
Prof. Michael Hartmann ist Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Elitesoziologie, Industrie- und Betriebssoziologie sowie Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt.
vorwaerts.de: Der Philosoph Peter Sloterdijk, der nach eigenen Angaben der Sozialdemokratie nahe steht, beklagt die zunehmende Schröpfung von Eliten, die er als "Leistungsträger" bezeichnet. Hat er Recht?
Michael Hartmann: Nein, er hat kein Recht, und das gleich in zweifacher Hinsicht. Erstens ist sein Begriff der „Leistungsträger“ falsch. Für ihn zählen z.B. Investmentbanker oder Analysten ganz zweifellos dazu, weil sie aufgrund ihrer sehr hohen Einkommen auch vergleichsweise viel Steuern zahlen müssen. Für Krankenschwestern oder Kindergärtnerinnen gilt das dagegen nach seiner Definition nicht. Ihn interessiert überhaupt nicht, welche Tätigkeiten für die Gesellschaft wichtiger und produktiver sind, welche auf Dauer positive und welche negative Konsequenzen haben.
Zweitens erweckt Sloterdijk den Eindruck, als würde eine kleine Zahl der Steuerzahler die Masse der Bevölkerung mit ihren Steuern durchfüttern. In Wirklichkeit zahlen die oberen zehn Prozent der Steuerzahler zwar ungefähr die Hälfte der Einkommenssteuern, sie erhalten aber auch knapp 40 Prozent der Einkommen und verfügen über mehr als 60 Prozent des Vermögens. Die steuerliche Belastung ist zwar überproportional, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie es Sloterdijk andeutet.
Außerdem ist die steuerliche Belastung für die hohen Einkommen in den letzten zehn Jahren erheblich gesunken, während die untere Hälfte der Bevölkerung durch die Einführung von Hartz IV und die Erhöhung der indirekten Steuern, die inzwischen über die Hälfte des Steueraufkommens ausmachen, spürbar stärker belastet wird.
Was haben Sie eigentlich gegen Eliten?
Beim Begriff Elite schwingt immer auch der Begriff der Masse mit. Diese Begrifflichkeit steht im Kern für ein dichotomisches Weltbild, das die Unterteilung der Bevölkerung in Herrschende und Beherrschte zu einer anthropologischen Konstante erhebt. Das halte ich für falsch und verhängnisvoll, da eine solche Sicht die Aufhebung des Gegensatzes von Elite und Masse und damit tiefgreifende demokratische Veränderungen der Gesellschaft letztlich für unmöglich hält.
Außerdem bedeutet Elite immer auch die Verfügung über die entscheidenden Machtressourcen. Das unterscheidet diesen Begriff von dem der Spitze. Wenn Sie statt Elite Spitze verwenden, wie bei Spitzensportler oder Spitzenwissenschaftler, dann sagt das erst einmal nichts aus über die Verteilung von Macht und Reichtum, sondern nur über spezielle Fähigkeiten. Der Begriff der Spitze ist daher demokratischer.
Seit Jahren reisen Sie unermüdlich durch die Republik und warnen vor einem Hochschulsystem, das die Herausbildung von Eliten ermöglicht. Warum sind Sie dieser Auffassung?
Meiner Meinung nach hat ein Hochschulsystem die Aufgabe, einem möglichst großen Teil der Bevölkerung ein qualifiziertes Studium zu ermöglichen. Wenn man stattdessen vorrangig auf die Bildung von Eliten setzt, wird dieses Ziel verfehlt. Die vorhandenen Mittel werden dann noch stärker als bisher zugunsten eines kleinen, vor allem aus akademischen oder bürgerlichen Familien stammenden Teils der Jugend eingesetzt. Die soziale Selektivität wird damit verstärkt und nicht abgebaut.
Wurde dieser Prozess in den letzten Jahren verstärkt? Wenn ja, wie?
Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt eindeutig eine Verschärfung. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen wirkt die Einführung von Studiengebühren abschreckend auf Studierwillige aus den unteren zwei Dritteln der Bevölkerung. Zum anderen sorgt die Exzellenzinitiative für eine enorme Konzentration der zur Verfügung stehenden Mittel auf wenige Universitäten. Allein ein Drittel der Exzellenzgelder ist an nur vier Universitäten gegangen.
Dazu kommt eine weitere Entwicklung. Da die Einwerbung von Drittmitteln in vielen Bundesländern inzwischen ein zentrales Kriterium für die Verteilung der Landesmittel geworden ist, werden auch diese Gelder in Zukunft immer stärker auf wenige Hochschulen konzentriert.
Die große Mehrzahl der Universitäten wird damit zunehmend abgehängt, was die Forschung angeht. Sie werden mehr und mehr zu Ausbildungshochschulen, an denen die Masse der Studierenden durch ein verschultes und unterhalb des bisherigen wissenschaftlichen Niveaus liegendes Studium geschleust wird.
Hat die Umsetzung des Bologna-Prozesses auf diese Entwicklung eingewirkt?
Der Bologna-Prozess hat vor allem in einem Punkt diese Entwicklung verstärkt. Er begünstigt in seiner bisherigen Umsetzung die soziale Spaltung der Studierenden, indem er durch die Etablierung des Bachelor als berufsqualifizierenden Abschluss und die Begrenzung des Zugangs zum Master-Studium eine weitere soziale Selektionshürde errichtet hat.
Der Übergang zum Master wird den Studierenden aus der sogenannten „bildungsfernen Schichten“ in der Regel schwerer fallen als ihren aus Akademikerfamilien stammenden Kommilitonen und Kommilitoninnen. Der Erwerb des Masters als tatsächlich wissenschaftlichem Studienabschluss wird daher noch stärker von der sozialen Herkunft abhängen als der Erwerb der bisherigen Abschlüsse Diplom, Magister oder Staatsexamen.
Die Fragen stellte Julian Zado, Herausgeber des Buches „Hochschulen im Wettbewerb – Innenansichten über die Herausforderungen des deutschen Hochschulsystems“.
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 1700 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.