Der "Hauptlieferant“ von Frauen für den Westen ist Osteuropa. Etwa 71 Prozent aller Opfer auf dieser Route kommen aus mittel- und osteuropäischen Ländern. Die postsowjetischen Republiken sind durch dieses Übel seit dem Fall des Eisernen Vorhanges betroffen. Die Ukraine ist eines der führenden Herkunftsländer, die zusätzlich in den letzten Jahren auch noch Transitland auf dem Weg aus Asien nach Europa geworden ist. Aktuelle Statistiken sprechen von etwa 100 000 Frauen, die seit 1991 aus der Ukraine verschleppt wurden.
Teufelskreis Prostitution
Frauen und junge Mädchen werden in der Regel von den Schleppern mit attraktiven Jobangeboten in den Westen gelockt und dann zur illegalen Prostitution gezwungen. Da ihnen alle Papiere entzogen werden und sie normalerweise keine Fremdsprache beherrschen, sind sie nicht in der Lage, sich an die Polizei zu wenden und um Hilfe zu bitten. Dazu kommen noch Drohungen seitens der Händler, den Familienangehörigen der Opfer Schaden zuzufügen. Auf diese Weise geraten die Frauen in einen Teufelskreis.
Es gibt aber auch andere Wege in die illegale Sex-Industrie. Eine der zweitverbreitesten Werbemethoden sind sogenannte Vermittlungsagenturen für Bekanntschaften und Heirat, die für reiche Männer aus Westeuropa „ukrainische Bräute“ suchen. In diese Falle geraten häufig diejenigen Frauen, die von einem schönen Leben in Europa träumen und dieses um jeden Preis haben möchten. Neuere Tendenzen in diesem Geschäft sind ehemalige Prostituierte, die selbst als Anwerberinnen auftreten. Dies wird als „zweite Welle“ bezeichnet. Dabei ist nicht zu vergessen, dass ein bestimmter Anteil der Frauen sich freiwillig auf die Prostitution einlässt. Allerdings werden viele in die Not getrieben.
Armut und Perspektivlosigkeit
Die Ursachen des Menschenhandels haben sowohl ökonomischen als auch sozialen Charakter. Der Hauptgrund, warum sich Frauen von den „Arbeitsversprechen“ verleiten lassen, ist Armut und Perspektivlosigkeit, die in der Ukraine herrschen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 9,5 Prozent. Hinzu kommt eine „Feminisierung“ der Arbeitslosigkeit. 80 Prozent der Arbeitslosen sind Frauen. Dieses Phänomen hängt direkt mit der Ungleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zusammen. Da die Gesellschaft noch stark von patriarchalistischen Rollenvorstellungen geprägt ist, lässt die gesellschaftliche Stellung der Frauen zu wünschen übrig.
Lange Zeit galten Familie und Haushalt als Reich der Frauen. In der Sowjetunion änderte sich dies, weil eine der ideologischen Ausrichtungen im Kommunismus die offizielle Emanzipation war. Sie zeigte sich jedoch nur darin, dass Frauen genauso hart arbeiten mussten wie Männer. Dabei waren die Arbeitsbedingungen schwierig: Nach einem kurzen Erziehungsurlaub musste die Frau wieder in den Beruf einsteigen. Die politische Partizipation der Frauen wurde dabei nicht gefördert.
Aus juristischer Sicht wurden in den letzten Jahren viele Gesetze in der Ukraine verabschiedet, die Frauenrechte schützen sollen, wie zum Beispiel das Gesetz über die Gleichstellung (2005). Diese Gesetzgebung hat einen durchaus progressiven Charakter, da sie den Frauen gleiche Rechte auf Arbeit, Bezahlung und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten garantiert. Allerdings bestehen diese Rechte meistens nur auf dem Papier.
Die Wirklichkeit sieht anders aus
In Wirklichkeit werden Frauen immer noch stark diskriminiert, besonders in beruflicher Hinsicht. Dies betrifft nicht nur eine niedrigere Bezahlung für gleiche oder bessere Leistung bzw. Qualifikation, sondern auch fehlende Unterstützung für alleinerziehende Mütter, Diskriminierung nach dem Familienstand, usw. Nur wenige Frauen bekleiden führende Positionen. Politik und Wirtschaft sind immer noch eine Männerdomäne.
Auch wegen dieser Chancenungleichheit und Perspektivlosigkeit suchen viele Frauen – besonders jüngere – ihr Glück in Europa. Dabei sind sie sich nicht immer über alle Gefahren bewusst und geraten oft in die Hände der Menschenhändler.
Frauenhandel ist zwar nicht die einzige Folge von Frauendiskriminierung; er zeigt jedoch auf, wie wichtig es ist, etwas für eine gesellschaftliche Geschlechtergleichheit zu tun, um sich daraus ergebende Probleme zu vermeiden. Um die aktuelle Situation in der Ukraine zu verändern, müssen Rollenmuster geändert und Stereotype abgebaut werden. Außerdem müssen die formal guten Gesetze im Arbeitsbereich auch in die Realität umgesetzt werden.
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 2470 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.