Plauen (Sachsen) – Deutschland ist für Nabil Ibrahim Muammas die zweite Heimat. Er kann nicht weg. Er, der aus seiner e r s t e n Heimat Libyen flüchtete, wartet in Plauen im Asylbewerberheim. In Deutschland, in Plauen möchte er weiter leben, richtig leben, arbeiten, eine Familie haben, alt werden, sterben. Deutschland wandelt sich, demografisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, Menschen werden gebraucht, hört man in wohl formulierten Politikerreden. Nabil will gebraucht werden, als Mensch und Bürger in einem weltoffenen Deutschland anerkannt werden. Deutschlands Kanzlerin will jeden Tag für die Freiheit des einzelnen kämpfen. Das sagte sie, lang ist es her und doch gültig, am 9. November 2009 am Brandenburger Tor.
Als Geschäftsmann wäre er willkommen
Muammas, 37 Jahr aus Libyen, weiß nicht, ob er so eine Zukunft, so eine Freiheit im Sinne dieser großen Worte in Aussicht hat. Er ist ein Asylbewerber, einer, dessen Antrag abgelehnt und in eine Duldung mit dem Vermerk „Aussetzung der Abschiebung“ in seinem abgegriffenen Ausweis versehen wurde. Mittellos, ohne ein Diplom oder Titel, ohne Verbindungen steht der Afrikaner da. Er weiß, als Geschäftsmann, als libyscher Politiker, als Investor, Banker, als Hightechexperte, als Leistungssportler oder als bekannter Künstler wäre er willkommen in Deutschland. Aber ist er es auch als einfacher Mann, der aus Afrika flüchtete, um nicht im Gefängnis einzugehen?
Seine Hoffnungen nach der Flucht vom großen fernen Kontinent im Süden waren schlicht. In Freiheit woanders neu anfangen und ein einfaches Leben leben – ohne Angst. 25 Stunden schipperte er voller Angst und geduldig über seine Kräfte hinaus überlebend mit Dutzenden Leidensgenossen auf einem Kutter über das wilde Mittelmeer. Er erreichte erschöpft Europa. Die Freiheit, wie er vermutete. Das war 1998. In Deutschland nach einer weiteren Odyssee angekommen, wollte er in dem freien, reichen Land Europas eine Perspektive aufbauen, endlich aufatmen. „Hier sind die Menschenrechte verwirklicht, hier werden die Menschen gut behandelt“, sagte er.
Integrationswille nutzt nichts
Es passierte mit ihm anderes. Der Afrikaner wurde hin und her geschoben. Leverkusen, Köln, Chemnitz, Plauen. Mit Misstrauen wurde ihm stets begegnet. Flüchtling? Geht es ihm so schlecht daheim? Ist doch alles nicht so schlimm in Libyen. Er hörte viele solche Worte. Seit vier Jahren lernt er deutsch in seinem Wartebereich Plauen. Seine Residenz, die er nicht verlassen darf. Ein großer Hof ist das. Inzwischen kann er sich passabel ausdrücken. Doch ihm nutzt sein Integrationswille, sein noch junges Alter nicht, scheint es.
Nabil ist ernüchtert, der Libyer sieht sich mit einer aussichtslos wirkenden Situation konfrontiert: In Deutschland eine Existenz aufbauen kann er nicht, weil sein Status ihm Arbeitssuche, Bildung, eine Familie gründen, verbietet. „Einer Frau in Plauen kann ich gar nichts bieten, so einen wie mich will eine nicht.“ Nach Libyen zurück kann er aber auch nicht, käme er wieder in sein Geburtsland, wäre das Gefängnis sein neues Zuhause, mindestens!
Bei den deutschen Behörden sah man dennoch (noch?) nicht ein, dass Libyen seine Existenz bedrohe. Asylantrag abgelehnt. „Es gibt Länder wie Irak, Iran, China, wo Rückkehrer aus Deutschland gar einen Kopf kürzer gemacht werden – das interessiert deutsche Behörden nicht“, hört er von Mitarbeitern der Ausländerbehörde hinter vorgehaltener Hand.
Die Tage in Plauen im Vogtland, das ist sein im „Geduldetenausweis“ beschriebenes Gebiet, seine Residenz, in welcher er sich ausschließlich bewegen kann, sind die eines Wartenden. Der Tagesablauf ist strukturiert, Disziplin ist ein Mittel gegen drohende Labilität und Depression. Nabil Muammas steht nicht allzu spät auf, er betet gen Mekka. Regelmäßig, ruhig, innig. Er ist danach immer recht guter Dinge. Sein Zimmer wirkt nicht wie ein Zuhause, es sieht aus wie eine Gefängniszelle. Bett, Stuhl, Heizkörper, der Gebetsteppich zusammengerollt in der Ecke, ein alter Fernseher – sein Fenster in die Welt. Nabil Muammas fühlt sich auch wie ein Gefangener, ein Bestrafter, ein Ausgeschlossener, ein Opfer eines deutschen Systems der Isolation. Ihm fehlt die Kraft, scheint es, zumindest mit etwas Gemütlichkeit im kleinen Raum die Isolation zu verschönern. Wenigstens...
Ihm muss es wie Hohn vorgekommen sein, als sich in vergangenen Oktobertagen die Plauener der Zeit vor 20 Jahren erinnert haben, ihrem Streben nach Freiheit, als sie die Bilder der Prager Botschaft sahen, in der Menschen, auch aus dem Vogtland, ein Land, ihr Land verlassen wollten, mussten. Weil sie ein besseres Leben wollten, weil sie im eigenen Land drangsaliert, unterdrückt, in Gefahr gebracht wurden. Er konnte eigentlich mit den Plauenern mitfühlen. Wie er in Libyen gefühlt hat, war das. Und es war da noch schlimmer, er war mit dem Tod konfrontiert, sagt er. Doch was für ein Unterschied. Er ist Afrikaner, die Menschen hier Deutsche, meint er viel sagend. Die Türen bleiben zu.
Arbeiten ohne Arbeitserlaubnis?
Gern geht Nabil durch seine neue „Heimatstadt“ Plauen. Er würde arbeiten gehen. Wie früher in Tripolis, seiner Geburtstadt. Der junge Mann war dort im öffentlichen Dienst in der Hafenverwaltung tätig. Allein aber die Umstände eines diktatorischen Landes, die Furcht vor dem Militär ließen ihn auf die Idee der Flucht kommen. General Muammar al-Gaddafi, Staatschef, Chef der Armee, Oberster Dienstherr führt das Land mit eiserner Hand. Der Koran ist die Verfassung, die Sharia, das Rechtssystem des Islam, verspricht mit dem Gesetz in Konflikt Geratenen Stockhiebe und als höchstes auch die Todesstrafe. In den Reiseempfehlungen des Auswärtigen Amtes Deutschlands steht: Kritik am politischen System, an der Regierung und der Verwaltung gilt als Verbrechen. Korruption in der Wirtschaft, in Behörden und Institutionen sind Alltag, weiß der Mann aus Tripolis. Doch pflegt das Land zahlreiche Verbindungen vor allem mit westlichen Industrienationen (Frankreich, Italien, USA).!
Libyen verfügt über große Erdöl- und Erdgasvorkommen. Nabil sieht den Staatschef im Fernsehen in Rom beim Welthungergipfel bei Papst Benedikt. „Was für eine Welt…“, denkt der Afrikaner.
Der Libyer muss um sein Bleiben fürchten. Der Asylantrag ist abgelehnt, das verpflichtet ihn eigentlich, das Land Deutschland zu verlassen. Mehr als 60.000 Menschen, die vom Auslaufen der derzeit gültigen Bleiberechtsregelung bis Ende 2009 betroffen sind, haben wie Muammas keine Gewissheit, denn die Merkel-Regierung berät zäh über die „Altfallregelung“. Es könnte 2010 zu einer regelrechten Abschiebewelle kommen.
Die auslaufende Regelung besagt, dass »geduldete« Flüchtlinge nur dann ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten, wenn sie einen Arbeitsplatz nachweisen können. Dieser Nachweis kann Nabil Muammas nicht erbringen, es ist ihm nicht erlaubt zu arbeiten. Es ist ihm erlaubt zu warten und am besten zurückzufahren nach Libyen. Das Schicksal dort wäre nicht mehr im Aufgabengebiet deutscher Behörden.
Er kämpft, noch, er holt sich Hilfe bei einem Hamburger Anwalt, ein Experte für viele Betroffene Ausländer in der Bundesrepublik. Nabil fürchtet: Er wird irgendwann wieder in Tripolis landen…
Ruhig rollt der deutsche Libyer am Abend nach einem weiteren Tag des Wartens in Plauen seinen Gebetsteppich aus. Und richtet sein Gesicht gen Mekka. Ob es Allah richten wird?
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