Niedriglohn-Kombilohn Fass ohne Boden

von Ursula Engelen-Kefer - 13.08.2010
Das Bundesarbeitsministerium ist empört. Grund dafür ist die Darstellung in der Frankfurter Rundschau, dass seit 2005 über 50 Mrd. Euro aus Steuergeldern zur Aufstockung von Niedriglöhnen ausgegeben werden mussten, Tendenz steigend. Dabei ist dies nichts anderes als das kleine Einmaleins mit Zahlen aus dem Ministerium selbst. Ein Kommentar von Ursula Engelen-Kefer

Wenn inzwischen pro Jahr mehr als 11 Mrd. Euro zur Aufstockung von Niedrigstlöhnen ausgegeben werden müssen, summiert sich dies in den fünf Jahren seit 2005 auf über 50 Mrd. Euro. Fragt sich nur: Warum auf einmal dieser Sturm der Entrüstung gegenüber der Darstellung der durch Politik und Gesetzgebung beabsichtigten Schaffung eines gigantischen Kombilohnsektors?  

Kann es vielleicht sein, dass jetzt erst erkannt wird, was mit der gesetzlichen Schleusenöffnung bei befristeter Beschäftigung, Leiharbeit, geringfügiger Beschäftigung und 1-Euro-Jobs angerichtet wurde: Eine sich beschleunigende Entlastung der Wirtschaft auf dem Rücken der betroffenen Menschen und Steuerzahler. Die vom Staat für die Aufstockung zur Verfügung gestellten Steuermilliarden sind erlassene Lohnverpflichtungen der Arbeitgeber.

Niedriglohnsektor breitet sich aus

Sobald ein Arbeitgeber von dem gesetzlich zugelassenen Lohndumping Gebrauch macht, müssen andere nachziehen, sonst sind sie aus dem Geschäft. Sei es im Gaststättengewerbe, im Einzelhandel oder in Bildungseinrichtungen. Schon längst sind nicht mehr nur die gering qualifizierten Tätigkeiten betroffen. Der Niedriglohnsektor breitet sich immer mehr auch in höher qualifizierten Tätigkeiten aus.

Völlig absurd ist es, wenn jetzt aus dem Bundesarbeitsministerium empört verlautet wird, von den 1,4 Mio. Aufstockern seien drei Viertel geringfügig beschäftigt. Daher sei das wahre Niedriglohnproblem viel geringer. Dies ist unverantwortliche Vogel-Strauß-Politik. Die gesetzliche Erleichterung der 400-Euro-Jobs ist geradezu eine Einladung an Arbeitgeber und Arbeitnehmer: anstelle sozialversicherungspflichtiger Vollzeit- oder Teilzeitarbeit gehen sie derartige Miniarbeitsverhältnisse unterhalb der Existenzsicherung ein.

Zum einen gilt hier: Brutto für Netto! Was viele Arbeitnehmer dazu verführt, sich auf diese Niedrigstlohnjobs einzulassen. Zum anderen braucht niemand ein schlechtes Gewissen oder Existenzangst zu haben: Hartz IV macht’s möglich und der Steuerzahler finanziert die Grundssicherungslücke. Dabei zeigt sich immer mehr: Einmal in dieser Armutsspirale gefangen, ist ein Entkommen in existenzsichernde Beschäftigung kaum mehr möglich. Und es trifft zu drei Viertel wieder einmal die Frauen.

Verantwortung an die Wirtschaft zurückgeben

Dem Bundesarbeitsministerium wäre daher zu raten: Anstelle der medialen Empörung ob dieser selbstverständlichen Transparenz über den explodierenden Niedriglohnsektor endlich die Reißleine zu ziehen. Dazu muss zuvörderst die Wirtschaft wieder in die Verantwortung für existenzsichernde Löhne genommen werden. Eine der entscheidenden Voraussetzungen ist die Schließung der gesetzlichen Schleusen für die  Ausbreitung der Niedriglohnsektoren. Vor allem müssen grundsätzlich alle Arbeitsverhältnisse – bis auf eine Bagatellgrenze - wieder in die Sozialversicherungspflicht einbezogen werden.


Channel: Inland  

wen wunderts? Gesetze werden

Bild von Frank K.

wen wunderts?

Gesetze werden nicht nur von Politikern geschrieben, sondern auch von Lobbyverbänden, Instituten, Professoren usw., die alle eines gemeinsam haben.

Keine Ahnung von der Welt "da unten".

In den Medien werden meisten "Hörensagen"-Geschichten erzählt, die sie von irgendwelchen Mitarbeitern zusammen gestellt bekommen, die dann entweder nach Anforderung oder sonst geschrieben sind, damit die Politiker in ihrer eigenen Welt sorglos weiter leben können.

Kurz vor Wahlen gehen sie dann mal unters Volk und hören sich kurz die Sorgen und Probleme der Menschen an und das war es dann meistens auch.

Nach den Wahlen werden gerade die - noch wählenden - Bürger wieder enttäuscht und so wird die "Partei der Nichtwähler" weiter wachsen.

Politik wird nicht mehr "für das Volk" gemacht, sondern das Volk ist nur noch Stimmgeber, sofern sie noch wählen.

Was wäre aber, wenn es eine nue Regierung mit Beteiligung der SPD oder es eine Regierungskoalition aller jetzigen Oppositionsparteien geben würde. Wäre es dann anders?

Die gleichen Lobbyisten, die gleichen (externen) Berater usw., aber eine volksfreundliche Politik und da meine ich nicht die, die seit Jahrzehnten betrieben wird, in der nur die mit hohem Einkommen nach den Wahlen das "Volk" sind, wird höchstwahrscheinlich weiterhin nicht gemacht.

Einen Mindestlohn einzuführen wäre nötig, aber dazu gehören auch angemessene Erhöhungen der Sozialleistungen (keine Gutscheine), denn so lange sich keine Mehrheit für einen Mindestlohn finden würde, könnten höhere Sozialtransfers zwischenzeitlich auch zu höheren Löhnen führen.

Das ist das, was Schwarz-Gelb in ihren Reden vom Lohnabstandsgebot immer wieder unterschlagen. Statt die Sozialleistungen in gleicher Höhe beizubehalten oder sie zu senken, sollte die Wirtschaft reagieren und von sich aus durch höhere Löhne dafür sorgen, das dieses Gebot wieder eingehalten wird.

Das vermisse ich allerdings bei allen Parteien, das dieser Gedanke bisher nicht angesprochen wurde.

Ein weiteres Beispiel für einen angemessenen Mindestlohn wäre das SGB 2 selbst, denn dort steht in § 1 Abs. 1

"Die Grundsicherung für Arbeitsuchende soll die Eigenverantwortung von erwerbsfähigen Hilfebedürftigen und Personen, die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft leben, stärken und dazu beitragen, dass sie ihren Lebensunterhalt unabhängig von der Grundsicherung aus eigenen Mitteln und Kräften bestreiten können."

ich wiederhole
".....unabhängig von der Grundsicherung aus eigenen Mitteln und Kräften bestreiten können"

Dagegen wird jeden Tag wissentlich verstoßen.

mfg

Frank K.

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