Nikolas Busse beginnt seine Betrachtung mit einem historischen Abriss. Der Aufstieg Europas begann mit der Entdeckung und Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents, dem ein weiteres Ausgreifen in Afrika und weiten Teilen Asiens folgte. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts befeuerte die wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft über den Globus. Als die beiden Weltkriege jene Dominanz determinierten und die Kolonialreiche der westeuropäischen Staaten erodierten, traten die USA deren Nachfolge an – eindringlich unterstrichen mit der ultimativen Waffe: der Atombombe. Diese Macht der westlichen Staaten übertrug sich auf die internationalen Spielregeln und Institutionen, so Busse. Mit den Vereinten Nationen, dem internationalen Währungsfond und dem Prinzip des Freihandels habe der Westen seine wirtschaftlichen und politischen Vorstellungen in der Welt gefestigt.
Neue Mächte
Diese Welt jedoch ist im Wandel. Allen voran China entwickelte sich mit einer wirtschaftlichen Wachstumsrate von jährlich 8 bis 10 Prozent zur nunmehr drittgrößten Volkswirtschaft und dessen Potential scheine noch lange nicht erschöpft. Auch Indien befinde sich Dank rasant entwickelnder IT-Branche im Aufwind. Ähnliches gelte für die aufstrebenden Staaten Südost-Asiens oder auch Brasilien. Zu jenen neuen Machtzentren gesellten sich Russland, welches dank seiner reichen Rohstoffe nach dem Untergang der UdSSR wieder seine Stimme im Konzert der Großmächte erhebt, und Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Zwar verzichte letzteres bisher auf den Aufbau einer schlagkräftigen Armee unter dem Schutzmantel der USA, doch welche Folgewirkungen das Erstarken Chinas auf die asiatische Machtbalance haben wird, müsse als offen gelten.
Der Westen, so Busse, sieht sich heute herausgefordert und zwar auf unterschiedlichsten Feldern. So ist die Atombombe heute kein exklusives Machtinstrument der alten Großmächte. Neben Indien gelangte auch Pakistan in dessen Besitz. Gleiches gilt auch für Nordkorea und auch der Iran scheint an seinen Rüstungsplänen festzuhalten. Hier deute sich ein zunehmender Kontrollverlust des Westens an. Ähnliches gelte auch für das Feld der konventionellen Rüstung. Zwar seien die USA, wie im Irak-Krieg demonstriert, mit ihrer Interventionsstreitmacht den anderen Armeen weit voraus, doch zweifelsohne verdeutlichen die steigenden Militärausgaben Chinas Ambitionen auf der Weltbühne. Europa sei demgegenüber untätig und laufe Gefahr seinen Einfluss zu verlieren. Dies zeichne sich ebenso in der Frage der Rohstoffe ab. So konnte China aber auch Indien seinen Einfluss in den Regionen Arabiens, Südamerikas und insb. Afrikas ausbauen. Die ehemaligen Kolonialherren in Europa würden zunehmend verdrängt, während man hier der irrigen Annahme verfalle, ein verstärktes Engagement zur Sicherung der Ölvorkommen könne vernachlässigt werden, da alternative Energiequellen die Probleme lösen würden.
Konsequenzen
Wie aber kann der Westen auf den Verlust des Gestaltungsmonopols reagieren, wie die Staaten Europas ihrem Bedeutungsverlust entgegenwirken? Busse plädiert klar gegen jede Form des Isolationismus. Offensiv müsse Europa seine Interessen formulieren und in der Welt vertreten. Ein „Salonpazifismus“ sei abzulehnen und ein stärkeres Engagement, auch militärisch, einzufordern. Unabdingbar auf diesem Wege sei eine enge Kooperation der EU- Staaten um auf internationaler Bühne Gehör zu finden. Die USA seien hierbei als der natürliche Partner anzusehen.
Nikolas Busse gibt in seinem Buch einen interessanten und lesenswerten Ausblick auf die internationale Politik von Morgen, in der der Westen seinen dominanten Einfluss in einer multipolaren Welt zu verlieren droht. Im Grunde sei dieser Prozess angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs anderer Weltregionen nicht zu verhindern. Umso entscheidender sei es, sich strategisch hierauf vorzubereiten, um sich nicht im Abseits wieder zu finden. Interessant scheint, dass, wie in der Thematik üblich, nicht nur China als neue Weltmacht diskutiert wird. Ob jedoch der Staatenteppich Südostasiens oder Brasilien tatsächlich als neue Mächte in der Weltpolitik betrachtet werden müssen, mag zumindest nicht als ausgemacht gelten.
Ähnlich überraschend wirkt es, die seit Jahrzehnten dominante Volkswirtschaft Japan oder auch die ehemalige Supermacht Russland als neue Spieler auf der Weltbühne anzusehen. Busses Diagnose eines omnipotenten Westens mag die Weltpolitik nach 1989 zutreffend beschreiben, der zuvor die Weltpolitik bestimmende Ost-West Konflikt wird jedoch nicht einmal erwähnt. Insofern erscheint die Vorstellung einer den Westen herausfordernden Supermacht China, und genau hierauf läuft ein Großteil des Buches trotz Erwähnung weiterer Mächte letztendlich hinaus (siehe Cover), keineswegs als historisch einmalig.
Ohne Zweifel betrachtet Busse diese Entwicklung aus Sicht der Realistischen Schule, in der Macht in der internationalen Politik als Summe wirtschaftlicher und militärischer Potenz gesehen wird. So erklärt sich auch sein Zuspruch für die amerikanische Außenpolitik und die harsche Kritik an Europas Träumereien von Klimaschutz und Pazifismus.
Ulf Lindner
Nikolas Busse: Entmachtung des Westens, Die neue Ordnung der Welt, Propyläen, Berlin 2009, geb., 304 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-549-07333-9




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Ah ja.
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Felix Krebs