Theaterstück über Ausschreitungen

„Es gibt eine Linie von Lichtenhagen nach Freital“

Kai Doering01. Oktober 2015
Dan Thy Nguyen
Damit die Geschichten nicht verloren gehen: Regisseur und Autor Dan Thy Nguyen
Vor 23 Jahren griffen hunderte Rechtsextreme eine Asylbewerberunterkunft in Rostock-Lichtenhagen an. Regisseur Dan Thy Nguyen hat aus den Ereignissen ein Theaterstück gemacht. Im Interview mit vorwärts.de sagt er, was die Ereignisse von damals mit der aktuellen Flüchtlingssituation zu tun haben.

Rostock, Ende August 1992: Aus einer Zusammenrottung vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber im sogenannten Sonnenblumenhaus im Stadtteil Lichtenhagen entwickeln sich die massivsten rassistisch motivierten Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gegen das Sonnenblumenhaus, in dem mehr als 100 vietnamesische Asylsuchende untergekommen sind, fliegen Molotowcocktails und Steine. An den Ausschreitungen beteiligen sich mehrere hunderte rechtsextreme Randalierer – angefeuert von bis zu 3000 applaudieren Zuschauern.

Das Theaterstück „Das Sonneblumenhaus“ dokumentiert die Ausschreitungen von Lichtenhagen aus der Sicht der belagerten Menschen. Dan Thy Nguyen ist Regisseur und einer der Autoren des Stücks. Im Interview mit vorwärts.de schlägt der Deutsch-Vietnamese die Brücke zur aktuellen Flüchtlingssituation.

Die Angriffe auf das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen liegen 23 Jahre zurück. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sie im Jahr 2015 in einem Theaterstück zu verarbeiten?

Mein Co-Autor Iraklis Panagiotopoulos und ich wollten wissen, wie die damaligen Bewohner des Sonnenblumenhauses die Vorgänge zwischen dem 22. und dem 26. August 1992 erlebt haben. In den Dokumentationen über die Pogrome ging es bisher vor allem um die Täter. Uns hat aber die Opferperspektive interessiert. Deshalb haben wir vor drei Jahren begonnen mit der Recherche begonnen und sind durch Deutschland gereist, um die noch lebenden Bewohner des Sonnenblumenhauses zu interviewen und daraus ein Theaterstück zu machen.

Haben die Menschen bereitwillig über die Geschehnisse berichtet?

Zu Anfang war es sehr schwierig, Menschen zu finden, die überhaupt mit „weißen“ Journalisten sprechen. Sie hatten schlechte Erfahrungen gemacht: waren falsch zitiert oder in ein falsches Licht gerückt worden. Einige wurden sogar, nachdem sie an die Öffentlichkeit gegangen waren, von Nazis verfolgt. Letztendlich haben sich aber einige überzeugen lassen, mit mir zu sprechen, da ich als Deutsch-Vietnamese Vertreter der so genannten zweiten Generation bin. Sie wollten, dass ihre Geschichte nicht verloren geht.

Die Pogrome von Lichtenhagen liegen fast ein Vierteljahrhundert zurück. Was sagen Sie uns heute?

Sehr viel und auch sehr viel mehr als wir vermutet haben, als wir vor drei Jahren auf Spurensuche gegangen sind. Die sogenannte Geflüchtetenkrise hat ja schon 2012 ihren Anfang genommen und war in meiner Wahlheimatstadt Hamburg bereits sehr präsent. Uns war damals – kurz nach dem 20. Jahrestag von Rostock-Lichtenhagen – klar: Wenn viele Geflüchtete nach Europa kommen, wird es früher oder später wieder Ausschreitungen geben. Weder die Geschehnisse in Lichtenhagen oder Mölln noch der gesamte NSU-Komplex wurden bisher aufgearbeitet. Die Gesellschaft hat keinerlei Lehren aus den furchtbaren Ereignissen gezogen. Man kann also Linien ziehen von Lichtenhagen nach Freital oder Tröglitz.

Was kann ein Theaterstück wie Ihres da leisten?

Eine Menge. Zum einen geht es um Erinnerungskultur. Wir wollen die Geschehnisse von damals als Mahnung für heute wachhalten. Wir wollen aber auch darstellen, dass rassistische Ausschreitungen nicht allein ein deutsches Problem sind. Wir haben uns zum Beispiel auch damit beschäftigt, warum beim größten deutschen Nachkriegsprogrom, denn genau der hat in Lichtenhagen stattgefunden, niemand gestorben ist.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Die gibt es tatsächlich. Dabei hat uns die Opferperspektive sehr geholfen. Ein großer Teil der Vietnamesen im Sonnenblumenhaus war Soldat im Vietnamkrieg. Niemand von ihnen hatte Angst zu sterben. Dafür hatten sie in ihrer Heimat viel schlimmere Dinge erlebt. Die Angst der Eingeschlossenen war eine andere, nämlich, dass sie die jugendlichen Neonazis mit Eisenstangen töten müssten, sollten sie ins Sonnenblumenhaus eindringen.

In der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird immer wieder betont, die Situation sei aktuell viel besser als in den 90er Jahren. Die Menschen wären viel offener den Geflüchteten gegenüber. Teilen Sie diese Ansicht?

Die aktuelle Situation lässt sich mit damals vergleichen und lässt sich auch wieder nicht vergleichen. Als Reaktion auf die vielen Geflüchteten in den 90er Jahren wurden Hilfsorganisationen gegründet, die nun wichtige Arbeit leisten. Es sind Strukturen da, die es damals nicht gab. Was aber heute wie in den 90er Jahren fehlt, ist der Fokus auf denen, die zu uns kommen. Damals waren es Vietnamesen und Roma, heute sind es Syrer – aber die moralische Frage „Was ist der Mensch?“ wurde und wird vollkommen außer Acht gelassen. Ich sehe auch eine weitere Parallele: Heute wie damals wird kaum jemand zur Rechenschaft gezogen, wenn er sich gegen Geflüchtete wendet oder Unterkünfte anzündet. Die vermeintlich harten Parolen gegenüber Rechten sind aus meiner Sicht recht scheinheilig.

Zusammenfassend: Welche Konsequenzen sollte die Politik aus den Ereignissen vor 25 Jahren für die aktuelle Situation ziehen?

Die Menschen, die zu uns kommen, müssen als würdevolle Wesen behandelt werden. Denn genau das ist das Erbe der Aufklärung. Niemand hat das Recht, andere Menschen zu demütigen oder gar zu töten. Deshalb sollte der Staat gnadenlos durchgreifen, wenn es hier zu Grenzüberschreitungen kommt. Was ich schade finde, ist dass die deutsche Gesellschaft es verpasst hat, die Arabischstämmigen, die bereits seit Jahrzehnten hier leben, so zu integrieren, dass sie in der aktuellen Situation den Geflüchteten helfen können. Das würde vieles einfacher machen. Eine gemeinsames Verstehen und Erinnern kann da helfen.

Die nächste Aufführung des Stücks findet am 1. Oktober im Hamburger „Globkehaus“ statt.

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