"Grob fahrlässig, Drogerieketten Arzneimittel verkaufen zu lassen"

Die Apotheker in Deutschland geraten unter Druck. Nach dem Willen der EU-Kommission soll es künftig in Deutschland auch Apothekenketten geben. Thomas Bellartz von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) warnt im Interview mit vorwärts.de vor den Folgen.

vorwärts.de: Die EU-Kommission will das Mehr- und Fremdbesitzverbot für Apotheken in Deutschland kippen. Droht der klassischen Apotheke damit das aus?

Thomas Bellartz: Es handelt sich um zwei Verfahren. Die EU-Kommission hat der Bundesregierung wegen des Mehrbesitzes an Apotheken einen sogenannten "Letter of formal notice" gesendet. Die aktuelle deutsche Regelung, wonach ein Apotheker zusätzlich zu seiner Hauptapotheke drei weitere Apotheken in direkter Nähe betreiben könnte, ist vom Gesetzgeber gut durchdacht. Wir gehen davon aus, dass die Stellungnahme der Bundesregierung ebenso deutlich ausfällt wie die jüngste der Regierung gegenüber dem Europäischen Gerichtshof, der voraussichtlich Anfang 2009 eine Entscheidung über das Fremdbesitzverbot fällt.

Wir gehen davon aus, dass der EuGH die besondere nationale Verantwortung für das Gesundheitswesen der Mitgliedsstaaten höher bewertet als die Partikularinteressen mächtiger Pharmahandelskonzerne. Dies auch, weil wir wissen, dass die unabhängige, persönlich geführte Apotheke das beste Konzept ist - und deswegen Bestand hat.

Übrigens hat Deutschland schon heute das liberalste Apothekensystem - wir haben Niederlassungsfreiheit, Mehrbesitz, Versandapotheken und vieles mehr. In Deutschland hat man sich für einen verbraucherpolitischen Schutzzaun um die Patienten entschieden. Diesen Schutz gegen die Interessen mächtiger Konglomerate gilt es zu verteidigen.

Apotheken können bereits seit 2004 die Preise für rezeptfreie Arzneimittel aushandeln. Zu spürbaren Preissenkungen ist es bisher nicht gekommen, warum?

Der Eindruck ist nicht richtig: Es ist zu erheblichen Preissenkungen und einem Wettbewerb der Modelle gekommen. Vielleicht war die Erwartungshaltung angesichts der besonderen Rolle von Arzneimitteln falsch. Der totale Preiswettbewerb führt zu einer verstärkten Nachfrage, zu einem Mehrverbrauch und damit zu einem Missbrauch von Arzneimitteln. Das will niemand, schon gar nicht die Verbraucherschützer. Denn es gibt genügend Negativbeispiele, das prominenteste dürften die USA abgeben.

Wir teilen die Auffassung von Verbraucherschützern, das es zwar einen gesunden Wettbewerb auch bei den Preisen von Arzneimitteln geben kann. Viel wesentlicher ist aber der Wettbewerb um die bestmögliche Qualität und Versorgung. Ein Test der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom März hat gezeigt, dass die stationäre Apotheke bei den Preisen sogar mit den angeblich so billigen Versandapotheken mithalten kann.

Inzwischen drängen auch Drogerie- und Lebensmittelketten in den Versand mit Medikamenten. Besteht im Versandhandel eine Gefahr für die Arzneimittelsicherheit?

Der Gesetzgeber ist mit der Freigabe des Versandhandels von Arzneimitteln viel weiter gegangen als beispielsweise der Europäische Gerichtshof. Trotzdem spielen Internetapotheken hierzulande auch nach mehr als vier Jahren immer noch eine untergeordnete Rolle. Die Verbraucher trauen den Angeboten nur bedingt. Denn im Fahrwasser dieser Zulassung hat sich ein riesiger unkontrollierbarer Graumarkt illegaler Anbieter herausgebildet. Das schadet dem Verbraucher - gesundheitlich wie ökonomisch.

Darauf haben EU-Kommissar Günter Verheugen, das Bundeskriminalamt und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hingewiesen. Von denen steht keiner im Verdacht, ein Lobbyist von Apothekeninteressen zu sein; hier geht es um das Patientenwohl. Zusätzlich sehen wir eine Banalisierung des Arzneimittels.

Es ist grob fahrlässig, von Drogerieketten, von denen einige schon die schlichtesten Qualitätsstandards nicht erfüllen, die Abgabe von Arzneimitteln zu erwarten. Wollen wir das wirklich? Bislang wollen sich diese Ketten nur lautstark positionieren und bedienen sich dabei einiger Internetapotheken als nützliche Vehikel. Wir glauben, dass diese Allianz der pharmazeutisch Fußkranken keinen Wert für die Zukunft der Arzneiversorgung darstellt.

Wie sollten Apotheken auf die zunehmende Liberalisierung des Arzneimittelmarktes reagieren?

Sie sollten ihre Kompetenz als Heilberufler in die Waagschale werfen. Unabhängigkeit, Persönlichkeit, Vertrauen und Nähe sind die entscheidenden Faktoren. Fort- und Weiterbildung sind entscheidend für diesen Kompetenzerhalt. Patienten schätzen die Zuwendung und wollen keine Konzerngesteuerte Gesundheitsversorgung.

Deshalb wird das Wichtigste sein, die eigene Verantwortung als einer von 20.000 selbstständigen Arbeitgebern mit rund 85 Prozent Frauenarbeitsplätzen und alleine in Deutschland rund 10.000 Ausbildungsplätzen deutlich zu machen. Und sich nicht von permanenten PR-Trommelfeuer beirren zu lassen.

Lesen Sie dazu Interview mit Johannes Mönter, Sanicare: "Es wird Bewegung in den Markt kommen"

Interview: Karsten Wiedemann

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Tags: Interview  

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