Filmtipp

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“: Israel ohne Illusionen

Nils Michaelis04. November 2016
Seltenes Idyll: Arieh (Gilad Kahana), Amos (Amir Tessler) und Fania (Natalie Portman) (v.l.) beim Picknick. Foto: Ran Mendelson.
Geplatzte Träume in Zeiten des Aufbruchs: Natalie Portmans atmosphärisch dichte Literaturverfilmung „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ erzählt vom Niedergang einer Familie im jungen Israel.

Für ihr Langfilm-Debüt als Regisseurin hatte sich die 35-jährige einiges vorgenommen. Wie quetscht man dieses komplexe Buch in ein 90-Minuten-Korsett? In dem gleichnamigen internationalen Bestseller erzählt der israelische Schriftsteller Amos Oz von seiner Kindheit in einer aus Osteuropa eingewanderten Familie während der Geburtsstunde des Staates Israel. Es geht darum, warum Menschen, die viel miteinander durchgemacht haben, einander fremd sind. Um zerstörte Träume, um erste Begegnungen mit der hebräischen Sprache und Literatur. Um das Schuldgefühl der Überlebenden nach der Shoa. Oz schrieb sich auf knapp 800 Seite Dinge von der Seele, die ihn bis heute belasten. Das gilt vor allem für den Selbstmord der Mutter, den er als 13-Jähriger miterleben musste.

Der Film atmet nicht nur die Bewunderung des Hollywoodstars für das Buch, sondern auch einen gemeinsamen Erfahrungsschatz, wenn auch unter verschiedenen biografischen Voraussetzungen. Ebenso wie Amos Oz wurde Natalie Portman, die neben Drehbuch und Regie auch die Hauptrolle als Mutter übernahm, in Jerusalem, dem Drehort, geboren. Erzählungen der Großeltern über Europa, gleichermaßen verdammt und vermisst, prägten auch ihre Kindheit.

Enttäuschender Traum

Gestartet mit großen Visionen vom Land der Pioniere, landeten viele jüdische Immigranten im britischen Mandatsgebiet auf dem Boden einer fremden Realität aus Armut, Enge und Dreck. Genauso ergeht es auch der Familie des jungen Amos im Film, der seine Premiere vergangenes Jahr in Cannes gefeiert hat. Mitte der 40er Jahre, dort setzt die Handlung ein, träumt sein Vater Arieh vom Durchbruch als Gelehrter. Seine Leidenschaft ist das Hebräische: als Forschungsgegenstand und Symbol jüdischer Selbstbehauptung. Reich wird man damit nicht. Zu dritt wohnen sie in zwei kleinen Zimmern am Rande der Jerusalemer Altstadt. Seine Frau Fania, eine Liebe aus Studienzeiten, lebt vor allem in Erinnerungen an die Kindheit in Polen, in der Welt ihrer Romane und in ihren Träumen vom heldenhaften Leben und kühnen Pionieren in Palästina. Der Alltag wird ihr immer mehr eine Last.

Als 1948 der Staat Israel proklamiert wird und sich die Sehnsüchte so vieler Menschen erfüllt haben, geht es mit Fania zunehmend bergab. Nicht nur, weil zeitgleich ein neuer Krieg beginnt. „Es gibt nur einen Weg, einen verheißungsvollen Traum in seiner Gänze zu bewahren“, wird an einer Stelle gesagt. „Man darf niemals versuchen, ihn zu verwirklichen. Ein verwirklichter Traum ist ein enttäuschender Traum.“ Eben das wird Fania zum Verhängnis.

Gleichwohl versucht der Film nicht, ihren Freitod, das Trauma im Leben von Amos Oz, zu erklären. Das war auch eine der Bedingungen des Autors, die Filmrechte für sein autobiografisches Werk an Portman zu vergeben. Je brüchiger die anfangs so enge Kommunikation zwischen Mutter und Sohn wird, desto näher allerdings der Abgrund. Natalie Portman und Kameramann Slawomir Idziak – er prägte bildmächtige Dramen wie „Drei Farben: Blau“ – kleiden die Handlung in eine eindringliche Bildsprache, die zwischen dokumentarischer Schärfe und satter Opulenz wechselt. Ist Jerusalem ein ebenso diesiger wie grauer und garstiger Ort in tristen Tönen, leuchten Fanias Träume und Erinnerungen umso kräftiger. In der Rolle der Depressiven zieht Natalie Portman alle Register, wenn auch die Wirkung der literarischen Figur nicht erreicht wird.

Bilder für Unerklärliches

Wer die Buchvorlage kennt, mag von der Verfilmung auch an anderen Stellen enttäuscht sein. Gerade weil sie versucht, für die Sprachlosigkeit und das Unerklärliche Bilder zu finden und dadurch Fanias Innenleben das Geheimnis nimmt. Andererseits beweist Natalie Portman, dass sie nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Regisseurin hervorragend Expressivität und Mainstream miteinander zu verbinden weiß, ohne dabei zu vordergründig oder bedeutungsschwanger vorzugehen. Was gerade bei diesem Themenballast ein Verdienst ist.

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (Israel 2015), Buch und Regie: Natalie Portman, Kamera: Slawomir Idziak, mit Natalie Portman, Amir Tessler und Gilad Kahana u.a., 98 Minuten. Jetzt im Kino.

weiterführender Artikel