Wäre die Vergabe von Ausbildungsplätzen eine Rechenaufgabe, gäbe es wohl kein Problem in Deutschland. Das zeigt das Beispiel Berlin. 1000 freie Plätze in 90 Berufen finden sich Ende August noch in der Ausbildungsbörse der Industrie- und Handelskammer (IHK). „Später als in anderen Bundesländern ist die demografische Zeitenwende jetzt auch bei uns angekommen“, sagt Christoph von Knobelsdorff, Geschäftsführer Berufsbildung der IHK Berlin. Die Zahlen der Schulabgänger gingen deutlich zurück. 2009 kamen 700 kurz vor Ausbildungsbeginn zu einem Nachvermittlungstermin der IHK Berlin. Ihnen standen 800 betriebliche Angebote gegenüber – Ausbildungen oder Praktika, die für eine Ausbildung qualifizieren sollten, plus vom Arbeitsamt geförderte Plätze. „Rein zahlenmäßig stehen genug Plätze zur Verfügung“, so von Knobelsdorff.
Bundesweit wurden nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) im vergangenen Jahr sogar 50 000 Lehrstellen nicht besetzt. Bei gleichzeitig hohen Zahlen von Schulabgängern, die ohne Job bleiben, die teils direkt von der Schule an die Arbeitsagentur überwiesen werden. Den Widerspruch erklären kann ein Wort, das immer häufiger fällt: Ausbildungsreife. An der mangele es einer steigenden Zahl von Schulabgängern, klagen Unternehmen. Im Ausbildungspakt zwischen Bundesregierung und Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft werden Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen, Schreiben sowie soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit als Voraussetzungen für Ausbildungsreife genannt. „Es wäre gefährlich, Pauschalurteile zu fällen“, sagt von Knobelsdorff. Mitnichten seien die Schüler alle „zu doof“. Allerdings sei schon ein Versagen von Schule festzustellen, wenn jemand mit Haupt- oder Realschulzeugnis nicht richtig lesen und schreiben könne.
Und wer hat versagt, wenn jemand schlampig zum Bewerbungsgespräch kommt und den Mund nicht aufbekommt? Das fragt sich manches Mal Khalid Sharif. Er ist Ausbildungsplatzentwickler beim Bildungswerk Kreuzberg (BWK) und bewegt Firmeninhaber mit Migrationshintergrund dazu, Ausbildungsbetrieb zu werden. Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes zeigt nämlich regelmäßig, dass migrantische Firmeninhaber weit unterdurchschnittlich ausbilden. Im Rahmen des EU-geförderten Jobstarter-Programms hat das Bildungswerk deshalb seit 2007 gezielt Unternehmer mit türkischem und arabischem Hintergrund angesprochen. Das Ergebnis macht Mut: 200 Ausbildungsplätze wurden mit Hilfe des Projekts neu geschaffen. In Lebensmittelgeschäften, Kiosken, vereinzelt auch Grafikunternehmen, Schuhgeschäften, KfZ-Werkstätten, Bäckereien, Blumenläden, Fruchtbasaren, Schlüsseldiensten und Orient-Reisebüros. Die Schulabgänger werden Verkäufer, Restaurantfachkräfte, Bürokaufleute. Das Gute daran: Viele der Lehrstellen gehören zu jenen, die in Deutschland immer weniger werden, für die nämlich auch ein niedrigerer Bildungsgrad ausreicht.
Jogginghose geht nicht
Die Unternehmen profitieren, weil das BWK sie bei dem bürokratischen Prozedere begleitet, das nötig ist, um Ausbildungsbetrieb zu werden. Doch inzwischen ist für Sharif das Überzeugen eines arabischen Mittelständlers sogar die leichtere Aufgabe. Die wahre Hürde sei es, einen geeigneten Bewerber zu finden, den er dem Unternehmer vorschlagen kann. Dabei spielen Noten die untergeordnete Rolle, das BWK vermittelt auch mit schlechterem Abschluss, wenn die Motivation erkennbar ist. „Aber wenn ein junger Mann vor mir sitzt, der Friseur werden will und er hat einen ungepflegten Drei-Tage-Bart, trägt Jogginghose und kann sich nicht artikulieren – dann muss ich ihn wieder wegschicken.“ Im Schnitt fünf von 50 Bewerbern, die sich über Arbeitsamt, Schule oder andere Multiplikatoren beim BWK gemeldet haben, seien geeignet. „Mühselig“ sei die Auswahl, so Sharif. Nicht alle neu geschaffenen Ausbildungsstellen könnten sofort besetzt werden. Ab September sind noch rund 30 Plätze frei.
Dieses Problem hat Hans-Joachim Mayer nicht. Er ist Ausbildungsleiter beim Energieversorger MVV Energie AG in Mannheim. „Wir haben keine Probleme, unsere Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagt Mayer. „Wir sind im Rhein-Neckar-Raum sehr bekannt.“ Auf die 30 bis 40 Stellen pro Jahr kommen bei MVV 1600 bis 2000 Bewerber. Es geht um Ausbildungen zum Mechatroniker, Elektroniker für Betriebstechnik, Industriekaufmann sowie um duale Studiengänge wie Elektrotechnik. Um die Masse der Bewerbungen überhaupt bearbeiten zu können, hat MVV ein mehrstufiges Verfahren entwickelt. Die erste Hürde schaffen alle, die durchschnittliche Noten und einen ebensolchen Lebenslauf vorweisen können. „Wir suchen keine Überflieger“, betont Mayer. Es folgen ein Einstellungstest sowie das Bewerbungsgespräch. In diesem ginge es auch darum, ob die Bewerber eine Vorstellung vom Berufsbild haben. Das sei leider häufig nicht der Fall.
Auch die Ausbildung hat sich verändert, Ausbilder müssten heute auch Pädagogen sein, denn viele Schulabgänger müssten erst „das Lernen lernen“. Der MVV bietet entsprechende Kurse an. Eine Neuerung ist auch der „Mathe-Refresher“, eine Unterrichtseinheit, die als Fortbildung für Monteure gedacht war und in der jetzt Azubis Wissenslücken füllen.
Nachhilfe im Betrieb
Immer mehr Firmen, so hat der DIHK herausgefunden, bieten „Nachhilfe“ für Azubis an, von Fachlichem über Grundkenntnisse in Mathe und Deutsch ist
alles dabei. Ohne dieses Engagement wird es in Zukunft nicht gehen, glaubt Nihat Sorgec, BWK-Geschäftsführer. Insbesondere die mittelständischen Betriebe müssten ihre Anforderungen an Bewerber wieder etwas herunterschrauben und anerkennen, dass sie manchem beim Defiziteaufholen stärker behilflich sein müssen. „Mit Blick auf den demografischen Wandel müssen sich die Erwartungen verändern“, im eigenen Interesse und im Interesse der Gesellschaft. Besonders das Potenzial von Schulabgängern mit Migrationshintergrund müsse besser genutzt werden. „Diese jungen Menschen bringen auch viel mit, etwa ihre Bilingualität.“ Große Konzerne, wie einige Banken, hätten das schon erkannt und würden entsprechende Programme auflegen.
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