"Ich hab’s nicht im System"

von Dagmar Günther
Er sorgte für Furore. Nicht nur weil er der erste animierte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge war. „Waltz with Bashir“ von Ari Folman überzeugte mit Inhalten: den realen Interviews, die der Regisseur mit Beteiligten an den erschreckenden Ereignissen im West Beirut während des ersten Libanonkrieges 1982 führte. Inzwischen gibt es auch das Buch zum Film, ein Graphic Novel (illustrierter Comicroman).

Jede Nacht träumt Boaz – so erzählt er seinem Freund, dem Regisseur Ari – von 26 Hunden. Die verfolgen ihn. Sie wollen ihn töten. Seit zwei Jahren geht das schon so. Ein Albtraum, der etwas mit dem ersten Libanonkrieg von 1982 zu tun hat. Doch Ari kann sich an fast nichts erinnern, obwohl er als 19-Jähriger dabei war. „Ich war da, aber ich hab’s nicht im System“, stellt er immer wieder resignierend fest. „Die Nacht, in der Boaz anrief, war die schlimmste des ganzen Winters. Es war im Januar 2006. Trotz dreißig Jahren bester Freundschaft war ich in keinster Weise vorbereitet auf das, was er mir erzählte“, mit diesen Worten beginnt die Geschichte unter dem ersten Comic, einem Blick auf eine leere Straße. Gleich würden die Hunde kommen...

Verdrängte Erinnerung

Ari beschließt, Menschen zu befragen die damals dabei waren und sich womöglich besser erinnern. Und so reist er in das Gestern, die Jugendkultur der 80er Jahre, das Westbeirut während des ersten Libanonkrieges. Er interviewt ehemalige Soldaten, Kriegsreporter, Psychologen und Freunde. Jeder ist traumatisiert, zeichnet sein persönliches schreckliches Bild. Stück für Stück kann Ari die Puzzleteile zusammensetzen, bis sein eigenes Bild der verdrängten Erinnerung fertig ist. Wird er am Ende eine Antwort auf die alles überschattende Frage finden: Welche Rolle spielte er bei dem Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila? „Und da wurde mir das ganze Ausmaß des Massakers bewusst“ steht am Ende als letzter Satz. Es folgen Bilder des Grauens, auf zwei Doppelseiten wandeln sich Comics in reale Fotos.

Packend hat Regisseur Folman diese Reise in seine Vergangenheit visualisiert. Kein Wunder, dass, die israelisch-deutsch-französische Koproduktion bei der Weltpremiere 2008 während der Internationalen Filmfestspielen in Cannes enthusiastisch gefeiert, als bester fremdsprachiger Film mit dem Golden Globe 2009 und als bester ausländischer Film mit dem César 2009 ausgezeichnet sowie 2009 sogar für den Oscar nominiert wurde. Die Illustrationen von David Polonsky treffen den Zuschauer wie den Leser mit voller Wucht. Was von den bedrohlichen Bildern, in denen Traumsequenzen mit erinnerten Kriegerlebnissen wechseln, bleibt, ist entsetzende Nachdenklichkeit. Dem Werk (Film wie Buch), dessen Titel auf den mit Israel verbündeten christlich-maronitischen Milizenführer Bachir Gemayel anspielt, dessen Ermordung mit dem Massaker von Sabra und Shatila gerächt werden sollte, sind möglichst viele Konsumenten zu wünschen. Vor allem junge, denn viel zu schnell wird viel zu viel vergessen.

„Du kannst die Vergangenheit vergessen, aber die Vergangenheit vergisst Dich nicht.“

Dagmar Günther

 

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AutorIn: Dagmar Günther  

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