Reportage aus Gaza Hoffnung auf dem Trümmerfeld?

von Henrik Meyer, Knut Dethlefsen - 03.02.2009
Die Waffenruhe zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas ist mehr als brüchig. Erst am Montag flog die israeliche Armee wieder Luftanrgiffe als Reaktion auf Raketenbeschuss durch die Hamas. Über die Lage der Bevölkerung im Gazastreifen dringt nur wenig nach außen. Knut Dethlefsen und Henrik Meyer sind in die Palästinensischen Gebiete gereist, um sich ein Bild über die Lage zu machen.

Die Kinder von Gaza spielen im Bombenkrater. Dieses Bild, das sich uns bei unserem Besuch im Gazastreifen bietet, ist in seiner Skurrilität kaum zu überbieten. Der „Barcelona-Park“, einer der wenigen Spielplätze in Gaza-Stadt, spiegelt die Zerstörung des Krieges: Tiefe Furchen durchziehen die Grünflächen. Ein völlig zerstörtes Klettergerüst liegt neben einem riesigen Sandkrater, Resultat eines F16-Raketenangriffes.

Die Zerstörung ist verheerend, der Anblick schockierend. Tod und Leid sind spürbar. Und dennoch: Die Kinder von Gaza haben den Raketenkrater schon zum Spielplatz umfunktioniert. Sie klettern auf die Sandberge, bauen Sandburgen und verstecken sich hinter dem aufgewühlten Erdreich. Es wird gelacht auf dem Trümmerfeld.

Ist Normalität nach Gaza zurückgekehrt? Vielleicht Hoffnung? Gar Frieden?

Seit einer Woche sollen die Waffen ruhen – von Schweigen kann aber noch lange keine Rede sein. Der Weg vom streng bewachten Grenzübergang Erez nach Gaza-Stadt führt uns durch Izbet Abed Rabbo, einen der Hauptschauplätze der israelischen Angriffe. In manchen Straßen steht dort kein einziges Haus mehr.

Foto:Henrik MeyerDie Menschen haben Bettlaken zwischen zerborstenem Stahlbeton aufgespannt und schlafen auf den Trümmern ihrer Existenz. Mit bloßen Händen suchen sie immer noch nach verbliebenen Habseligkeiten. Sie wirken müde und traurig, nicht zornig. „Die israelischen Angriffe haben den Menschen in Gaza eine blutige Botschaft überbracht“, sagt Issam Younis, Leiter des Al-Mezan Zentrums für Menschenrechte. „Sie wollten den Willen der Palästinenser brechen.“

Zerstört wurde vieles. In den 22 Tagen des Krieges waren es 4 000 Häuser. Außerdem wurden 22 000 Wohnungen teils schwer beschädigt. Nicht nur die 50 000 obdachlos gewordenen Menschen warten auf Hilfe. Hilfe, deren Grundlage im Krieg vernichtet wurde. Vor dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für den Nahen Osten (UNRWA) bilden sich lange Schlangen von Menschen, die auf Reis, Mehl und Zucker warten.

Innen bietet sich ein weiteres Mal ein Bild des Schreckens. Mehrfach wurden die Lagerhallen der UNRWA von der israelischen Armee unter Beschuss genommen. In den zerstörten Anlagen türmen sich verkohlte Blechdosen, in denen vormals Margarine und Öl für Krisenzeiten lagerten.

Wer soll das Land aufbauen?

Khaled Abdel Shafi, Leiter des United Nations Development Program (UNDP) in Gaza, wirkt erschöpft und deprimiert. „Was wir brauchen ist nicht nur humanitäre Hilfe. Wir benötigen einen wirklichen Wiederaufbau.“ Aber wie soll dieser gelingen? Baumaterialien fehlen, sie werden nicht ins Land gelassen und können in den zerstörten Fabriken nicht mehr hergestellt werden.

Und wer soll das Land aufbauen? Die Palästinensische Autonomiebehörde von Präsident Mahmoud Abbas? Sie hat während des Krieges sämtliche Glaubwürdigkeit unter der Bevölkerung des Gazastreifens verloren. Ihre Weigerung, die israelischen Angriffe vom ersten Moment an zu verurteilen, hat sie in den Augen der Gazaner auf die andere Seite der Konfliktlinie gebracht.

Die Vereinten Nationen? Sie würden gerne, sind aber sowohl von der israelischen Bereitschaft abhängig, Güter ins Land zu lassen, als auch vom Willen der Hamas, einen Wideraufbau unter fremder Federführung zuzulassen.

Und die Hamas selbst? Sie hat durch den Krieg keine substanziellen Verluste zu beklagen, erscheint weder gestärkt noch geschwächt. Sie hat es geschafft zu beweisen, dass sie eine nicht zu leugnende Realität ist. Sie hat sich selbst während des Krieges als Bewahrerin der öffentlichen Ordnung präsentiert und sogar die Gehälter ihrer Angestellten weiter gezahlt.

Jetzt räumen Hamas-Aktivisten die Straßen in Gaza-Stadt wieder frei, reparieren notdürftig Wasserleitungen und schauen nach den Angehörigen der Opfer. Ein Wiederaufbau unter der Führung der Hamas ist aber weder wünschenswert noch Erfolg versprechend. Zudem werden Israel und die internationale Gemeinschaft dies sicher nicht zulassen.

Foto: Henrik MeyerEs gibt keine Alternative zu einer nationalen Einigung der Palästinenser. Die jedoch scheint weiter entfernt denn je, obwohl die Einsicht in deren Notwendigkeit mittlerweile bei einer breiten Mehrheit der Bevölkerung angekommen ist. Auf dem Weg in den Süden des Gazastreifens treffen wir einen der wenigen dort verbliebenen Fatah-Politiker. Das Haus von Mohammed Hegazi in Beit Lahya hat ein paar Brandflecken von Phosphorbomben abbekommen, seine Wassertanks auf dem Dach wurden zerschossen. Er hatte viel Glück, angesichts des zerstörten Hauses seines Nachbarn.

Nach jahrelangem Missmanagement und ausbleibenden Erfolgen im Friedensprozess hatten sich die Menschen 2006 von der Fatah abgewendet und der Hamas einen überwältigenden Wahlsieg beschert. Die Fatah hat einen schweren Stand in Gaza, nicht nur wegen der Bekämpfung durch die Hamas. „Die Leute denken, dass die Fatah akzeptiert hat, dass die Hamas zerstört wird, um Platz für die Fatah selbst zu machen“, erläutert Hegazi.

Schmugglertunnel wieder in Betrieb

Wir reisen weiter in den Süden, in die geteilte Grenzstadt Rafah. Hier hat die israelische Luftwaffe besonders stark bombardiert, um die Tunnel zwischen dem Gazastreifen und Ägypten zu zerstören. Der Effekt war kaum spürbar. Die beschädigten Tunnel wurden repariert, der Betrieb läuft wieder an. Hunderte führen vom palästinensischen zum ägyptischen Teil Rafahs, oft von einem Familienmitglied zum anderen. Es ist überdeutlich geworden, dass der Schmuggel nicht beendet wird, solange die Blockade des Gazastreifens weiter bestehen bleibt. Die Betreiber zahlen ihren Angestellten 50 Dollar am Tag. Es gibt nicht viele lukrativere Jobs in Gaza.

Es ist viel zerstört worden im Gazastreifen. Mehr als 1 300 Menschenleben, Existenzen, Gebäude, aber auch Vertrauen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Lage ist verfahren. Die Menschen werden zwischen der Politik Israels, der internationalen Gemeinschaft und den palästinensischen Parteien zerrieben.

Politisch hat sich nichts geändert

Während vieles kaputt ist, hat sich politisch wenig geändert. Öffnet Israel die Grenzen nicht und einigt man sich nicht darauf, wie der Gazastreifen aufgebaut werden soll, ist die Situation genau dort, wo sie vor dem Krieg war. Ohne eine schnelle Lösung dreht sich die Spirale der Gewalt weiter.„Für einen echten Wiederaufbau braucht man offene Grenzen“, sagt UNDP-Chef Khaled Abdel Shafi. Er denkt dabei sicher nicht nur an Staatsgrenzen.

Mehr als sechs Stunden warten wir bei unserer Ausreise nach zwei Tagen auf der palästinensischen Seite des Grenzübergangs auf das Okay der Israelis. Immer wieder sehen wir Hubschrauber auf dem Weg nach Süden. Die palästinensischen Grenzbeamten möchten, dass wir zurück ins Hotel gehen. Zu gefährlich sei es hier, zu viele Raketen hätten hier in der Vergangenheit eingeschlagen.

Wir warten trotzdem und finden uns nach einer kleinen Ewigkeit auf der israelischen Seite wieder. Es gibt wahrscheinlich nicht viele Grenzen, die zwei so völlig verschiedene Welten voneinander trennen. Wir können von der einen in die andere wechseln. Es fällt schwer sich vorzustellen, wie es ist, diese Möglichkeit nicht zu haben.
 

Knut Dethlefsen ist Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Jerusalem. Henrik ist Projekt-Manager bei der FES-Jerusalem.

Fotos: Henrik Meyer

Weitere Infos sowie Newsletter zum Nahost-Konflikt unter www.fespal.org

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Channel: Ausland  
AutorIn: Henrik Meyer  Knut Dethlefsen  

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