Die heftige Polemik in Deutschland um den Pannenmeiler Krümmel bei Hamburg lässt den Betreiber der französischen Atomanlagen, Electricite de France (EDF), prompt reagieren: Zunächst würden alle älteren Atomunternehmen systematisch durchleuchtet und ihre Laufzeit um 10 Jahre verlängert. Der Großteil wurde zwischen 1979 und 1990 gebaut; vier mit einer Gesamtleistung von je 1.450 MW, 20 mit 1.300 MW und der Rest von 34 Anlagen mit je 900 MW. 1998 hatte EDF beschlossen, alle 10 Jahre die Blöcke zu "röntgen". In Frankreich gibt es weder ein Ausstiegsdatum noch eine Auslauffrist. Bisher hat der Konsens der Franzosen über die Kernkraft, aus der 80 Prozent des nationalen Strombedarfs gedeckt werden, gehalten. Ein Zankapfel zwischen den Parteien war die Atomindustrie nie.
"Problemfall Tricastin 1"
Indessen hatte die französische Atomaufsichtsbehörde "Autorite de Securite Nucleaire" (ASN) schon oft Anlass zu massiver Kritik, zu Reklamationen und Drohungen mit Schließung; zuletzt bei zwei Störfällen im südfranzösischen Atommeiler Tricastin 1, der in Frankreich die Rolle des deutschen Pannenmeilers Krümmel spielt. Im Juli vorigen Jahres war flüssiges Uran ausgetreten und einige Wochen später radioaktiver Staub, der über 100 Techniker gefährdete. Zum "Problemfall" Tricastin sollen heute über 500 Beanstandungen vorliegen.
Vor drei Monaten wurde der Reaktor vom Netz genommen. Womöglich auch deshalb, weil Kernkraftgegner, Greenpeace und die "verts" (Grünen) immer wieder die Geheimniskrämerei des EDF-Betreibers beklagten. Störfälle seien heruntergespielt und kleingeredet worden, nach Firmenangaben seien Beschäftigten nie radioaktiv gefährdet gewesen. Besonders in Tricastin 1 wurde gemauert - die Regierung in Paris mußte schließlich insistieren, dass die Öffentlichkeit nicht mehr mit Ausreden, Banalitäten und Allgemeinplätzen abgespeist wurde.
Im Mittelpunkt der Generalüberholung sollen die oft 30 Jahren alten Stahlmäntel sowie die Betonabschirmungen stehen. Ein von EDF-Ingenieuren gebauter Spezialroboter wird den Reaktorbehälter auf Risse in der Ummantelung "abtasten". Nach Ende der Testläufe erhält die ASN-Behörde einen Prüfbericht. Nur wenn kein Sicherheitsrisiko besteht, soll die Laufzeit der Altwerke um 10 Jahre verlängert werden. Im Herbst 2010 wird entschieden, ob Tricastin 1 wieder ans Netz geht.
Laufzeit auf 60 Jahre strecken
In diesem Herbst wird das 1971 gebaute AKW Fessenheim 1 im Elass kontrolliert. Bis 2019 folgt der Rest der 34 Reaktoren. Im Jahresdurchschnitt werden nach EDF-Angaben drei bis vier Kernwerke geprüft. Jede AKW-Kontrolle kostet 50 Mill. Euro, für Materialaustausch seien zwei Drittel der Summe vorgesehen. Ein Experte warf unlängst die Frage auf, ob die Laufzeit einiger Meiler nicht um 20 Jahre – wie zum Beispiel in den USA – verlängert werden könnte. In der Schweiz und in Schweden, berichten Pariser Zeitungen, würden einige AKWs 60 Jahre alt. Eine abschließende Meinung liegt in Paris nicht vor.
Weiter steht im Mittelpunkt die Ausbildung und Kompetenz von Atomingenieuren. Der Bedarf an gutausgebildetem Forscherpersonal - den starken Atomwirtschaftszweig im Auge – ist enorm. Der heutige Wissensstand, die aktuelle Sicherheitsnachfrage und der technische Fortschritt machten einen "neuen professionellen Anforderungskatalog" notwendig, fordern Fachleute. Die erweiterte Ausbildung habe sich vor allem auf die Kompetenz eines "Störfall-Managers" zu konzentrieren. Die Rolle war in der Pannenanlage Tricastin sträflich vernachlässigt worden. Paris stellt jetzt seine Reaktoren auf dem Bratrost – man darf gespannt werden, ob und welche Mängel festgestellt werden.
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