Interview mit dem Historiker Matthias Neutzner "Erinnern verpflichtet"

von Susanne Dohrn - 10.02.2009
Im Februar 1945 bombardierten die Alliierten Dresden. Tausende Menschen starben. 60 Jahre später ist ein Streit über die Opferzahlen entbrannt, die Neonazis für ihre Propaganda missbrauchen. Der Historiker Matthias Neutzner klärt auf.

Am 13. Februar 1945 bombardierten die Alliierten Dresden. Demo, Gegendemo – ist das die richtige Art, daran zu erinnern?
Ja und Nein. Seit 1990 nutzen rechtsextreme Gruppen die Erinnerung an die Zerstörung der Stadt auch öffentlich für ihre politischen Ziele. Dem müssen wir entgegen treten. Wir zeigen, dass die Mehrheit der Dresdner diesen Missbrauch des Erinnerns nicht billigt. Aber das allein reicht nicht aus.
 
Welche Botschaft wäre die richtige?
Dass Erinnern zum Engagement für Frieden, Demokratie und Menschenrechte verpflichtet. Auf dieser Plattform gibt es jedes Jahr Dutzende Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Gruppen – einige davon mit langer Tradition. Aber das wird öffentlich kaum noch wahrgenommen, weil der rechte Missbrauch alles überstrahlt.

Ein Thema der Rechten ist die Zahl der Toten: 250 000. Stimmt das?
Das ist eine Fälschung der nationalsozialistische Propaganda aus dem Frühjahr 1945. Um Klarheit zu schaffen, hat die Stadt 2005 eine unabhängige Historikerkommission mit der Untersuchung beauftragt. Die spricht von 18 000 bis 25 000 Toten. Das bestätigt die Zahlen, die man in der Stadtverwaltung seit 1945 wusste. 

Auch das sind sehr viele Tote.
Absolut. Wenn 20 000 Menschen in einer Nacht sterben, ist das eine enorme Katastrophe, nicht nur aus lokaler Perspektive. 

Kann man das als Kriegsverbrechen bezeichnen?
"Verbrechen" ist eine juristische Kategorie, die uns nicht weiter hilft. Wichtig ist: Die Alliierten führten einen notwendigen, gerechtfertigten und für sie opferreichen Krieg. Der Luftkrieg gegen Städte war jedoch unverhältnismäßig – letztlich Ausdruck einer bis heute geltenden militärischen Ökonomie, in der der Schutz der eigenen Soldaten immer Vorrang vor dem Schutz von Zivilisten hat.

Die Neo-Nazis verwenden für den Angriff auf Dresden den Begriff „Bomben-Holocaust“. Was bezwecken sie damit?
Das ist der Versuch einer Gleichsetzung. Man sagt, es mag auf der deutschen Seite Verbrechen gegeben haben, aber auf der alliierten Seite gab es genauso große. Das ist unwahr. Der Holocaust hatte als systematischer Völkermord völlig andere Motive und eine völlig andere Dimension.

Und der Begriff macht die Deutschen pauschal zu Opfern.
Genau. Natürlich war Dresden keine Stadt von hunderttausenden verbohrt kämpfender Nazis, aber auch keine Stadt allein von Kunstliebhabern, die nur Strauß hörten und Kaffee tranken. Pauschalisierung hilft hier nicht weiter, sondern nur Differenzierung.

Interview: Susanne Dohrn

Matthias Neutzner arbeitet als Historiker, Publizist und Ingenieur in Dresden. Er ist Mitglied der Historikerkommission der Landeshauptstadt Dresden zu den Luftangriffen im Februar 1945.

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AutorIn: Susanne Dohrn  

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Bild von Rudolf Homann

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