Mich führt es bei Besuchen in Büros und Wohnungen immer auch zu den Bücherwänden, selbst wenn ich sie schon kenne, ich spaziere an ihnen entlang und betrachte die bunte Parade der Buchrücken. Es geht dabei nicht um die Besitzer – Bücher verraten allerdings viel über ihre Herrschaften –, sondern darum, ihnen Guten Tag zu sagen. Wenn ich zum zweiten oder dritten Mal die freundliche Inspektion vornehme, sage ich hin und wieder erfreut: Ha, da bist Du ja, frage dann höflich nach, ob ich das Buch in die Hand nehmen darf und blättere in ihm und rede mit ihm. Ich weiß, Bücher lieben das und ich weiß auch, dass es ihnen zutiefst verhasst ist, in die zweite oder dritte Reihe verbannt zu werden, auch wenn es meistens nur aus Platzgründen und selten aus Missachtung oder gar Boshaftigkeit geschieht.
Ich besitze auch ein E-Book, genauer gesagt: ein E-Book-Lesegerät. Es stammt noch aus der Pionierzeit. Ich habe es nicht verstoßen, aber auch nicht lieben gelernt. Jetzt kommt eine neue Generation auf den Markt: 1000 und mehr Bücher in einem Teil. Nichts geht verloren, alles bleibt abrufbar, Holzschnitte, Radierungen, geniale Typographie, brillante Kompositionen, die Luzidität der Schriftwahl. Nicht ein Buch im Plastikgehäuse, nicht zwei oder drei, sondern viele, viele, viele, alle verhext ins Digitale und in einen Speicher gebannt, dort abrufbar – aber in der Mehrheit wohl endgelagert. Für manche sicher ein Fortschritt: Das Haus kann freier atmen, die Fanatiker der Kargheit kommen zu ihrem Recht, nur das Notwendigste stört von nun an die Brillanz der Leere. Das Gehaltvolle ruht zusammengeschmolzen in einer CD-Rom in Buchgestalt auf dem Kaminsims, keine Angst vor Kaffeeflecken, keine Eselsohren.
Was würden Sie sagen, wenn ich die Eselsohren, die Fingerflecken, die Staubanflüge, die Marginalien und Besitzeinträge am Ende gar reizvoll fände, Zeichen des gelebten Lesens? Ich liebe gebrauchte Bücher, die mit ihrer äußeren Gestalt die Zeit ihres Entstehens widerspiegeln. Faksimiles können das bei weitem nicht ersetzen. Nach- und Neudrucke ebenso wenig. Es ist der erste, der frühe, wenn auch fehlerhafte Auftritt, der mich anspricht. Was wäre, wenn ich die frische Druckerfarbe eines neuen Buchs, das Rascheln der Buchseiten, die Spuren von Prägungen nicht nur bei den alten, sondern auch bei neuen Büchern lieben würde? Aufgeschmissen beim E-Book wären vor allen anderen die Freaks, die Fans, deren Lesegenuss gesteigert wird, wenn sie anhand der Signatur oder Widmung des Autors sicher sein können, dass dieser das eigene Exemplar berührt und damit in einen besonderen Zustand erhoben, ja geradezu geadelt hat.
Vielleicht werde ich mir für Reisen eins der neuen Wunderkästchen zulegen. Dann kann ich auf die so oft bemühte Insel mehr als 10 Bücher mitnehmen. Aber ansonsten bleibt der Wunsch nach Berührung, nach dem unverwechselbaren Individuum in Buchgestalt, nach echtem Papier und Farbe, nach dem Durchblättern, dem Daumenkino auf der Suche nach einer bestimmten Stelle, den schönen Lesezeichen und – sagen wir es doch offen: Es bleibt der Wunsch nach Bücherstapeln neben dem Bett, nach dem optischen Reiz der Buchregale und Bücherwände und nach dem unverwechselbaren Duft, den eine Ansammlung richtig guter Bücher verströmt.



