privatlebens. „Man tut, was einen – im weitesten Sinne ökonomisch – weiterbringen könnte. Alles andere wird als Zeitverlust betrachtet. ‚Politisches Engagement? Und was kann ich mir dafür kaufen?’, heißt es dann.“
Aber auch die Politik trage Verantwortung: „Zu oft werden die Menschen mit Fachchinesisch oder substanzlosen Parolen für dumm verkauft.“ Der gefährlichste Wahlkampf wäre für Nadolny einer, „der Vorurteile bestätigt, Ängste schürt, den politischen Gegner verleumdet“. Deshalb mischt er sich selbst ein, damit Inhalte die Debatte bestimmen.
Atomkraft - nein danke!
Michael Ballhaus hat der Kampf gegen die Atomkraft zur Unterstützung der SPD bewegt. „Der Atomausstieg muss erhalten bleiben“, sagt der international bekannte Kameramann und Bildregisseur. „Manchmal ist unser Gedächtnis zu kurz, viele haben das Reaktorunglück in Tschernobyl schon vergessen.“ Michael Ballhaus drehte mit den bedeutendsten Filmemachern der letzten Jahrzehnte: mit Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff, mit Martin Scorsese, Wolfgang Petersen und Francis Ford Coppola. Er gilt als einer der bedeutendsten Chefkameramänner des internationalen Films. 2007 verkündete er seinen Rückzug aus Hollywood.
Inzwischen ist er in seine Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt. Hier beteiligte er sich an der Wählerinitiative „Neue Energie! Atomkraft – nein danke!“. Sein Ziel: den Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg zu verhindern. „Die Milliarden für die Atomkraft müssen in Erneuerbare Energien investiert werden.“ Ballhaus ist überzeugt: „Frank-Walter Steinmeier würde das als Kanzler versuchen durchsetzen. Ich kenne und schätze ihn sehr. Deshalb unterstütze ich ihn und die SPD.“
Der richtige Weg
Auch Michael Ballhaus sieht mit Sorge, dass sich immer weniger Menschen für Politik interessieren. Einer der Gründe für ihn: „Finanzstarke Lobbies ziehen im Hintergrund die Fäden wichtiger Entscheidungen. Die Wirtschaft versucht, mit Entlassungsdrohungen ihre Politik durchzusetzen.“ Ballhaus hat viele Jahre in den USA gelebt. Er hat die Unterschiede zwischen Deutschland und den Staaten selbst erlebt. „In Amerika träumen viele Menschen von einem Sozialstaat, wie es ihn in der Bundesrepublik gibt. In den USA gibt es Tausende, die kaum genug zu Essen haben.“ Auch deshalb engagiert er sich. „Der deutsche Weg der Sozialstaatlichkeit und des ausgeprägten Umweltbewusstseins ist auf jeden Fall der richtige. Er ist auch international ein Vorbild und muss erhalten bleiben.“
Enorm kompetent, aufmerksam und glaubwürdig
Antje Schlag ist Inhaberin der Berliner Künstleragentur „Charade“. Mit anderen Mitstreitern aus dem Kultur- und Medienbereich hat sie die Internet-Plattform steinmeier-wird-kanzler.de gegründet. Dabei sind unter anderem der Fotograf Jim Rakete und der Musikmanager Tim Renner. „Wir wollen auf der Plattform die zu Wort kommen lassen, die Frank-Walter Steinmeier kennengelernt haben“, erklärt Antje Schlag. So berichten in kurzen Filmbeiträgen über ihre persönlichen Begegnungen mit Steinmeier die Schauspielerin Natalia Wörner, die Sängerin Luci van Org, der Sänger Thomas Quasthoff und die Schriftstellerin Julia Franck. „Uns allen gemeinsam ist die große Wertschätzung für seine enorme Kompetenz und politische Glaubwürdigkeit“, sagt Schlag. „Er ist ungeheuer aufmerksam und merkt sich jede Anregung. Alle geäußerten Meinungen fließen in seine Arbeit. Jede Begegnung mit ihm hat konkrete Folgen.“
Warum engagiert sich die Schauspielagentin für die SPD? Sie verweist auf die rot-grünen Jahre der Regierung Schröder. „Die kulturpolitischen Entscheidungen, der Atomausstieg, ökologisch nachhaltige Agrarpolitik und die Familienpolitik haben der deutschen Gesellschaft einen starken Schub gegeben. Ich will, dass das konsequenter weiter betrieben wird.“
Wahlkampf ist nötig
Dass sich immer weniger Menschen politisch engagieren, sei auch „ein Ausdruck der gewachsenen Entsolidarisierung in der Gesellschaft“. Die Bereitschaft sinke, gesellschaftlich etwas zu verändern. „Eine Ursache ist die hohe Bespielung durch die Medien und die viel zu schnelle Verbreitung von allem, immer und überall. So hat sich eine ebenso schnelle Be- und Aburteilung von politischen Entscheidungen entwickelt.“
Die mediale Kritik, dieses oder jenes wäre ja ‚nur ein Wahlkampfthema’, hält Antje Schlag für absurd. „Schließlich ist ja Wahlkampf. Wann soll er denn geführt werden, wenn nicht jetzt, vor der Wahl?“ Jedem Politiker, der seine Ziele im Wahlkampf äußert, gleich Unehrlichkeit zu unterstellen, hält sie für äußerst gefährlich. „Das suggeriert: Kein Wahlversprechen ist auch nur das Papier wert, auf dem es steht. Und das ist falsch, weil es mit der Realität nichts zu tun hat.“
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