vorwärts.de: Frau Balci, beschreiben in Ihrem Buch das fiktive Leben des arabischen Jungen Rashid, der in einer völlig anderen Welt lebt, als die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Gibt es Anknüpfungspunkte zwischen diesen Welten?
Güner Balci: Rashid ist ein Deutscher, der von der deutschstämmigen Mehrheitsgesellschaft nicht als solcher gesehen wird und sich selber auch nicht als Deutscher sieht. Aber faktisch ist er ein Teil dieser Gesellschaft, weil er nichts anderes kennt.
Aber es gibt natürlich wenige Berührungspunkte zwischen Menschen, die dieses Milieu nicht kennen und Rashid und seinen Leuten. Wo sollte es die auch geben. Rashid kommt nicht aus einem bildungshungrigen Milieu. Das Bürgerliche existiert dort nicht.
Ist die Gesellschaft auf Menschen wie Rashid eingestellt?
Nein, da sind die Menschen überfordert. Das kann ich auch verstehen. Mit den Kulturen, die nach Deutschland eingewandert sind, sind auch andere Lebensvorstellungen und andere Wertemuster eingewandert. Damit können die „Deutschstämmigen“ oft nicht umgehen.
Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass es hier Menschen aus anderen Kulturen gibt,
die einen Großteil oder sogar ihr ganzes Leben in Deutschland verbringen. Wir müssen uns fragen, welche Werte diese Menschen mitbringen und ob diese Werte zu unseren Grundrechten passen.
Welche Rolle spielt Religion in der Parallelwelt, die Sie beschreiben?
Religion bedeutet Identifikation für die Leute. Leider nimmt die Rolle der Religion, des Islam, in diesen Milieus zu. Überall dort, wo es Armut gibt, wo es keine Möglichkeiten zur Partizipation gibt, ist Religion eine Alternative. Und wenn das ein politischer Islam ist, ist das super-gefährlich für die Gesellschaft in Deutschland.
Helfen da Veranstaltungen wie die Islamkonferenz?
Die Islamkonferenz ist eine ganz fatale Konstruktion. Die Mehrheit der Verbände, die dort vertreten sind, steht für einen politischen Islam, der sich mit den Grundrechten in diesem Land absolut nicht vereinbaren lässt. Man kann nicht Leute einladen, die als Funktionäre oder Arm der ägyptischen Moslembrüder agieren. Das hat nichts mit der deutschen Kultur von Entwicklung des Individuums, Vernunft und freier Entscheidung zu tun.
Wir müssen unsere eigenen Werte als Konsens nehmen. Und zwar auf Basis des Grundgesetzes. Es geht gar nicht um ein Bekenntnis zum Deutschtum, es geht um Menschenrechte. Die müssen wir vehement vertreten. Es kann nicht sein, dass eine Religion sich anmaßt, das gesamte Leben eines Menschen, von der Wiege bis zur Barre zu bestimmen und die Gesetze dafür festzulegen. Das dürfen wir nicht zulassen.
Wie kann man diese Jugendlichen, diesen Teil der Gesellschaft, erreichen. Wer ist da in der Verantwortung?
Alle sind in der Verantwortung. Die Jugendlichen selbst, deren Familien, aber auch die aufnehmende Gesellschaft. Ich möchte, dass sich die deutsche Gesellschaft für diese Jugendlichen genauso verantwortlich fühlt, wie für ihre eigenen Kinder.
Ich glaube, wenn man einen Menschen wie Rashid wie einen eigenen Sohn betrachten würde, würde man viel heftiger auf die Armut, Kriminalität, Gewalt, auf das Versumpfen dieser Jugendlichen reagieren. Auf ein Milieu, in dem junge Menschen keine Perspektiven haben.
Wir reden häufig über verwahrloste Kinder in deutschen Familien, über Kindsmorde.
Sobald es aber einen Ehremord gibt, ein Vater seine Tochter tötet, wird das als eine exotische Tat verurteilt. Das ist auch richtig so. Aber es wird dabei vergessen, dass auch dieser Mann Teil der deutschen Gesellschaft ist. Es ist nicht damit getan ihn abzuschieben. Wir sind für die Täter genauso verantwortlich, wie für die Opfer.
Was passiert denn, wenn sich nichts ändert. Drohen dann auch in Deutschland französische Verhältnisse?
Ja. In den Pariser Vororten sieht man, was passiert, wenn sich eine Gesellschaft zu einem Paralleluniversum vergrößert. So etwas gibt es auch in Großbritannien. Da gibt es Stadtviertel, wo kein Weißer mehr hin will.
So kann sich das auch in Deutschland entwickeln. Wir haben diese Tendenz schon in den Großstädten. Es gibt Viertel in Berlin, wo man als Frau ungern mit weiblichen Attitüden glänzt. Was glauben Sie, wie es sich anfühlt, wenn in ihrem Wohnviertel nur noch verschleierte Frauen mit Ehre und Respekt behandelt werden und sie bespuckt werden, weil Sie kein Kopftuch tragen. Das gibt es alles schon in Deutschland.
Interview: Karsten Wiedemann

Güner Yasemin Balci: Arabboy, S. Fischer, 2008, 288 Seiten, 14,90 Euro, ISBN-13: 978-3100048134
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