Rätsel um den Tod García Lorcas In Granada geschah der Mord

von Michael Berger - 23.12.2009
Der spanische Dichter Federico García Lorca war eines der ersten und prominentesten Opfer des Spanischen Bürgerkrieges. Lorca wurde am 19. August 1936 von Francos berüchtigter »Escuadra Negra« ermordet und vor den Toren Granadas verscharrt. Das Verbrechen traumatisiert die spanische Gesellschaft bis heute. Die Exhumierung seiner sterblichen Überreste und die Aufklärung seiner Todesumstände sollen mehr Licht in die Verbrechen der Franco-Diktatur bringen.

Eine schmale Landstraße, von Einheimischen »Landstraße des Todes« genannt, führt zu den Hängen der Sierra de Alfacar im Nordosten der Provinzhauptstadt Granada. Unweit der Straße liegen die Reste der Colonia, in den Jahren der Republik ein Ferienlager für Schulkinder. Nachdem die Falangisten am 20. Juli 1936 in Granada die Macht übernommen hatten, wurde das Gebäude in ein Behelfsgefängnis umfunktioniert. »La Colonia« diente als Todescamp für die in Granada verhafteten Gegner des Regimes.

Tod im Morgengrauen

Meist wurden die Opfer in den frühen Morgenstunden erschossen und dort verscharrt, wo sie lagen. In den Tälern und Hängen der Sierra liegen auch heute noch Hunderte von Leichen begraben. Am Morgen des 19. August 1936 wurden vier Gefangene in einen nahen Olivenhain geführt. Die Todeskandidaten: der 38-jährige Federico García Lorca, der Lehrer Dióscoro Galindo González, zum Tode verurteilt, weil er „linken Ideen anhing“ sowie die Stierkämpfer, Joaquín Arcollas Cabezas und Francisco Galadí Mergal, Vertreter der anarchistischen Bewegung aus Granada – sie hatten gegen die Übernahme der Stadt durch die Putschisten bewaffneten Widerstand geleistet.

Die Gefangenen wurden von Francos berüchtigter »Escuadra Negra« hinterrücks erschossen – in einem Olivenhain nahe der Fuente Grande, einem Quellweiher, der von den Mauren »Ainadamar« genannt wurde: Quelle der Tränen. Fasziniert von der Schönheit der Umgebung hatten dort maurische Adelige ihre Sommerresidenzen gebaut. Der größte Dichter Granadas starb an dem Ort, dessen Schönheit in den Werken islamischer Dichter besungen wurde: Federico García Lorca, der zu sagen gewagt hatte, dass die Eroberung des maurischen Granada durch Ferdinand und Isabella ein entsetzliches Unglück war. Mit seinen republikanischen Idealen, seinen gesellschaftskritischen Arbeiten und wohl auch wegen seiner Homosexualität wurde der Dichter ganz zwangsläufig zur Zielscheibe der politischen Rechten.

Opfer der „miesesten Bourgeoisie von ganz Spanien“

„Lorca wurde von der traditionalistischen Mentalität Spaniens ermordet!“, so der irische Lorca-Biograph Ian Gibson. Federico García Lorca wurde ein Opfer des Hasses der katholischen Kirche und des konservativen Teils der Gesellschaft, die er die „mieseste Bourgeoisie von ganz Spanien“ nannte.

Die Opfer der »Landstraße des Todes« wurden in der Regel von anderen Gefangenen der Colonia beerdigt, die man so lange am Leben ließ, wie es den Schlächtern gefiel. Der Totengräber Lorcas war ein junger Kommunist namens Manuel Castilla Blanco. Kurz nach der Erschießung kam er an den Ort der Bluttat und erkannte die beiden Stierkämpfer, einen Mann mit einem Holzbein sowie ein weiteres Opfer, das eine locker gebundene Schleife trug, „in der Art, wie sie Künstler tragen“.

Er begrub die Leichen, eine über der anderen, in einem Graben neben einem Olivenbaum. Zurück in der Colonia erfuhr er, dass der Mann mit dem Holzbein der Lehrer Galindo war und der mit der Schleife Federico García Lorca. Der Gitarrist Angel Barrios, ein langjähriger Freund Lorcas, suchte wenige Tage nach der Tragödie den Ort des Geschehens auf und fand das Grab. Man hatte Kalk auf die Stelle geschüttet und in der ganzen Gegend hing Leichengeruch in der Luft.

Märtyrer der Republikaner

Schnell wurde über die Grenzen des Landes hinaus bekannt, dass Federico García Lorca von den Franquisten ermordet worden war. Die gesamte spanischsprechende Welt war betroffen und die europäische Presse berichtete über den Tod des Dichters. Über Nacht wurde Lorca zum Märtyrer der Republikaner. Schnell erkannten die spanischen Nationalisten die möglichen Auswirkungen des Ereignisses und taten alles, um die Schuld für das Verbrechen von sich zu weisen. Die nationalistische Presse lancierte eine Reihe von Berichten, in denen Lorcas Tod als Unfall uminterpretiert und sogar den Republikanern in die Schuhe geschoben wurde.

Letztendlich hatten sie damit Erfolg. 1940 wurde Lorcas Tod auf dem zuständigen Standesamt in Granada registriert. In dem Dokument ist zu lesen, Lorca sei „im August des Jahres 1936 infolge kriegsbedingter Verletzungen gestorben“. Das von offizieller Seite verhängte Tabu breitete einen Mantel des Schweigens über den Tod eines der größten Dichter des 20. Jahrhunderts.


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