Herauszubekommen, wer nach dem letzten Krieg mehr Waffenmaterial an welcher Stelle entsorgt hat, ist müßig. Großbritannien hat eingeräumt zwei Millionen Tonnen, davon ein Drittel chemischer Kampfstoffe, versenkt zu haben. Der Großteil soll zwischen Irland und Schottland in 30 bis 50 Meter Tiefe liegen. Die Alliierten gaben an, dass Deutschland bei Kriegsende 300.000 Tonnen chemischer Waffen in die Ost- und Nordsee gekippt haben soll. Frankreich entsorgte bis 1993 pro Jahr 20 Tonnen. 1965 waren es 17.000 Fässer Senfgas, die im Westatlantik bei Lorient verschwunden sind. Bis 1997 sollen zwischen Brest und Cherbourg regelmäßig Munitionsaltlasten auf dem Meeresgrund deponiert worden sein.
Sechs Jahrzehnte nach dem Krieg "strahlt" ein Teil der Bomben-, Minen- und Granatenfracht still vor sich hin. Er enthält hochgefährliche Giftstoffe wie Blei, Quecksilber, Kadmium, TNT und Senfgas. Ein Teil des Sprengstoffmaterials roste durch und gefährde Mensch und Natur, erklärt der Meeresbiologe Stefan Nehring. Er ist einer der besten Kenner der tickenden Zeitbombe und ein unermüdlicher Warner: "Das Gewässer ist mit Munition verseucht!". Die Kampfmittel allein vor der deutschen Ostküste enthielten mindestens 30 Tonnen Quecksilber, stellt Nehring fest.
Phosphorbombe im Fischernetz
Es gibt weder eine Seekarte noch eine Liste der Abwurfstellen, um das Giftzeug orten, prüfen bergen und entschärfen zu können. Französische Fischer, besonders aus der Bretagne, haben in ihren Netzen bereits Phosphorbomben an Bord gezogen. Sie haben ihre Funde aber selten gemeldet und das "Zeug" wieder ins Meer zurückgeworfen.
Die französische Marine räumt ein, bis zum Jahr 2000 die Waffenversenkung praktiziert zu haben. Als aber am 30. April 1997 nahe Cherbourg fünf Männer eines Bombenentschärfungskommandos bei einer Granatenentsorgung getötet wurden, stellte die Öffentlichkeit kritische Fragen, zumal die Männer ausgefahren waren, um 1400 "entschärfte" Granaten über Bord gehen zu lassen.
Seit 1972 verbietet eine Londoner Konvention, biologische und chemische Waffen im Meer zu begraben. Sie trat 1975 in Kraft, 1996 wurde sie mit einem erweiterten Verbot für alle Kriegswaffen ergänzt. Frankreich übernahm die Konvention, behielt sich jedoch das Recht vor, Altrüstungsmaterial dann weiter dem Meer zu übergeben, wenn ihre Vernichtung zu Lande für Mensch und Natur ein Risiko darstellen könnte. Kein Geheimnis ist, dass die meisten europäischen Regierungen aus zwei Gründen wenig Interesse an der Säuberung der Meere zeigen: Erstens sei der Stoff ungefährlich, behaupten angeblich Marinetaucher, und zweitens will sich kein Land an den anfallenden Milliardenkosten beteiligen.
Erosion im Windpark
Doch die Gefahr schwerer Unfälle wird größer. Unlängst wurde in Frankreich das Projekt eines Windparks mit 150 Windrädern im Ärmelkanal bei Cayeux-sur-Mer gestoppt, weil rostende und dampfende Munition aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Meeresboden ausgemacht wurde. Oft schon berichteten Bewohner von Küstenstädten sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich von unerklärlichen lauten Explosionen im Meer. Spezialisten sind sicher, dass Erosion in der Tiefe des Meeres Kriegszeug zum Explodieren bringe. Meeresforscher sollen nun das Ausmaß der Umweltgefährdung abmessen. Aber ob dafür ausreichende finanzielle Mittel bereitstehen, das steht auf einem anderen Blatt.
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